Persönlichkeitsentwicklung
27.12.2025

Zwischen den Jahren

Über Weihnachten und Silvester wird viel gesprochen, aber dazwischen liegen wertvolle Tage. Frank Berzbach denkt über sie nach. 
    

Anfang Dezember beginnt das neue Kirchenjahr, privat beginnt die Adventszeit mit Planungsdruck: Wie sieht die familiäre Weihnachtsdramaturgie in diesem Jahr aus? Wer besucht wen wann, wie lange wird man bleiben, beschenken sich alle oder wird „gewichtelt“? Bei manchen grassiert das wenig besinnliche „Wir schenken uns nichts mehr“, selbst die schöne Kunst zu geben wird nur noch als lästiger Punkt auf der To-do-Liste gesehen. Aber ohne etwas in der Hand einen Besuch anzutreten, das kann auch beunruhigen. Soll man Blumen kaufen? 

Kaum sind alle Ansprüche, die an mich gerichtet werden, halbwegs erfüllt, dominiert ein weiteres Thema: Was machst du Silvester? Feiern? Mit wem? Groß oder klein, Rückzug oder Flucht, wenn ja: Wohin? Und wer könnte die Katzen füttern? Die Adventszeit gerät zusätzlich in der Arbeitswelt häufig unter Zeitdruck; vieles soll „noch vor Weihnachten“ vom Tisch, obwohl es dafür meist kaum Gründe gibt. 

In der Summe: Es müssen eine ganze Reihe privater und beruflicher Entscheidungen getroffen werden, an der viele beteiligt sind und die sich widersprechen und die sich zu Gewissensfragen aufbauschen. Wo sind die legitimen Grenzen, wenn man zu sehr an sich oder zu sehr an andere denkt? 

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Wertvolle Zwischenzeit

Der Popartkünstler Andy Warhol sagte einmal, ihn interessiere der Weg zwischen den Museen mehr als das, was in ihnen ausgestellt werde. Das lässt sich vielleicht auf die beiden Höhepunkte am Jahresende übertragen: Es gibt nämlich die fast unbemerkte Zeit, die wir „zwischen den Jahren “ nennen. Die Tage nach Weihnachten und vor Silvester sind oft die, in der ich keine einzige Mail bekomme, niemand von mir etwas möchte, weder beruflich noch privat.

An diese Tage, in denen viele Menschen Urlaub haben, gibt es kaum Erwartungen. Diese Tage müssen nicht besonders schön, harmonisch, wild-feiernd oder besinnlich werden. Und sie sind gerade durch die Abwesenheit von Verpflichtungen tatsächlich besonders: Ich kann mich in Ruhe den Geschenken widmen, die ich bekommen habe; ich kann zu Hause und sogar allein bleiben, ohne dass jemand darüber seine Enttäuschung äußert. Das Shopping hört auf, das Essen wird wieder weniger und die Arbeit wartet erst im nächsten Jahr. Die Flasche Portwein, die ich bekommen habe, obwohl „wir uns nichts schenken“, kann ich endlich in Ruhe trinken. 

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Zeitversetzte Besinnlichkeit


Viele Menschen, auch ich, sind gar nicht so erfreut, wenn Weihnachten endlich da ist. Es gibt Harmonieansprüche, aber die davon abweichende Realität zeigt sich lautstark. Und der Silvestertyp bin ich auch nicht – die verordnete Bedeutungsschwere, der Hang, das Jahr zu bilanzieren, der Frohsinn um Mitternacht, wenn ich schon müde bin… 

Aber große Freude in mir lösen diese Tage zwischen den Festen aus! Sie sind bei all dem Rummel zum eigentlichen besinnlichen Höhepunkt geworden: Hier darf man sich sogar verstecken, ohne dass es jemandem auffällt, und darüber nachdenken, was religiös alles hinter dieser Advents- und Weihnachtszeit steckt. Solange man nichts macht, nichts plant, wenige Erwartungen darauf richtet, können diese Tage nur gelingen. Ich darf mich verabreden, aber muss nicht; ich darf in die Heilige Messe, aber muss nicht; ich darf auch einkaufen, aber muss nichts noch schnell besorgen … In dieser Freiwilligkeit finde ich meine Balance von selbst. 

Ganz egal also, ob wir uns an Weihnachten und Silvester erfreuen oder daran leiden – dazwischen liegt die Zeitzone, in der wir in Ruhe gelassen werden und agieren können, wie wir selbst wollen. Ob allein oder mit anderen: Auf die Tage dazwischen freue ich mich von Herzen; sie sind geschenkte Zeit und sie duften noch nach Weihnachtskeksen und schmecken schon nach Neujahrssekt. Und das Schöne ist: Wir müssen diese Tage nicht einmal nutzen oder planen, sie kommen einfach – ganz von selbst.

Dr. Frank Berzbach
Artikel von Dr. Frank Berzbach
ist freier Autor und unterrichtet Philosophie und Literatur an der TH Köln. Zuletzt erschien von ihm: Die Kunst zu glauben. Eine Mystik des Alltags. bene!-Verlag, 2023. Mehr unter: www.frankberzbach.com