Fräulein Hallo und der Bauernkaiser

Band 18525
Chinas Gesellschaft von unten. Mit e. Vorw. v. Philip Gourevitch, e. Einf. v. Wen Huang u. e. Nachw. v. Detlev Claussen
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Buchprofile - Rezension
Aufrüttelnde Interviews mit Chinesen aus den unteren Schichten des 1,5-Milliarden-Volkes.
Der Autor Liao Yiwu (*1958) hat sich jahrelang mit verschiedenen Tagelöhnerarbeiten durchschlagen müssen, kam vier Jahre in Haft wegen eines Gedichts über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und seine in diesem Band vorliegenden Interviews wurden sofort nach Erscheinen (2002) in einem taiwanesischen Verlag in China verboten. Umso lobenswerter ist nun die deutsche Ausgabe (nach einer amerikanischen Übersetzung von 2008), weil Liao Yiwus 29 umfangreiche Interviews einen vielfältigen, interessanten und oft deprimierenden Einblick in die chinesische Gesellschaft der unteren Schichten und Außenseiter vermitteln. Da kommt nicht nur der Klomann, der Fengshui-Meister, der Mönch, der Dorfschullehrer oder die Falun-Gong-Anhängerin usw. zu Wort, sondern auch so ausgefallene Typen wie Fräulein Wang mit ihrem "Dreifachservice" (Karaokesingen + Trinken + Schlafen mit ihren Kunden), die Frau des Schlafwandlers oder der alte Rotgardist etc. Der Leser erfährt dabei ungeschminkte Hintergründe über das grausame (Über-)Leben der Strichmädchen, Outlaws und Straßenkünstler, der öffentlich Abtrünnigen, Künstler und Schamanen in den verschiedenen Phasen der kommunistischen Herrschaft (v.a. unter Mao Tse-tung) der letzten 60 Jahre. Jedes der Gespräche dieses unbeirrbaren Chronisten ist "ehrlicher als all diese offiziellen Aufzeichnungen des chinesischen Lebens, die vom Staat herausgebracht werden im Namen des 'Volkes'" (aus dem Vorwort). - Eine aufrüttelnde Lektüre über eine arme Schicht in einem aufstrebenden Riesenvolk in unserer heutigen globalen Welt. Für möglichst viele Büchereien!
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Artikelbeschreibung

In China verboten: Einzigartige Gespräche mit den Verstoßenen und Vergessenen der chinesischen Gesellschaft

Eine Prostituierte, ein buddhistischer Abt und der Manager einer öffentlichen Bedürfnisanstalt, ein Falun-Gong-Anhänger, ein ehemaliger Rotgardist und ein Feng-Shui-Meister - sie und viele andere hat Liao Yiwu, einer der bekanntesten Autoren Chinas und selbst ehemaliger politischer Häftling, mit Respekt, Einfühlungsvermögen und Humor nach ihrem Leben und ihren Hoffnungen befragt.
Diese einzigartigen Gespräche lassen uns ein China entdecken, das wir sonst nicht zu sehen bekommen - ein China der Ausgestoßenen, der Heimat- und Obdachlosen, der Bettler und Straßenmusiker, deren Würde, Witz und Menschlichkeit ihnen niemand hat nehmen können.

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Personeninformation

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht »Massaker«, wofür er vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis »Freiheit zum Schreiben« ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser«. 2011, als »Für ein Lied und hundert Lieder« in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seit seiner Ausreise nach Deutschland erschienen die Titel »Die Kugel und das Opium« (2012), »Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch« (2013), »Gott ist rot« (2014), »Drei wertlose Vita und ein toter Reisepass« (2018), »Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand« (2019) sowie der Roman »Die Wiedergeburt der Ameisen« (2016). Zuletzt erschien 2022 sein Dokumentarroman »Wuhan«. Für sein Werk wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Liao Yiwu lebt in Berlin.

Hans Peter Hoffmann, Professor für Sinologie, freier Autor und Übersetzer, lehrt und schreibt in Tübingen und Taipeh.

Detlev Claussen, geboren 1948 in Hamburg, studierte Philosophie, Soziologie, Literatur und Politik in Frankfurt (u.a. bei Theodor W. Adorno); Promotion 1975, Habilitation 1985, Publizist und Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie an der Universität Hannover. Detlev Claussen lebt in Frankfurt am Main.
Wichtigste Buchveröffentlichungen: 'List der Gewalt. Soziale Revolutionen und ihre Theorien' (1982); 'Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus' (1987); 'Was heißt Rassismus?' (1994); 'Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen' (2000) und die Biographien 'Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie' (2003) und 'Béla Guttmann: Weltgeschichte des Fußballs in einer Person' (2008).

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