Die Ausweichschule

Roman | Shortlist Deutscher Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
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Buchprofile - Rezension
Ein Dreißigjähriger stößt erneut auf Unverarbeitetes nach dem Erleben eines Amoklaufes in der Schule.
Der autobiografische Ich-Erzähler hat sich als Stoff für seinen zweiten Roman den Amoklauf in der Erfurter Gutenbergschule 2002 "ausgesucht", den er als Fünftklässler selbst erlebte. Bei der Recherche, den Schreibversuchen, dem Gespräch mit seinem Lektor stößt er auf zahlreiche Hindernisse: Ein Dramatiker setzt den Stoff zeitgleich und sehr zügig neu in Szene, die Freundin und die Therapeutin suchen ihn von dem schweren Stoff abzulenken, der Verlag sucht eher Heimatkrimis. Der Erzähler selbst findet auch im Gespräch mit einem ehemaligen Erfurter Klassenkameraden kaum Entsprechung für seine Erinnerungen. Die eigene Mutter, Literaturwissenschaftlerin, verweigert sich als Gedankenpartnerin für die gemeinsamen Lebenserinnerungen. Der mehrfach in Berichten aufgearbeiteten (Familien-) Geschichte des Täters gewinnt er nicht Erklärendes ab. Und der Besuch vor Ort erweist sich gleichfalls als kaum inspirierende Reise. So bleibt der Text ein zu schmaler Torso, der schließlich als Datei im Computerordner "Projekte" abgespeichert wird. – Die zahlreichen Perspektiven und Perspektivwechsel modelliert Erdmann gekonnt zu einem erklärungsoffenen Puzzlespiel eines jungen Menschen, der für sich selbst unfassbares Geschehen und Leid erklären will. Der sprachlich gekonnt formulierte Roman über einen nicht erschienenen Roman ist von der Sehnsucht durchdrungen, traumatische Erinnerungen wirklich ausblenden zu können. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
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Susanne Steufmehl empfiehlt:

Der grandiose Roman des jungen Schriftsellers Kaleb Erdmann hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025 geschafft. Und das mit Recht, denn „Die Ausweichschule“ ist ein sowohl stilistisch als auch inhaltlich überzeugender Versuch, die Aus- und Nachwirkungen eines traumatischen Erlebnisses zu erkennen und zu verarbeiten. Viel von seiner eigenen Vita hat Erdmann in diesen Roman gepackt, denn - wie er selbst - erlebte sein Protagonist 2002 den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, dem 16 Lehrer und Schüler zum Opfer fielen. Der schriftstellernde Ich-Erzähler, damals Fünftklässler, hat aber weder etwas von der Schießerei mitbekommen noch Leichen sehen müssen. Nur die Panik, die anschließende Fassungslosigkeit und die hilflosen Versuche, den Überlebenden zu helfen. Unter anderem mit dem Umzug in eine Ausweichschule. Mit der Überzeugung, dass es für ihn „nicht so schlimm“ gewesen sei, lebt er 20 Jahre lang, bis ein harmloser Wirtshausstreit etwas in ihm auslöst und ihn beinahe schutzlos seinen so lang verborgenen und unterdrückten Ängsten ausliefert. Urplötzlich fällt ihm ein, dass er den Attentäter auf seinem Weg in die Schule gesehen hat. Er beschließt, ein Buch über seine damaligen Erlebnisse zu schreiben und beginnt mit Recherchen über den Ablauf des dramatischen Tages. Doch es ist schwer, nach all dieser Zeit noch Menschen zu finden, die darüber reden wollen. Sein mühevoller schmerzhafter und am Ende doch heilsamer Prozess führt zur Entstehung dieses Buches. Es wird zur Geschichte eines Schriftstellers, der ein Trauma überwindet, keine Geschichte eines Attentäters. Das Einnehmende an diesem Buch ist daher die Art, wie Erdmann seine Hauptfigur in einer intakten Beziehung und einem gefestigten Familienkonstrukt darstellt. Und dennoch braucht er andere Hilfe, von Psychologen und von Menschen, die das Unfassbare mit ihm geteilt haben. Mich hat der offene und selbstironische Stil Erdmanns, der trotz des ernsten Themas oft für ein Schmunzeln sorgt, und ein überraschender Plottwist für dieses Buch eingenommen.

Susanne Steufmehl, Buchberaterin Belletristik und Sachbuch
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Artikelbeschreibung

Die Vermessung des Unsagbaren

Am letzten Tag der Abiturprüfungen im Jahr 2002 fallen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Unser Erzähler erlebt diesen Tag als Elfjähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden? 

Kaleb Erdmanns Roman Die Ausweichschule ist ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, ein Stück Autofiktion, das gleichermaßen publikumskritisch (wie voyeuristisch ist unser Interesse an der Aufarbeitung von Gewalttaten?) wie autokritisch ist (was gibt mir das Recht, über diesen Tag zu schreiben?). Ein pointierter, persönlicher, erschütternder Text über ein Phänomen, das uns weltweit umtreibt. 

»Wie sich Kaleb Erdmann dem Erfurter Amoklauf literarisch annähert ist ein Kunststück - er findet Worte für das Unsagbare und lässt einen wortlos zurück. Das Traurigste, Lustigste und Beste, was ich seit langem gelesen habe.« Caroline Wahl

Produktsicherheit

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Personeninformation

Kaleb Erdmann, Jahrgang 1991, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, sowie Soziologie und Politische Theorie in München und Frankfurt am Main. Er war Finalist des open mike, wurde für sein Theaterstück Unten für den Retzhofer Dramapreis nominiert und war als Autor und Redakteur Teil verschiedener Fernseh- und Unterhaltungsformate. Sein erster Roman wir sind pioniere wurde mit dem Debütpreis der LitCologne ausgezeichnet. Zuletzt schrieb er für das Berliner Ensemble das Stück Always Carrey On. Kaleb Erdmann lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Pressestimmen

»[...] wann immer sich eine Wahrheit oder Einsicht ergibt, relativiert Erdmanns Erzählstimme das eben Erkannte. So wird 'Die Ausweichschule' zur wirkungsvollen textlichen Annäherung an das Unerklärliche.« Anton Beck NZZ 20251130
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