Persönlichkeitsentwicklung
28.11.2025

Wie neugeboren – Wenn aus Schmerz ein neuer Anfang wächst

Krisen wie Kontaktabbruch, Krankheit oder Verlust führen uns oft an den Tiefpunkt – und genau dort beginnt Wandel. Wenn wir loslassen, was wir nicht kontrollieren können, öffnet sich der Weg zu neuer Lebenskraft.
    

Foto: © Garnar-adobe.stock.com

Vor einiger Zeit erzählten Eltern mir, dass ihre 20-jährige Tochter mit ihnen gebrochen hatte. Zunächst hatten die Eltern alles versucht, um den Bruch zu kitten. Kein Weg war ihnen zu weit. Doch es tat sich keine Tür auf. Irgendwann mussten sie der schmerzhaften Tatsache ins Auge sehen, dass ihr Kind nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. Jetzt gilt es nicht mehr, dass sie für einen Neustart in ihrer Beziehung kämpfen, sondern nun ist ein anderes Ringen gefragt: ein Ringen mit sich selbst. Nämlich dass sie den Wunsch loslassen, dass alles wieder so sein wird wie vorher. Dass sie den Kontaktabbruch akzeptieren.

Ähnlich können eine unheilbare Krankheit oder eine berufliche Umorientierung in den Tiefpunkt einer Krise führen. In solchen Situationen – in die wir alle einmal geraten – geht es nicht mehr darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern darum, sich loszulassen. Und das ist wohl die größte Herausforderung: Dass ich die Zügel aus der Hand gebe und mich einem Geschehen überlasse, das ich nicht mehr selbst steuern und machen kann.

Tiefpunkt als Wendepunkt – Wenn Krisen
innere Heilung ermöglichen

Diese schmerzliche Erfahrung markiert den Tief- und Wendepunkt eines Wandlungsprozesses: Wenn unser Ich die Regie aufgibt und wir uns einer Erfahrung öffnen, die wir nicht kontrollieren können – dann kann sich etwas wandeln. In einem Bild ausgedrückt: Sind wir ganz down, dann kann es an diesem Tiefpunkt – wie beim Buchstaben U – zu einer ungeahnten Wende kommen: Da wird Zuversicht wach, dass selbst in der allergrößten Not noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Eine schmerzende Wunde beginnt sich zu schließen. Es entwickeln sich neue Einstellungen und Verhaltensweisen. Das innere Chaos lichtet sich und es wächst die Hoffnung: Was ich gerade erleide, sind Geburtswehen einer neuen Lebens.

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Wenn Schmerz sich in neue
Lebenskraft verwandelt

Voll Staunen erlebte dies ein Mann, der sein zweites Kind durch einen Unfall verloren hatte. Seine Frau wurde psychisch krank und er musste funktionieren und stark sein, um Beruf und Familie zu managen. Seine eigene Verzweiflung und Trauer fanden über Jahre hinweg keinen Raum. Während einer spirituellen Schweigewoche stellte er sich in einer Meditation die Szene vor Augen, wie er seine tote Tochter in den Armen hält. Dabei konnte er alle Selbstbeherrschung und Härte gegen sich selbst loslassen. Jetzt rollte seine jahrelang vergrabener Schmerz wie eine Welle über ihn hinweg. Nach ein paar Tagen fühlte er sich eigentümlich erleichtert. Schmerz und Trauer waren zwar noch da, doch zugleich kam es ihm vor, als sei eine schwere Last von ihm abgefallen. Sein Eispanzer aus Selbstkontrolle und Willensstärke war geschmolzen. Seine weiche und sensible Seite, die er so lange in sich vergraben hatte, war ihm neu geschenkt worden. Er konnte wieder freier atmen.


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Verwandlung als Geschenk: Wenn
Glaube und Vertrauen tragen

Dass sich etwas wandelt, das machen und bewirken nicht wir selbst. Vielmehr wird ein solcher Durchbruch immer auch als ein Geschenk erlebt. Das Wunder der Neugeburt bleibt eine Gnade. Hier wirkt eine Kraft, die größer ist als wir. Der Apostel Paulus findet für diese Erfahrung sprechende Bilder: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet.“ (2. Brief an die Korinther 4,8f.) Und er deutet dieses Erleben spirituell: Diese Kraft kommt nicht aus mir selbst, sondern von Gott.



Auch heute interpretieren Menschen solche Erfahrungen, in denen alles auf der Kippe steht, als ein spirituelles Geschehen. Sie drücken dies in Bildern aus wie etwa: Ich stehe an einer Klippe. Es führt kein Weg zurück, und ich kann mich nur noch fallen lassen. Und ahne zugleich, dass alles, was jetzt passiert, von einem Größeren gehalten ist. Und wenn nach einer langen dunklen Nacht ein unverhoffter Morgen anbricht, dann habe ich persönlich oft den Eindruck: Ich bin mir selbst ein Stückchen ähnlicher geworden. (Mehr dazu in: Melanie Wolfers, Andreas Knapp, Atlas der unbegangenen Wege. Eine Reise zu dir selbst, bene! Verlag 2025)

Wolfers, Melanie; Knapp, Andreas Atlas der unbegangenen Wege
bene! Verlag, 2025
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Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.