Vatertage

Roman | Mitreißend, spannend und berührend: Der neue Roman der Autorin von »Die Postkarte«
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Buchprofile - Rezension
Geschichte der bretonischen Familie Berest und deren Verstrickung in die politischen Umwälzungen des 20. Jh.
Die Familie Berest lebte seit vielen Generationen in der Bretagne. Erst die Autorin ist in Paris aufgewachsen und kennt die Heimat ihrer Vorfahren nur von regelmäßigen Besuchen in den Ferien. Dazu kommen Erzählungen, die besonderen Charakterzüge ihrer Großeltern und ihres Vaters und vier Hefte, in denen ihr Großvater seine Erlebnisse festgehalten hatte – große politische Umwälzungen aus Sicht eines bretonischen Lokalpolitikers. In dem Roman verfolgt die Autorin die Spuren ihrer Vorfahren, einst Gemüsebauer mit Hang zur Rebellion gegen Ungerechtigkeiten. Diese Neigung zieht sich durch die nächsten Jahre – Kriege, Besatzung, Demokratisierung und Studentenrevolten. Auch hier verflicht die Autorin Persönliches und Politisches, was beide Aspekte dem Leser besonders nahebringt. Am Ende überwiegen ihr persönliches Erleben, ihre Abkehr von den Idealen ihrer Eltern. Die waren überzeugte Antikapitalisten und der Gleichwertigkeit aller Menschen verpflichtet. Auch sie trägt den Keim der Rebellion in sich, der sich bei ihr als Kind im drängenden Wunsch nach einer Barbie-Puppe ausbricht, einem für ihre Eltern Sinnbild konsumorientiertem Kapitalismus. Die Zeitgeschichte aus Sicht persönlich Betroffener, Objektivität gepaart mit subjektivem Erleben, dazu noch gekonnt erzählt macht den besonderen Charme dieses Buches aus.
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Nach „Die Postkarte“ erzählt Anne Berest nun ihre Familiengeschichte väterlicherseits. Die Realisierung dieses Projekts gestaltet sich als schwierig, denn ihr Vater, ein Mathematikprofessor, verspürt keine Lust, seine Erinnerungen preiszugeben und lässt Anne spüren, dass er mit ihrem kulturellen Berufsweg nicht viel anfangen kann. Aber die Autorin gibt nicht auf und fragmentarische Tagebücher ihres Großvaters helfen ihr bei der Rekonstruktion der Geschichte der Familie Berest aus Brest, die seit Generationen eng verwurzelt in der Bretagne lebt.

Urgroßvater, Großvater und Vater verband ein ungewöhnlich inniges Verhältnis und der Wunsch, der nachfolgenden Generation ein möglichst großes Maß an Bildung zukommen zu lassen, die sie wiederum zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen sollten. Angefangen vom Urgroßvater, der eine Gewerkschaft gründete über den Großvater, der als Lehrer und späterer Bürgermeister den Ort durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs begleitete, bis zum Vater, der sich in den 1960er Jahren an den Studentenaufständen gegen die erstarrten gesellschaftlichen Strukturen und den autoritären Regierungsstil auflehnte und in Paris blieb.

Neben diesem hervorragend beschriebenen, historischen Entwicklungsprozess ist „Vatertage“ ein Familienroman, der durch die warmherzigen Beziehungen von Eltern und Kindern und der großen Liebe der Eheleute besticht. Alle Berest-Männer heiraten kluge, selbstbewusste und unabhängige Frauen und erziehen ihre Kinder zu verantwortungsvollen Menschen. Wie die „Postkarte“ besticht auch „Vatertage“ mit Wahrhaftigkeit und Emotionen.

Susanne Steufmehl, Medienberaterin Belletristik und Sachbuch

Artikelbeschreibung

»Jede Ferien verließen wir unseren Pariser Vorort und fuhren in die Bretagne, die Heimat meines Vaters, wo er geboren worden war, genau wie sein Vater - und dessen Vater vor ihm.«
Nach zwei Büchern über die Familie ihrer Mutter widmet Anne Berest dies neue Kapitel ihres Romanwerks dem väterlichen, dem bretonischen Zweig ihrer Familie. Schon der Ururgroßvater lebte im Finistère. Wie schon in »Die Postkarte« vermischt sich die private mit der »großen« Geschichte, von der Gründung der ersten Bauerngenossenschaften bis zum Mai 1968, von der deutschen Besatzung eines Dorfes im Léon bis zur Zerstörung der Stadt Brest.

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Personeninformation

Anne Berest wurde 1979 in Paris geboren. Sie arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin und gab eine Theaterzetischrift heraus, bevor sie 2010 ihren ersten Romanveröffentlichte, 'Traurig bin ich schon lange nicht mehr' . Es folgten 'Les Patriarches ( 2012), ein Buch über Francoise Sagan (2014) und 'Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau' (2015). Sie ist Co-Autorin des Bestsellers 'How to be a Parisian - Wherever you are. Liebe, Stil & Lässigkeit à la française', das in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurde. 2017 schrieb sie gemeinsam mit ihrer Schwester Claire ein Buch über ihre Urgroßmutter: 'Ein Leben für die Avantgarde - Die Geschichte von Gabriële Buffet-Picabia'. Mit 'Die Postkarte' gelang Anne Berest ein literarischer Coup - das Buch war auf der Shortlist sämtlicher großer Literaturpreise in Frankreich und steht dort seit Erscheinen im September 2021 auf der Bestsellerliste.


Michaela Meßner übersetzt aus drei Sprachen (Französisch, Spanisch, Englisch). Sie hat u.a. Anne und Emily Brontë, Giuliano da Empoli und Maud Ventura ins Deutsche übertragen. 1992 wurde sie mit dem Raymond-Aron-Preis ausgezeichnet, 2025 stand sie mit Trauriger Tiger von Neige Sinno auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises des Berliner HKW.

Amelie Thoma studierte Romanistik und Kulturwissenschaften und arbeitete als Lektorin, ehe sie Übersetzerin wurde. Neben sämtlichen Romanen und Essays von Leïla Slimani übertrug sie u. a. Simone de Beauvoir und François Sagan ins Deutsche. Ihre Übersetzung der Spiegelreisenden-Saga war 2020 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Pressestimmen

»berührende Auseinandersetzung des eigenen Verhältnisses zu ihrem Vater« (A) Buchkultur - Das internationale Buchmagazin 20260612
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