„Eine Seite noch“: Meike Winnemuth über das Glück des Lesens
Bestsellerautorin Meike Winnemuth erzählt in ihrem neuen Buch „Eine Seite noch“ von ihrer Leidenschaft für Bücher, die für sie zugleich Schatzkammer und Durchgangsstation sind – geliebte Begleiter, die bleiben dürfen oder weiterziehen, wenn ihre Zeit gekommen ist.
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"Eine Seite noch!" Das rufen Vielleser mitunter flehentlich aus, wenn sie wissen, dass sie ihr Buch zur Seite legen müssen. „Eine Seite noch" ist auch der Titel des neuen Buches von Meike Winnemuth, die sich selbst zu den Viel- oder Dauerlesern zählt. Lesen mache sie glücklich und ihre Welt größer, breiter und weiter, sagt die Bestseller-Autorin.
Wie viele Bücher sie hat? So genau weiß Winnemuth das nicht. Sie schätzt, zwischen 800 und 1.000 Büchern. Ihre Sammlung schwelle an und ab, in stetem Wechsel wie die Gezeiten, erklärt sie, weil sie ihre Bücher selten behalte. „Meistens gebe ich sie weiter an Freunde oder an Leute aus meinem Buchclub oder ich tue sie in einen Büchertauschschrank."
Zwischen Besitz und möglichem Lesen
Manche Menschen leiden unter körperlichen Schmerzen, wenn sie ihre Bücherregale ausmisten müssen. Nicht so Winnemuth: „Wenn das Buchregal zu voll ist, dann ist eine natürliche Grenze erreicht", hat sie für sich beschlossen. Dann stelle sie sich davor und überlege: „Jetzt seid ihr einfach zu viele, ihr Lieben, wer von euch geht denn freiwillig?"
Ihre Regale sieht sie weniger als Aufbewahrungsort für gelesene Bücher, sondern als Ort, an dem noch zu Lesendes seinen Platz finden. So viele Bücher und doch nichts zu lesen gefunden? Kommt vor, auch bei einer Dauerleserin wie Winnemuth.
Da sie Mitglied in zwei Buchclubs ist, greife sie oft zunächst zu den Titeln, die dort auf der Agenda stehen. Häufig spiele aber auch der Zufall eine Rolle: „Zuletzt hat mir ein Freund, der wahnsinnig viel liest, gesagt: 'Du musst jetzt dringend das und das lesen.' Und dann denke ich: 'Gut, dann lese ich jetzt eben genau das'", erklärt die Autorin.
Wenn Bücher sich verbinden
Manchmal ergibt sich die Auswahl für Winnemuth ganz von selbst. „Es gibt Bücher, die einander die Hand reichen, sodass sich eine natürliche Abfolge ergibt", erklärt sie. Dann vertiefe sie sich etwa in das Werk einer Autorin oder eines Autors und wolle alles von ihr oder ihm lesen. Oder sie wähle ein Buch, das thematisch an das vorherige anschließt. „Oft greift eines ins andere, aber gelegentlich kratze ich mir auch am Kopf."
Meist liest Winnemuth fünf Bücher gleichzeitig, gibt sie zu. Ihr aktuelles Lieblingsbuch sei oft das, das sie gerade beendet habe. „Dieses Lieblingsbuch hält dann für ungefähr eine Woche, bis das nächste Lieblingsbuch des Weges kommt." Ein paar dauerhafte Lieblingsbücher hat sie schon: etwa „Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf, „Bartleby, der Schreiber" von Herman Melville oder „Die Wand" von Marlen Haushofer. Diese Werke hätten einen festen Platz in ihrem Regal, ebenso die von Thomas Mann.
Lesen im Rhythmus der Jahreszeiten
Je nach Jahreszeit wählt
sie andere Bücher aus. Im Sommer seien es eher Krimis, die man "mal eben
so weglesen kann". Im Winter dagegen bevorzuge sie die großen, tiefen,
schweren Werke, „die man dann zu Hause im Sessel mit Wolldecke um die
Beine liest." Dazu zählt zum Beispiel Leo Tolstois „Krieg und Frieden"
oder George Eliots „Middlemarch", beides Klassiker aus dem 19.
Jahrhundert.
Tolstois „Krieg und Frieden" habe sie lange vor
sich hergeschoben, erzählt sie - und es sich für die Zeit vorgenommen,
wenn sie alt sei und viel Zeit habe. Der Zeitpunkt sei nun gekommen; sie
hat es gelesen - und ärgere sich im Rückblick, dass sie das nicht
früher getan habe.
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Jedes Buch hat seine Zeit
Andererseits: „Ich glaube, jedes Buch hat seine Zeit", sagt Winnemuth. Es gebe einige Bücher, für die man erst einmal alt genug werden müsse oder in die man hineinwachse. Dazu komme, dass sich mit dem Alter auch der Literaturgeschmack verändere. „Ich habe natürlich mit 20 andere Bücher geliebt als mit 40 oder jetzt mit 65."
Zu den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, die ihr Leben einfacher machen, zählt ein E-Reader - besonders, wenn sie auf Reisen sei. Winnemuth hatte vor einigen Jahren eine halbe Million Euro bei der Quiz-Sendung „Wer wird Millionär?" gewonnen. „Nichts ist schöner, als im Hinterland von Äthiopien einen Roman herunterzuladen, den ich dringend lesen will", sagt sie. „Das ist ein unfassbarer Luxus und ich bin sehr, sehr dankbar, im 21. Jahrhundert zu leben."
Ansonsten sei sie jedoch Team Buch. „Ich liebe die knarzenden Rücken, die duftenden Seiten, das Haptische, das Gewicht auf dem Bauch, wenn ich auf dem Sofa liege", schwärmt sie. „Ich liebe einfach alles an Büchern. Als Gegenstände mag ich sie einfach unglaublich gerne um mich haben." Sie hätten eine beruhigende Ausstrahlung. Was aber alles toppt: Die Bücher warten auf sie. „Das finde ich das fast Schönste an Büchern. Sie sind ja da."
Ein Festtag für das Lesen ist der 23. April. Da wird weltweit das Buch gefeiert. Der Tag wurde 1995 von der UNESCO ins Leben gerufen. Buchhandlungen, Verlagen, Büchereien und Schulen organisieren Lesungen, Mitmachaktionen, Buchvorstellungen und besondere Projekte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ziel des Welttags ist es, die Bedeutung von Büchern hervorzuheben, Lesekompetenz zu fördern und die Begeisterung für Geschichten in allen Altersgruppen zu wecken.



