Persönlichkeitsentwicklung
27.02.2026

Pilatus-Momente im Alltag: Wie wir gegen unseren inneren Kompass handeln 

Jeder kennt sie: Momente, in denen man gegen den eigenen inneren Kompass handelt – beim Mitlachen, Wegsehen oder bei belastenden Entscheidungen. Lesen Sie, warum das passiert und wie wir lernen, unserem Kompass treu zu bleiben.
    

Kompass Kompass Foto: © MohamadFaizal – stock.adobe.com

Es war der Gerichtsprozess gegen Jesus. Ihm wurde vorgeworfen, sich als „König der Juden“ zu bezeichnen. Das galt als Hochverrat gegen den Kaiser. Die Menschenmenge tobte und forderte lautstark seinen Tod, heißt es in der Bibel. Die Aufgabe von Pilatus, dem Präfekten des Kaisers, war es, eine Entscheidung zu treffen. Immer wieder fragte er die Menge nach den Gründen und was er tun sollte. Sie ließ sich nicht beruhigen. Pilatus selbst schien unsicher zu sein. So ließ er Wasser kommen, wusch sich die Hände und sagte, so ist es überliefert, „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“. Das Volk jubelte. Pilatus selbst war von seiner Entscheidung aber offenbar nicht überzeugt. Und doch hat er sie getroffen. Gegen seine eigene Überzeugung.  

Warum handeln Menschen
gegen ihr eigenes Gewissen? 

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass Menschen gegen ihre eigenen inneren Überzeugungen handeln? Sozialpsychologe Harald Welzer hat untersucht, warum Menschen sich am Nationalsozialismus beteiligten, obwohl es ihren Überzeugungen widersprach. Seine Forschungen zeigen ein allgemeines menschliches Muster. Wenn die Mehrheit eine andere Ansicht vertritt, entsteht leicht das Gefühl, dass „der Zug der Zeit“ in diese Richtung fährt, beschreibt Welzer. Viele Menschen passen sich dann der Situation an. 

Ein weiterer Aspekt sei die „Anpassungsbereitschaft an das Schlechte“. Aus Angst vor Gewalt, Arbeitsverlust oder Repressionen widersetzen sich viele Menschen nicht dem, was sie als falsch empfinden. Die dadurch entstehende innere Spannung – die sogenannte kognitive Dissonanz – wird dann oft aufgelöst. Das zeigt sich, indem Menschen beginnen, das, was von einem mächtigen Akteur oder Regime gefordert wird, als richtig anzusehen.

Dieses Muster lässt sich auch auf die Situation des Pilatus übertragen. Er hätte – wenn er Jesus verschont hätte – den politischen Rückhalt verlieren können, was zu seiner Absetzung und sogar zu seinem eigenen Tod hätte führen können.      


Sozialpsychologe Harald Welzer Sozialpsychologe Harald Welzer Foto: © imago/Panama Pictures
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Entscheidungen im Alltag reflektieren 

Im Alltag stehen die wenigsten vor Entscheidungen über Leben und Tod. Dennoch gibt es ‚Pilatus-Momente‘, in denen gegen die eigenen Überzeugungen entschieden wird. Ein Kollege wird lächerlich gemacht, und die umstehenden Personen lachen mit – obwohl es sie stört. In einer Gruppe fällt etwas Verletzendes, doch niemand widerspricht, um den Frieden zu wahren. Trotz Kenntnis der Folgen der Klimakrise wird die Flugreise gebucht, „weil es ja nur das eine Mal ist“.

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Den inneren Kompass stärken 

Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Schwestern, musste in ihrer Funktion viele Entscheidungen treffen. Dabei ging es ihr weder um Applaus noch um Tadel. sagte sie im Gespräch. Wichtige Momente seien für die Schwester gewesen, in denen es ihr gelungen ist, unabhängig zu bleiben. Also sich nicht davon beeinflusst haben zu lassen, wie das im Außen wahrgenommen wird. Das Gebet habe ihr dabei geholfen, ihrem inneren Kompass treu zu bleiben.   


Katharina Ganz, Oberin der Oberzeller Franziskanerinnen Katharina Ganz, Oberin der Oberzeller Franziskanerinnen Foto: © Julia Steinbrecht/KNA

Autonomes Entscheiden lernen 

Wenn der innere Kompass außer Kontrolle gerät, dann sieht Ganz verschiedene Orientierungsmöglichkeiten. Im weltlichen Bereich könne man sich beispielsweise an Leitbildern orientieren, im kirchlichen Bereich gebe es die Bibel, wie auch Verlautbarungen oder Konstitutionen von Gemeinschaften. All das kann helfen, seine Kompass-Nadel wieder auszurichten. Gleichzeitig ist dazu kritische Auseinandersetzung notwendig. Da sind sich Ganz und Welzer einig.  

Der Sozialpsychologe sieht im Hinterfragen eine Chance, um in Entscheidungssituationen sich selbst treu zu bleiben. Daher appelliert er für eine „Erziehung zu Widerstand“. Ihm schwebt ein Bildungssystem vor, in dem Kinder Freiheit und autonomes Entscheiden lernen. Derzeit sieht er das nicht gegeben. Kinder lernten, Pflichten zu erfüllen. Es sei oft einfacher, zuzustimmen, als eigenständig zu handeln. Neben der Schule würden auch Universitäten und Unternehmen in der Form funktionieren. Sie trainierten Anpassung, nicht Widerspruch.

Autonomes Entscheiden sollte seiner Meinung nach schon im Kleinen geübt werden – etwa beim Abwägen, ob man mitten in der Nacht bei leerer Straße eine rote Ampel überquert oder wartet. Unsere Bildung müsste darauf abzielen, dass Menschen in der Lage sind, sich abweichend zu verhalten, wenn es darauf ankommt.  


Innehalten-Leseempfehlung
Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.