Wenn der Winter auf die Seele drückt: Wie wir dunkle Tage seelisch gut überstehen
Wenn nach Weihnachten die Lichter erlöschen und der Winter sich endlos zieht, sinkt bei vielen die Stimmung. Doch Kälte, Dunkelheit und Müdigkeit sind kein persönliches Versagen, sondern Teil eines natürlichen Rhythmus.
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Die einen trauern schon und bekommen den Blues, sobald das Thermometer im Herbst unter 19 Grad fällt und nicht mehr alle Blätter grasgrün sind. Andere ticken ganz anders, wie die über Generationen berühmte Kinderbuch-Maus „Frederick“ von Leo Lionni: Sie haben im Sommer Farben, Licht und Wörter für den Winter gesammelt – und sammeln noch weiter, solange die Herbstsonne Früchte und buntes Laub zum Leuchten bringt. Ihr Akku ist noch ordentlich voll. Dann kommt die Lichterzeit mit der Vorfreude auf Advent und Weihnachten.
Doch nach Silvester fällt dann auch ihr Pegel; es zieht sich. Die schönen Festtage sind vorbei, der Tannenbaum ist abgeschmückt, die Weihnachtsdeko auf dem Speicher verstaut. Draußen ist es aber noch immer dunkel, kalt und ungemütlich – und wärmere Frühlingstage noch lange nicht in Sicht. Bonjour tristesse! Wer morgens im Dunkeln zur Arbeit fährt und nachmittags im Dunkeln zurück, der sollte gut für sich sorgen, wenn die Stimmung zu kippen droht.
Warum die Seele nach
den Feiertagen müde wird
„Das Gefühl der Abgeschlagenheit nach den Feierlichkeiten zum Ende des zurückliegenden Jahres ist eine ganz normale Reaktion auf den Kontrast der nachfolgenden Ruhe", erklärt Gesundheitspsychologe Lutz Hertel. Es sei „eine Art emotionales Abregeln“. Der langsam wieder einkehrende Alltag könne bei manchen Menschen zu einer vorübergehenden Müdigkeit, empfundener Leere oder Melancholie führen. Gerade dann seien aber aufmunternde und aktivierende Outdoor-Tätigkeiten viel wichtiger „als weiterer Rückzug in Entspannung und Ich-Zeit“, so der Vorsitzende des Deutschen Wellness-Verbandes. Energie- und Konzentrationsverlust, Müdigkeit, Antriebsarmut: Von „Winterdepression“ spricht der Volksmund.
Beschrieben hat diesen natürlichen Energiesparmodus schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert der wohl berühmteste Arzt der Antike, Hippokrates von Kos. Er sah in jeder Krankheit eine unzureichende Anpassung des Menschen an die Jahreszeiten.
Jahreszeiten verstehen:
Warum der Winter dazugehört
Jahreszeiten – die Menschen vieler Länder der Welt, die einen solchen Wechsel von Werden und Vergehen gar nicht kennen, bewundern das Phänomen. Sie sind fasziniert, wenn Bäume keine Blätter mehr haben und fieser Regen und tiefe Wolken über ein ausgekühltes Land jagen.
Der Winter: auch eine Voraussetzung dafür, sich auf einen neuen Frühling und Sommer freuen zu können – statt sie selbstverständlich hinzunehmen. Nörgler halten den Frühling freilich für die überschätzteste aller Jahreszeiten – und Frühlingsgefühle für ein Gerücht. Der Testosteron-Spiegel sei gerade im November besonders hoch; eine evolutionäre Vorrichtung der Natur, damit der Nachwuchs dann im warmen Sommer geboren wird. Frühjahrsmüdigkeit, so meinen sie, sei die Realität.
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Bewegung und Licht: Was Körper
und Seele jetzt brauchen
Wer im Winterwettertief hängt, den interessieren solche theoretischen Betrachtungen eher wenig. Die einfachste Reaktion auf Winterfrust ist Konsum: Schokolade, deftige Winterkost. Andere setzen auf Bier und Wein oder gehen shoppen. Alles nicht nachhaltig – höchstens auf der Negativseite: ein Plus auf der Waage, Miese auf dem Konto.
Sinnvoller sind viel Bewegung, Sport und frische Luft; rausgehen, sobald das Wetter nicht allzu eklig ist. Licht, Lampen an, besser eine mehr als eine weniger. Stromsparen ist bei wochenlangem Lichtmangel nicht das erste ökologische Mittel der Wahl. Bis zu 100.000 Lux tankt man an einem klaren Sommertag; maximal die Hälfte an einem trüben Wintertag. Abhilfe können sogenannte Tageslichtlampen schaffen: hochdosierte Lichttherapie für etwa 100 Euro, ähnlich indiziert wie Rotlichtlampen gegen Nebenhöhlenentzündungen und Muskelbeschwerden.
Kleine Schritte gegen Winterdepression
Gesundheitspsychologe Hertel empfiehlt zudem, 30 Minuten lang das wenig anstrengende und gelenkschonende „Slow Jogging“ zu praktizieren – mit 180 kleinen Schritten pro Minute. Dies aktiviere nicht nur angenehm Kreislauf und Muskulatur, es werde dabei auch ein Cannabis- ähnlicher Botenstoff ausgeschüttet, der die Stimmung „spürbar anhebt“.
Davon abgesehen sollte man sich gezielt mit netten, gut gelaunten Menschen verabreden, erklärt der Wellness-Experte. Das lenke vom Grübeln ab und könne im positiven Sinne ansteckend sein. Auch eine vollwertige Ernährung – besonders Lebensmittel mit Tryptophan, Magnesium, B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren – wirke sich positiv auf die Stimmung aus. „Nicht zu vergessen Scharfmacher wie Chili und Ingwer, die das innere Feuer etwas anheizen.“ Für Hertel sind das – zu jeder Jahreszeit – die besten echten Wellness-Aktivitäten“.
Es sei ein weit verbreiteter Irrtum zu denken, Wellness sei ein reines Entspannungs- und Verwöhnprogramm: Vielmehrgehe es darum, „das Beste aus seinem Leben machen zu wollen, seine Potenziale für ein gutes und gelingendes Leben zur Entfaltung zu bringen, und dieses Ziel alltäglich durch sein aktives Handeln zu verfolgen“.
Kraft tanken mitten im Alltag
Wer kann, sollte eine Handvoll Urlaubstage ins neue Jahr hinüberretten, um sich die mühseligen Tiefstwinterwochen in der Mitte durchzuschneiden. Solche freien Tage können Tankstellen sein: um ein Wellnessbad oder eine Sauna zu besuchen, ein exotisches Restaurant, die neue Kunstausstellung oder den alten CD-Schrank – oder ein Städtchen in der Umgebung, das man schon seit Jahren auf dem Zettel hat. Solche kleinen Winterfluchten liefern ein paar Tage Vorfreude – und dann noch positive emotionale Nachwirkungen.
Was immer geht: sich an frischer Luft bewusst kalte Füße und Ohren zu holen, um sie dann beim Vollbad oder mit Tee an Kamin oder Heizung wohlig aufzuwärmen. Dunkel ist, mit einigem Selbstbeflunkern, gar nicht so schlimm, sondern eher eine Herausforderung.
Lichtmess und Hoffnung
Schließlich werden die Tage wieder spürbar länger: „Weihnachten um ein’ Mückenschritt, Silvester um ein’Hahnentritt, Dreikönig um ein’ Hirschensprung und Lichtmess um ein’ ganze Stund“, sagt der Volksmund. „Mariä Lichtmess“ oder „Darstellung des Herrn“ am 2. Februar ist eines der ältesten Feste der Kirche: Seit Anfang des fünften Jahrhunderts wurde es in Jerusalem am 40. Tag nach der Geburt Jesu gefeiert.
Beim Evangelisten Lukas ist nachzulesen, dass sich Josef und Maria in den Tempel begaben, um Jesus auszulösen, der als Erstgeborener Gott gehörte. Dort wurde Jesus von den Propheten Simeon und Hanna als Erlöser erkannt. Von ihm gehe „ein Licht, das die Heiden erleuchtet“ aus. Seit dem elften Jahrhundert kam der Brauch der Kerzensegnung und der Lichterprozessionen auf. An Lichtmess werden bis heute die für das Jahr benötigten Kerzen der Kirchen gesegnet. Und irgendwann, alle Jahre wieder, sind sie dann doch endlich da, die wirklichen Vorboten des Frühlings: Schneeglöckchen und der erste Krokus auf der Wiese. Ein Neuanfang – vielleicht mit Frühjahrsputz.



