Schäfchen im Trockenen

Roman. Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019
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Buchprofile - Rezension
Eine Schriftstellerin schreibt sich ihren Frust über die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und des Lebens von der Seele.
Die Ich-Erzählerin, die Berliner Schriftstellerin Resi, etwa 40 Jahre alt, mit dem Maler Sven verheiratet, schreibt für ihre älteste Tochter, die 14-jährige Bea, als eine Art Lebensratgeber ihre gegenwärtige schwierige finanzielle Situation auf, und was dazu geführt hat: Als Künstler verdienen ihr Mann und sie nur unregelmäßig, müssen aber vier Kinder versorgen. Und gerade wurde ihnen die Wohnung gekündigt - was doppelt schmerzt, weil der Vermieter kein Unbekannter ist. Ihre Freunde fanden es nämlich allesamt nicht lustig, in Resis letztem Roman aufzutauchen - als spießige Häuslebauer, die von den eher linken Idealen ihrer Jugend längst stillschweigend abgerückt sind. Vera, ihre Freundin seit Kindertagen, kündigt Resi die Freundschaft, Veras Ehemann Frank die Wohnung. In den letzten Tagen vor dem Umzug in ein Viertel "außerhalb des S-Bahn-Rings" schreibt sich Resi ihren Frust über die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft und die Verlogenheit ihrer Freunde von der Seele... Was sich als Handlungsgerüst für einen Roman nicht gerade spannend anhört, gewinnt in der lebendig-anschaulichen Erzählweise, die eine alltagsnahe, teils auch drastische Sprache nicht scheut, schnell an Fahrt, immer wieder eingeschobene Reflexionen und ironische Spiegelungen in Roman- oder Filmideen, die von den realen Entwicklungen inspiriert sind, bremsen den Erzählfluss keineswegs, verleihen ihm sogar zusätzliche Dynamik. Und über all der witzig-sarkastischen Milieuschilderung Berliner Gutverdiener kommen neben der Gesellschaftskritik materieller Zustände wie unehrlicher Ideale auch existenzielle Fragen nicht zu kurz, überhaupt wird gut geschildert, wie individuelle Freiheit und gesellschaftlicher Erwartungsdruck oft wie Zahnräder ineinandergreifen und sich in Positionen drehen, aus denen es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Insgesamt entlarvt der Roman auch die Vergeblichkeit, sich im Alltag das große (oder eben auch nur das kleine) Glück selbst schaffen zu wollen. - Sehr empfehlenswert.
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Artikelbeschreibung

Resi hätte wissen können, dass ein Untermietverhältnis unter Freunden nicht die sicherste Wohnform darstellt, denn: Was ist Freundschaft? Die hört bekanntlich beim Geld auf. Die ist im Fall von Resis alter Clique mit den Jahren so brüchig geworden, dass Frank Lust bekommen hat, auszusortieren, alte Mietverträge inklusive. Resi hätte wissen können, dass spätestens mit der Familiengründung der erbfähige Teil der Clique abbiegt Richtung Eigenheim und Abschottung und sie als Aufsteigerkind zusehen muss, wie sie da mithält. Aber Resi wusste's nicht. Noch in den Achtzigern hieß es, alle Menschen wären gleich und würden durch Tüchtigkeit und Einsicht demnächst auch gerecht zusammenleben. Das Scheitern der Eltern in dieser Hinsicht musste verschleiert werden, also gab's nur drei Geschichten aus dem Leben ihrer Mutter, steht nicht mehr als ein Satz in deren Tagebuch. Darüber ist Resi reichlich wütend. Und entschlossen, ihre Kinder aufzuklären, ob sie's wollen oder nicht. Sie erzählt von sich, von früher, von der Verheißung eines alternativen Lebens und der Ankunft im ehelichen und elterlichen Alltag. Und auch davon, wie es ist, Erzählerin zu sein, gegen innere Scham und äußere Anklage zur Protagonistin der eigenen Geschichte zu werden.

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