Persönlichkeitsentwicklung
23.12.2025

Stille in einer lauten Welt – Warum Schweigen heute so viele Menschen bewegt

Wie klingt Stille? Ein gehörloser Sportler, ein geistlicher Begleiter und ein Teilnehmer von Schweige-Exerzitien über ihre Erfahrungen. Für jeden von ihnen hat Stille eine andere Dimension.
    

Foto: © yavdat_stock_adobe_com

Ein schalldichter Raum. Es ist still - scheinbar. Doch es ist immer etwas zu hören. Die eigene Atmung und der Herzschlag durchbrechen die Ruhe. Robert Wiedl erlebt das anders. Der Chemiemeister ist von Geburt an taub. Ich atme, aber ich höre es nicht, beschreibt der 29-Jährige. Diese Art der Stille kennen Hörende nicht.

Während Hörende die Stille eines Gehörlosen nie nachvollziehen können, ist es andersherum möglich. Mit Hilfe von Cochlea-Implantaten kann Wiedl hören. Dabei handelt es sich um eine Sinnesprothese für hochgradig Schwerhörige und Gehörlose, die Schall elektrisch direkt an den Hörnerv leitet und so das Hören ermöglicht. Mit zwei Jahren hat er rechts ein Cochlea-Implantat implantiert bekommen, mit sechs dann auf der linken Seite. Für ihn war das ein „Game-Changer“.

Stille in der Natur bewusst erleben

Robert Wiedl ist gerne in den Bergen. Dort genießt er, oben auf einem Berg eine leichte Windbrise zu hören. Auch das Rascheln von Laub unter seinen Füßen ist für ihn ein schöner Klang. Deshalb mag er es bewusst durch das Laub zu gehen und die Füße nicht richtig zu heben. Doch im Alltag kann die Stille auch ihre Schattenseiten zeigen. Zum Beispiel dann, wenn er im Freibad die Implantate herausnehmen muss. Wenn er mit mehreren Freunden unterwegs ist, fällt es ihm schwer den Gesprächen zu folgen. Auch wenn er Lippen lesen kann, fühlt er sich in den Momenten ausgeschlossen.
    

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Sensibilität für Geräusche und Achtsamkeit

Im Gespräch beschreibt Wiedl Geräusche, die Hörende vielleicht nicht so scharf wahrnehmen wie zum Beispiel einen wehenden Vorhang. Er scheint viel sensibler dafür zu sein: Hören ist für ihn nicht selbstverständlich. Außerdem zwingen ihn auch die Implantate aufgrund der Technik dazu sich mehr zu fokussieren. Denn er hört nicht multidimensional. Das heißt, er muss sich auf ein Gespräch oder Geräusch fokussieren, alles andere verschwimmt im Hintergrund. Dadurch ist er aber auch immer ganz bei der Sache. Eine unfreiwillige Form der Achtsamkeit.

Bewusst auf Stille verzichten:
Die Erfahrung ohne Implantate

Bewusst auf Stille verzichten: Die Erfahrung ohne ImplantateDie Implantate haben ihm die Tore zur Welt der Hörenden eröffnet. Dennoch entscheidet er sich auch manchmal bewusst sie abzulegen, „um diese Art der Stille zu erleben“. Da ist er „in sich selbst drinnen“, beschreibt er. Wenn er dann allein auf den Berg geht, nimmt er seine Umgebung intensiver und bewusster mit den Augen wahr. Wiedl ist Handballer und Teil der Gehörlosen-Nationalmannschaft. Er ist sportlich unterwegs. Ohne die Implantate stellt er neue persönlichen Rekorde auf: „Wenn meine Geräte draußen sind, dann habe ich meine besten Bergzeiten.“


Robert Wiedl ist Handballer und Teil der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft. Robert Wiedl ist Handballer und Teil der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft. Foto: © privat

Radikale Stille bewusst suchen:
Schweige-Exerzitien

Was Robert Wiedl unwillkürlich erlebt, suchen viele Hörende ganz bewusst: Momente radikaler Stille. In sogenannten Schweige-Exerzitien können Menschen zur Ruhe kommen, den eigenen Glauben vertiefen und sich selbst reflektieren. Und das meist in Stille. Das Haus Gries im oberfränkischen Landkreis Kronach in Bayern bietet Kurse an. Pater Lutz Müller SJ leitet das Haus und begleitet Menschen durch diese Zeiten. Er kennt die Angst der Menschen vor der Stille und kann sie sich erklären: „Unsere Kultur ist so laut, wortlastig und verkopft, dass der Raum für die Stille verschwunden ist.“ In unserem Alltag komme Stille kaum vor. Dennoch ermutigt er dazu, sich darauf einzulassen: „Stille kann jeder aushalten“.


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Intensive Erfahrungen und geistliche Begleitung

Christian Tröster war schon 15-Mal im Haus Gries. Dort ist es zwar äußerlich ruhig, aber von einer „inneren Stille“ kann da keine Rede sein. Die Gefühle in den Tagen seien sehr „reichhaltig“. Er habe die Erfahrung von Freude, Liebe und Ruhe gemacht, aber auch von Wut. Und auch dunkle Erinnerungen seien ans Tageslicht gekommen. Aus dem Grund ist eine geistliche Begleitung in solchen Prozessen wesentlich. Im Haus Gries habe er die Erfahrung gemacht, dass Begleiter Hinweise geben, um diese Krisen zu durchstehen. So lasse sich eine Lösung finden. Diese Intervention braucht es, bestätigt auch Pater Müller, um sich auch weiter der Kontemplation widmen zu können.


Pater Lutz Müller leitet das Haus Gries. Pater Lutz Müller leitet das Haus Gries. Foto: © Haus Gries

Stille als Sprache Gottes

Die Stille sei die Sprache Gottes, sagt der Jesuit: „Und wer still wird, nährt sich Gott an.“ Wer sich in die Stille begibt, begegne als erstes sich selbst, bevor er Gott begegnet. Gotterkenntnis und Selbsterkenntnis, seien zwei Seiten derselben Medaille, so Müller. Und auch Tröster ist überzeugt, dass auf dem Grund unserer Seele Gott ist. Das Verweilen in der Stille hat bei ihm langfristig zu „einer inneren Freiheit, einem inneren Frieden und Liebe geführt.“

Für Pater Müller ist die Stille fester Bestandteil seines Alltags. In der Regel verbringt er jeden Tag eine Stunde in Stille. Für Müller sei das die Pflege seiner Gottesbeziehung.


Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.