Macht ohne Missbrauch: Warum Führung Autorität braucht
Macht wird oft mit Unterdrückung und Missbrauch gleichgesetzt – zu Unrecht, sagt Unternehmensberater Peter Modler. Denn ohne sie gebe es keine funktionierende Führung.
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Ein herrischer Chef, eine strenge Richterin, ein grausamer Diktator - beim Begriff Macht stellen sich meist Assoziationen ein, die alles andere als positiv sind. „Hinzu kommt, dass viele Menschen Machtanwendung und Machtmissbrauch einfach gleichsetzen", sagt Peter Modler, Unternehmensberater und Autor. Und mit Machtmissbrauch, so Modler weiter, wolle niemand etwas zu tun haben. Dass deshalb selbst gut ausgebildete, intelligente Leute tiefe „Ablehnungsreflexe" beim Stichwort Machtanwendung zeigten, hält der Führungscoach für eine bedenkliche Entwicklung mit weitreichenden Konsequenzen.
Wo Autorität im Alltag unverzichtbar ist
„Wir regen uns so oft über Machtmissbrauch auf, dass wir ganz vergessen, wie oft Machtanwendung auch gelingt", stellt er fest. Beispiele für eine gelingende Ausübung gebe es wie Sand am Meer: Die Lehrerin, die in ihrer Klasse für Ruhe und Ordnung sorgt; der Chirurg, der den bewusstlosen Patienten erfolgreich operiert; der Abteilungsleiter, der im Meeting einen übergriffigen Kollegen in seine Schranken weist. „Unser aller Alltag", sagt Modler, „ist dominiert von überwiegend geräuschloser Machtanwendung, die wir nie infrage stellen, weil sie für uns nützlich und gewinnbringend ist." Auch im privaten Bereich könne darauf nicht verzichtet werden - etwa, wenn Eltern ein Kind erziehen.
Teamwork allein reicht nicht
Teamwork allein reicht nicht Dennoch hat Modler die Erfahrung gemacht, dass es in vielen beruflichen Milieus schon fast zum guten Ton gehöre, mit Machtfragen nichts zu tun haben zu wollen. Stattdessen werde hierarchiefreies Arbeiten idealisiert und „Teamwork fast zu einem Fetisch gemacht". Vielfach herrsche die Vorstellung, dass es ausreichend sei, Regeln nur auszusprechen und aufzuschreiben - schon halte man sie für realisiert. Vergessen werde dabei, dass es Personen brauche, die auf die Umsetzung dieser Vorgaben achten und sie gegebenenfalls auch gegen Widerstände durchsetzen. „Wird Macht kompetent angewendet, kann sie die Zusammenarbeit erleichtern und die Produktivität steigern", hat der Unternehmensberater beobachtet.
Peter Modler, Unternehmensberater und Autor Foto: © Peter Modler/KNA
Die verbreitete Angst, dass bei denen, die über Macht verfügen, moralische Maßstäbe schleichend verloren gehen, kann Modler durchaus nachvollziehen. Deshalb empfiehlt er unter anderem, sich vor der Übernahme einer Führungsrolle die damit verbundene Verantwortung und Machtbefugnisse bewusst zu machen und - ähnlich einem gewählten Politiker - eine Leitungsfunktion nur befristet anzunehmen. Sich nicht nur mit Jasagern zu umgeben, könne ebenfalls für einen verantwortungsvollen Umgang mit Macht sorgen. „Wer aber aus einem Unschuldsbedürfnis heraus gar keine Macht haben will, öffnet Tor und Tür für die, die bei diesem Thema keine Skrupel kennen", warnt der Experte.
Macht als menschliches Grundbedürfnis
Dass es keineswegs anrüchig, sondern ein angeborenes Bedürfnis des Menschen ist, nach Macht zu streben, belegt Modler zufolge ein Blick in die Bibel: In der Schöpfungsgeschichte wird der Mensch als Co-Creator Gottes dargestellt, der den Auftrag hat, sich mit kreativer Machtanwendung die Erde untertan zu machen. „Auch wer nicht religiös ist, hat es mit dieser Blaupause zu tun: So lange du lebst, hast du etwas zu erschaffen, was außer dir niemand hervorbringen kann." Dass dieser Auftrag auch zur Ausbeutung des Planeten und zahlreichen Ungerechtigkeiten geführt habe, ändere nichts daran, wie er ursprünglich einmal gemeint war.
Letztlich empfinde jeder, der im Rahmen der eigenen Rolle etwas gestalten konnte, tiefe Befriedigung: Sei es, dass er die Umstrukturierung der Firma in die Wege geleitet, beschützende Regeln für das Zusammenleben durchgesetzt habe oder anderen etwas von der eigenen Macht abgeben konnte. „Lauter schöpferische Akte. Etwas ganz anderes jedenfalls als das einfältige Herumschimpfen über die Regierung", betont Modler. Auch auf weltpolitischer Ebene hält er die Anwendung beschützender Macht für zweifelsfrei angebracht: „Ohne die Organisation militärischer Macht wird jemand wie der russische Präsident Wladimir Putin zu keinem Frieden bereit sein."
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