Buch der Gesichter

Roman
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Buchprofile - Rezension
Zum Zuschauen verdammt: Marko Dinic‘ Roman erzählt von Zeitzeugen und der Auslöschung des serbischen Judentums durch die Nationalsozialisten.
Besser, man stellt sich von vornherein bei diesem Roman nicht auf eine fortlaufende Handlung ein. Zwar verrät der Klappentext Ort und Jahr des Plots: Es ist ein Frühjahrstag 1942, als das von den Nazis besetzte Serbien für „judenfrei“ erklärt wird. Aber die Story, die der 1988 in Wien geborene Marko Dinic da erzählt, verteilt sich auf mehrere Geschichten, die immer weiter in die Vergangenheit zurückführen. Es beginnt nach dem Ersten Weltkrieg, der damals der „Große Krieg“ genannt wird. Olga, die Mutter von Isak Ras, verschwindet, der Junge wird von einem Anarchistenpaar aufgenommen und adoptiert, von Rosa und Milan, denen der Hunger vom Bauch in den Kopf gewachsen ist, wo aus der Lust auf Rache die Möglichkeiten der Revolution erwachsen. Revolution ist aber nicht Isaks Ding, er beobachtet aufmerksam und schmerzvoll den zunehmenden Antisemitismus, die Einschränkungen und später die Gewaltaktionen der Okkupanten gegen Juden, Sinti und Roma, ein Zuschauer wider Willen, der sein Judentum loszuwerden trachtet. Aus Isak wird Ivan, er schmuggelt im spanischen Bürgerkrieg und macht sich dann, inzwischen sind wir wieder in der Erzählgegenwart des Jahres 1942, auf die Suche nach seiner Vorgeschichte und den Memorabilien der Mutter. Das ist vor allem eine kleinformatige, schön ornamentierte Haggada, ein Büchlein mit Bildern, Geschichten und Liedern für die jüdische Seder-Feier. Dieses Erbstück der Familie liefert die abenteuerlichste und tiefste Geschichte des Romans. Es wandert durch verschiedene Hände, wird verkauft, inventarisiert und musealisiert, entritualisiert und wiederentdeckt, bis es 1992 von bosnisch-serbischen Truppen zerstört wird. Diese Haggada ist ein Symbol für die verfolgten, vertriebenen, ermordeten Juden in Serbien, deren Geschichte dieser Roman erzählt: in dichten Szenen, in poetisch aufgeladenem Realismus, mit uns nahekommenden Figuren. Ein Buch wie Paul Klees Engel der Geschichte, der aus dem Paradies vertrieben wird und zurückschaut auf die Trümmer der Geschichte, die sich vor ihm auftürmen; spannend, aufschlussreich, sehr zu empfehlen. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
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Artikelbeschreibung

»Die Menschen, über die Marko Dinic schreibt, verlieren sich in den Schrecken der Historie eben nicht. Ihre Hoffnungen, ihre Kämpfe werden sichtbar durch die Kraft der Literatur.« Clemens Meyer Belgrad 1942: Der Tag, an dem das okkupierte Serbien für »judenfrei« erklärt wird, ist der Tag, an dem Isak Ras seinen vielleicht letzten Streifzug durch die Stadt wagt. Er ist auf der Suche nach den Überresten seiner verschütteten Vergangenheit: Was ist vor 21 Jahren geschehen, als Isaks Mutter spurlos verschwand? Hatten die Anarchisten Rosa und Milan damit zu tun? Oder die mysteriösen Doppelgänger, die in der Stadt herumliefen? Acht Kapitel, acht unterschiedliche Perspektiven ergeben am Ende dieses großen Romans die Lösung eines gewieften Rätsels. Marko Dinic ist ein beeindruckender Text gelungen, eine Geschichte Serbiens und Europas im zwanzigsten Jahrhundert. Sein »Buch der Gesichter« ist Erinnerungsliteratur in moderner Form.

Produktsicherheit

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Personeninformation

Marko Dinic wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte. Bei Zsolnay sind sein erster Roman »Die guten Tage« (2019) und »Buch der Gesichter« (2025) erschienen.

Pressestimmen

»Lesen Sie dieses Buch. Es ist dem Andenken an die Opfer des Faschismus gewidmet. Es gehört in die Reihe der großen Erinnerungsliteratur von Jorge Semprun über Fred Wander, Primo Levi bis hin zu Ruth Klüger.« Katja Gasser »Ein erschütterndes und gleichzeitig erzählerisch meisterhaftes Werk, das den Lesenden nicht loslässt.« Sven Trautwein, Frankfurter Rundschau, 25.03.26 »Erinnerungsliteratur im moderenen Gewand - brillant erzählt.« Stephan Ozsváth, rbb, 5.11.25 »Die Fäden, die Dinic meisterhaft spannt, sind fesselnde Erzählkunst und repräsentieren zugleich das unentwirrbare Garn, das die menschliche Psyche spinnt.« Doris Akrap, taz, 16.10.25 »Dinic verflicht seine beeindruckenden Kenntnisse der serbischen Geschichte und der jüdischen Kultur mit seiner Familiengeschichte.« Alida Bremer, der Freitag, 09.10.25 »Dinic ist ein herausragender Erzähler.« Terry Albrecht, WDR5, 27.09.25 »Ein großartiges Geschichtspanorama über jüdisches Leben in Ex-Jugoslawien ... Dinic beherrscht das Spiel der vielen Zungen bravourös, seine 'Postmemory-Novel' ist sorgfältig konstruiert und wird getragen von einer prallen, bildreichen, lebendigen Sprache.« Bernd Melichar, Kleine Zeitung, 06.09.25 »Dinic versteht es geschickt, in jedem neuen Kapitel die alten Fäden wieder zusammenzuführen und neu zu verknüpfen ... und vermag an anderen Stellen mit kühnen und drastischen Bildern zu überraschen ... Hier steht das Buch der Gesichter in der Tradition großer jugoslawischer Erzählliteratur, die von Ivo Andric und Aleksandar Tisma bis zu Slobodan Snajder, Dzevad Karahasan oder Drago Jancar reicht.« Gerhard Zeillinger, Standard Album, 06.09.25 »Ein schonungsloses, imposantes Opus Magnum, das zugleich herausfordert und reich beschenkt.« Judith Hoffmann, Ö1, 04.09.25 »Sehr lebendig und gelungen« Jörg Magenau, SWR Kultur lesenswert, 31.08.25 »Das "Buch der Gesichter" ist eine literarische Rückkehr ins Herz der serbischen Geschichte - beklemmend, poetisch und hoch aktuell.« Theresa Hübner, SWR Kultur lesenswert, 31.08.25 »Geht tief unter die Haut.« Theresa Hübner, SWR Kultur lesenswert, 31.08.25 »Großartige Erinnerungsliteratur« Stefanie Panzenböck, Falter, 27.08.25 »Ein hochliterarische Vexierspiel.« Barbara Beer, Kurier, 24.08.25 »Nimmt man sich aber Zeit für dieses Buch der Gesichter, so wird man überreich belohnt, denn Marko Dinic verfügt über eine Fähigkeit der Beschreibung, die immer wieder staunen macht ... Zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert.« Cornelius Hell, Presse Spectrum, 23.08.25 »Es geht unter die Haut. Es hält Dinge fest, die vor Jahrzehnten geschehen sind. Und die anderswo wieder und weiter geschehen. Das ist das deprimierende Fazit eines eindrucksvollen literarischen Gedenkaktes.« Wolfgang Huber-Lang, APA, 18.08.25
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