Glaubenswelten
05.11.2026

Letzte Sätze berühmter Menschen

Am Ende eines Lebens können wenige Worte ein ganzes Dasein bündeln. Manche klingen heiter, manche trotzig, manche versöhnt – und manche sind vielleicht schöner erfunden als tatsächlich gesprochen. Die letzten Sätze prominenter Persönlichkeiten erzählen deshalb nicht nur vom Sterben, sondern auch von Würde, Eitelkeit, Angst, Freiheit und der Kunst des Loslassens.
    

Dieses Werbebild illustriert, wie Mozart kurz vor seinem Tod einer Aufführung seines Requiems, seiner letzten Komposition, lauscht. Dieses Werbebild illustriert, wie Mozart kurz vor seinem Tod einer Aufführung seines Requiems, seiner letzten Komposition, lauscht. Foto: © IMAGO / Heritage Images

In der isländischen Grettir-Saga wird einer der Helden von einem Speer durchbohrt. Mehr interessiert beobachtend als wirklich erschrocken sagt er zu dem neben ihm kämpfenden Krieger: „Solche Speere mit breiter Spitze kommen, scheint’s, jetzt in Mode.“ Und stirbt.  

Es sind nicht nur die anderen, die Hinterbliebenen, Schüler, Gefolgsleute, die den Tod eines geliebten oder als Symbolfigur unersetzlichen Menschen mit Legenden, Anekdoten, Wunschbildern ausschmücken und überhöhen. Ein ständig bedeutungsschwangere Aphorismen produzierendes Genie wie Goethe durfte einfach nicht in stummer Resignation vor sich hinsterben, und so dichtete man ihm den gequälten Ausruf an: „Mehr Licht!“  

Aber auch der Sterbende selbst ist bisweilen bemüht, sich noch einmal in Szene zu setzen, die Niederlage des eigenen Todes in einen cool zelebrierten Showdown zu verwandeln, Um- und Nachwelt mit einem bühnenreifen Schlusssatz zu verblüffen – wie der erste deutsche Shakespeare-Übersetzer, der Rokoko-Poet Christoph Martin Wieland, der mit einem gehauchten „Sein oder Nichtsein ...“ in die Ewigkeit hinüberging. Oder der britische Marine-Heros Admiral Horatio Nelson; während der Seeschlacht von Trafalgar hatte er einen tödlichen Schuss ins Rückenmark bekommen. Er starb mit dem Kommentar: „Gott sei Dank! Ich habe meine Pflicht getan.“

Zwischen Eitelkeit und Glück

Cato der Jüngere, Cäsar-Widersacher und Fraktionschef im römischen Senat, inszenierte seinen Selbstmord hingegen äußerst dezent, er befahl seinem Sklaven: „Schließ die Tür! Ich gehöre jetzt nur mir selbst.“ Aber Cato war auch ein Philosoph, nicht bloß Politiker. Hat der französische Advokat Olivier Patru (gestorben 1681) Recht, wenn er vermutet, im Augenblick des Todes spreche man nicht, es sei denn „aus Eitelkeit und Schwäche“?  

Oder ist alles ganz anders? Spricht man beim Hinübergehen vor lauter Glück, weil man sich nie so frei gefühlt hat wie in diesem Moment des Abschieds? Menschen, die es fertigbringen, sich dem Prozess des Sterbens zu stellen, den Tod bewusst als Teil des Lebens zu akzeptieren, berichten von einer kostbaren Erfahrung: „Da wird alles sehr viel einfacher und klarer“, hat der Zürcher Strafrechtler Peter Noll notiert, der eine riskante Krebsoperation ablehnte und sein Ja zum Sterben als ein Stück Freiheit verstand. Er wollte sich nicht zum Objekt medizinischer Apparate machen lassen – und gewann eine neue Perspektive. Noll: „Der Tod bleibt sich gleich, aber das Leben wird anders. Die Sinnoasen suche ich mir sorgfältiger aus als früher (...), die Routine der Pflichterfüllung, das Tagespensum, die mir von anderen verordneten Tätigkeiten stelle ich zurück.“  

Andere suchen sich gerade im hartnäckigen Festhalten an gewohnten Tätigkeiten zu beweisen, dass das Sterben zum Menschsein gehört und pralles Leben nicht ohne die leibhaftige Erfahrung zu haben ist, wie es kommt und geht. Sigmund Freud ließ sich auch von 16 qualvollen Krebsjahren mit 33 Operationen in der Mundhöhle nicht davon abhalten, Patienten zu behandeln und Bücher zu schreiben. Nur so vermochte er – trotz aller Niederlagen und Verzweiflungsphasen – die „Herrschaft des Ich“ über die tückische Krankheit zu behalten. Der Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller kontrollierte, im Sterben liegend, seinen eigenen Puls („Es schlägt, es schlägt ...“), bis er gerade noch lakonisch feststellen konnte: „… nicht mehr.“ 
    

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„Willkommen, Schwester Tod, willkommen!“

Wolfgang Borchert, der mit 26 Jahren verstummte Dichter der „Trümmergeneration“, biss die Zähne zusammen und bekannte, ohne seine Todeskrankheit hätte er kein Wort geschrieben: „Das Leben ist doppelseitig wie ein Fisch, manchmal blinkert die Unterseite ganz silbrig.“   

Manche freuen sich auf die Enthüllung des großen Geheimnisses wie Franz von Assisi („Willkommen, Schwester Tod, willkommen!“), zeigen sich neugierig wie der Philosoph und Staatsrechtler Thomas Hobbes („Ein großer Sprung ins Dunkle!“), fügen sich ruhig in das Ende, weil sie sich am Ziel angelangt wissen.  

„Vor dem Tod habe ich überhaupt keine Angst“, brummte der nicht gerade zur Selbststilisierung neigende Pastor Heinrich Albertz. „Da ist man ja endlich, endlich an dem Punkt, wo man eigentlich hinsoll.“ Ob man nicht trotzdem traurig sein dürfe, wenn es ihn nicht mehr gebe? Albertz, lachend: „Der hat seine Ruhe. Was heißt ‚nicht mehr gibt‘, es hat ihn ja gegeben?!“ Solche Gelassenheit hat natürlich auch etwas mit müder Resignation zu tun: So vieles sei nicht eingetroffen, was er sich erhofft habe, bemerkte Albertz. Was denn ein nicht enden wollendes Leben mit all den Behinderungen und Krankheiten des Alters noch für einen großartigen Sinn habe?

„Recht viel Beruhigendes und Tröstendes“

„Kein Grund zum Weinen!“, besänftigte Konrad Adenauer, der ewige Kanzler mit dem stoischen Gesicht eines Indianerhäuptlings, seine am Sterbebett versammelte Großfamilie; da war er allerdings schon 91 Jahre alt. Obwohl der Tod auch für den jung verblühten Mozart „recht viel Beruhigendes und Tröstendes“ hatte, wie er seinem Vater anvertraute.  

Ein anderer Künstler, Pierre Auguste Renoir, malte an seinem Sterbetag Anemonen und stellte – 78-jährig – in versonnenem Bedauern fest: „Ich glaube, allmählich verstehe ich etwas davon.“ Die Anekdoten, die von solch ironisch-gelassenem Umgang mit dem eigenen Ende erzählen, sind Legion. Kaiserin Maria Theresia guckte missmutig in den Sprühregen vor ihrem Fenster hinaus und murrte: „Schlechtes Wetter für so eine weite Reise!“  

Der englische Romanautor Hilaire Belloc hatte 1953 bei einem Unglück schwere Brandwunden erlitten; bevor er ihnen erlag, tat er den weisen Ausspruch: „Besser, man verbrennt die Schriftsteller als die Bücher.“ Marie Antoinette trat ihrem Henker versehentlich auf den Fuß – wer kennt sich schon auf einem Schafott aus? – und flötete mit silberheller Stimme: „Pardon, Monsieur, es geschah nicht mit Absicht!“ – während Winston Churchill mit dem Stoßseufzer gestorben sein soll: „Es ist alles so langweilig!“  

Dass einer, der schon hinübergegangen war in die andere Welt, für einen Moment zurückkehrte und Bericht erstatten konnte, soll sehr selten vorgekommen sein. Thomas Edison erfand nicht nur den Vorläufer des Grammophons und den Film, er brachte es auch fertig, aus der letzten Ohnmacht noch einmal zu erwachen und lächelnd kundzutun: „Es ist sehr schön hier auf der anderen Seite!“ 

Christian Feldmann