Persönlichkeitsentwicklung
01.12.2025

Mit Schreiben Stärke finden: Christina Brudereck über "Trotzkraft"

Mit Notizbuch und Stift durch den Alltag: Christina Brudereck zeigt, wie tägliches Schreiben dabei hilft, innere Kraft zu entwickeln und mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
    

Foto: © Baramee-stock.adobe.com

Christina Brudereck zieht ihr Notizbuch aus der Tasche. Es ist hellblau, und vorne auf dem Deckel sind Blumen in Hellrosa zu sehen. Dazu hat sie den farblich passenden Stift. Die Autorin hat immer etwas zum Schreiben dabei. Seit sie 14 Jahre alt ist, schreibt sie fast täglich. Ein schönes Buch und ein schöner Stift erleichtern ihr den Zugang.

Mittlerweile füllen die Notizbücher der vergangenen Jahrzehnte mehrere Regalbretter in ihrem Zuhause. Heute beginnen ihre Einträge allerdings nicht mehr mit „Liebes Tagebuch“, wie vielleicht noch zu Anfangszeiten. Doch täglich nimmt sie sich Zeit und schreibt.

Mit Schreiben innere Stärke entwickeln

Das Schreiben hilft ihr, Worte zu finden für das, was sie erlebt und wahrnimmt. Es ist ihre Art, Erlebtes zu verarbeiten. Durch das Finden von Worten hat sie das Gefühl, das Problem schon gelöst zu haben. Es lässt sich dann nicht mehr stillschweigen oder schönreden. Brudereck wird wieder sprachfähiger, kann sich in Gesprächen besser erklären und einordnen. So schafft sie Verbindung zu anderen. Und durch das Aussprechen und den Austausch gelingt schließlich das Verarbeiten.
    

Anzeige

Schreiben in der Trauer:
Erinnerungen an die Mutter bewahren

Gerade nach dem Tod ihrer Mutter hat Brudereck viel geschrieben. „Ich wollte nicht vergessen“, sagt die Sauerländerin. Ihr wurde bewusst, wie viele Rituale zu Advents- und Fastenzeit ihre Mutter ihr mitgegeben hat und welch lebensbejahender Mensch sie war – trotz vieler Schicksalsschläge. Ihre Mutter habe ihr immer gesagt, dass sie ein Wunschkind, ein „geliebtes Kind“, sei.

Das alles zu begreifen, hat ihr in der Trauer sehr viel bedeutet. Sie merkte: „Sie ist immer noch da.“ Das Erbe ihrer Mutter will sie im besten Sinne wertschätzen, hüten und weitergeben. Die Wertschätzung und der tiefe Dank an ihre Mutter wurden ihr erst durch das Schreiben in dieser Dichte und Intensität bewusst.

Schreiben als spirituelle Ruhepause im Alltag

Doch nicht nur in Krisenzeiten ist das Schreiben für Brudereck eine Bereicherung. Für sie ist es eine spirituelle Ruhepause. Sie rät jedem, sich eine solche Pause regelmäßig zu nehmen – unabhängig davon, wie es uns gerade geht.

Das muss nicht beim Schreiben sein. Es kann auch bedeuten, mit einer Tasse Tee einfach irgendwohin zu schauen, wo keine bewegten Bilder sind: „Ich finde das in diesen Zeiten eine sehr schöne Unterbrechung.“ Sie empfindet es als „heilsam“. Ob du deinen Tag mit „den aktuellen News oder einem Gebet, einem Präsidenten oder einem Psalm“ beginnst, macht für die Seele einen Unterschied, ist Brudereck überzeugt.

So geht es ihr beim Schreiben nicht nur ums Verarbeiten, sondern auch darum, die eigene Aufmerksamkeit zu lenken. Diese Pausen sind ihr „heilig“. Die gläubige Christin spricht auch davon, dabei „überrascht“ zu werden und sich beschenkt zu fühlen. Von wem, das lässt sie offen. Doch Brudereck sagt: „Ich denke mich nicht ohne Gott.“ Gleichwohl glaubt sie aber nicht, dass Gott ihr etwas diktiert oder sie eine göttliche Stimme hört.


[inne]halten - das Magazin 25/2025

Suche nach Einheit

Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Schreiben lernen: Mit Psalmen und eigenen Texten

Christina Brudereck schreibt seit vielen Jahren und kennt trotzdem das Gefühl, keine Worte zu finden. Dann bedient sie sich an schon geschriebenen Texten – etwa den Psalmen, Sätzen aus Kirchenliedern oder schönen Versen. Sie schreibt auf, was sie bereits auswendig gelernt hat. Das sind ihre Tricks, „um ihre Hand, ihr Herz und ihren Kopf wieder ins Schreiben zu bringen“. Es hilft ihr, sich Worte zu leihen, um dann eigene Worte zu finden.



Autorin und Theologin Christina Brudereck Autorin und Theologin Christina Brudereck Foto: © Ben Seipel

Insbesondere die Psalmen liefern Worte für „Angst, Wut, Scham, Reue, Enttäuschung, Zorn, Bitterkeit, aber auch Zuversicht, Hoffnung, Glück, Anerkennung, Wertschätzung“. Ein „unfassbar gutes Buch“. Der einfachste Trick, um ins Schreiben zu kommen, ist für sie, die Überschrift „Was ist jetzt da?“ zu wählen und dann loszuschreiben. Die Herausforderung sei dabei, den Stift nicht abzusetzen.

Eigene Worte finden und „Trotzkraft“ stärken

Die Worte, die jemand schreibt, schreibt kein anderer Mensch genau so. Wer eigene Worte findet, macht die Erfahrung von eigener Stärke und eigener Unabhängigkeit, so Brudereck. Man wird sich der Fähigkeit bewusst, auf die Welt auf die eigene Art zu reagieren. Sie spricht von „Trotzkraft“. Ein „Ja“: Ich lebe, ich bin, ich erfahre mich, ich bin mündig, ich kann reagieren, ich kann es in Worte fassen, und ich bin sprachfähig. Die Erfahrung, darüber sprechen zu können, findet Christina Brudereck sehr stärkend.


Brudereck, Christina Trotzkraft
2Flügel Verlag, 2024
22,00 €
Versandkostenfrei in DE
Sofort lieferbar
Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.