Striker

Roman
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Buchprofile - Rezension
Innere Obdachlosigkeit: Helene Hegemanns angriffslustiger und schlafloser Kampfsportroman.
Kampfsport im Roman, ein eher seltenes Thema, das Helene Hegemann hier mit Empathie und Spannung zu einem Drama um Identitätsprobleme, Klassenkämpfe und Verschwörungslegenden aufbaut. Da ist N., eine Frau offenbar in ihren Zwanzigern, die in einer schäbigen Berliner Kiezkaserne wohnt, exzessiv Kampfsport betreibt, als Trainerin und bei Wettkämpfen. Eines Tages, es ist Herbst, nimmt sie eine obdachlose Frau wahr, Ivy, die auf dem Dachboden haust und ihre Siebensachen vor den Wohnungstüren ablegt. Das wird mit schwammigen Angstvorstellungen schlimmer ausgemalt, als es wahrscheinlich ist, nur dass weder Streetworker noch der psychologische Notdienst etwas gegen den gewaltlosen Eindringling ausrichten können. Also macht N. weiter im Takt, trainiert angriffslustig trotz Lungenentzündung, fährt zu ihrer frostigen Affäre, einer in der besseren Berliner Gegend lebenden Politikerin, der sie aber wenig zu bedeuten scheint. Und liest die runenartigen Graffiti auf der Brandmauer vorm Küchenfenster: rätselhafte Zeichen, ein Gesicht, eine Warnung, ein Bild, aber für was? Wer nun eine Doppelgängergeschichte in postromantischer Linie erwartet, ist auf dem Holzweg. Denn die Schuld an der ganzen Misere mit dem Kampf, der den Sport ausmacht und das Leben ersetzen soll, ist nicht der Spiegel, sondern das Phantom, das man darauf wirft: Das macht die Erzählerin, die ihre Figur mit postfeministischer Verve und kalter Neugier beschreibt, von Anfang an unmissverständlich klar. Es geht darum, wie hier eine, die innen obdachlos ist (wie die Autorin im „Zeit“-Interview mit Ijoma Mangold am 13.03.2025 sagte), mit sich selbst kämpft: um ein besseres Leben, um eine Deutung der Zeichen, um ein Verständnis der Welt, um klassenüberwindende Freundschaft. – Ein beeindruckender, ein unruhiger, ein düsterer Roman über Schmerz und Disziplin, Wahn und Normalität, geradlinig und scharfkantig erzählt.
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Artikelbeschreibung

»Striker« ist ein elektrisierender Roman über eine Gegenwart, in der die Grenzen zwischen Verschwörungsmythen, Klassenkampf und roher Gewalt zunehmend verschwimmen. Mit Wucht und Tempo erzählt Helene Hegemann von Kampfsport und Obdachlosigkeit, von Reichtum und Verdrängung. Von dem Moment, in dem die Angst vor Unterdrückung zu Gewalt führt, und der Schwäche, die man zulassen muss, um diese Gewalt zu verhindern.

N wohnt an einer Bahnlinie, die einen Problembezirk mit dem Villenviertel am anderen Ende der Stadt verbindet. Zwei Welten. N kennt beide. Und eine dritte in der Mitte: die Kampfsportschule, in der sie unterrichtet, sich auf Wettkämpfe vorbereitet und eine Affäre mit einer Politikerin aus dem Verteidigungsausschuss beginnt. Gegensätze prägen ihre Existenz: Arm und Reich, Ohnmacht und Muskelaufbau, größte Disziplin und maßlose Aggression gegen sich selbst.

Eines Morgens entdeckt N rätselhafte Zeichen an der Brandmauer gegenüber ihrer Wohnung. Keine Buchstaben, keine Hieroglyphen, keine Bilder. Doch, dass sie etwas bedeuten, spürt sie sofort. Es treibt sie um.

Und dann stehen plötzlich Koffer und Tüten vor ihrer Tür. Sie gehören einer jungen Frau, die im Treppenhaus übernachtet und behauptet, mit den Zeichen in Verbindung zu stehen. Wer ist sie? Was will sie von ihr? Und warum beschleicht N bei jeder ihrer Begegnungen das kaum zu bewältigende Gefühl, sich selbst gegenüberzustehen?

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Personeninformation

Helene Hegemann, 1992 geboren, lebt in Berlin. 2008 gewann sie mit ihrem ersten Film »Torpedo« den Max-Ophüls-Preis. 2010 debütierte sie als Autorin mit dem Roman »Axolotl Roadkill«, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Die Verfilmung, bei der sie selbst Regie führte, wurde beim Sundance Festival 2017 mit dem World Cinema Dramatic Special Jury Award for Cinematography ausgezeichnet. 2013 veröffentlichte sie ihren zweiten Roman »Jage zwei Tiger«, 2018 folgte »Bungalow«, für den sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. 2021 schrieb sie in der KiWi Musikbibliothek über Patti Smith und Christoph Schlingensief, 2022 erschien ihr Kurzgeschichtenband »Schlachtensee«. Sie inszeniert für Oper, Theater und Film.

Pressestimmen

»Angesichts einer zunehmend aus den Fugen geratenen Welt, einer immer fragiler wirkenden Gegenwart kann man 'Striker' getrost als Roman der Stunde bezeichnen.« Oliver Pfohlmann Der Tagesspiegel 20250313
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