Persönlichkeitsentwicklung
14.10.2024

Am Rande des Burnouts: Der Balanceakt zwischen Stress und Selbstfürsorge

Der ständige Druck im Alltag bringt viele an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Erschöpfung nimmt zu. So ging es auch Skisprung-Legende Sven Hannawald. Er berichtet von seinen Erfahrungen. Lesen Sie hier, wie bewusste Selbstfürsorge helfen kann, diesen Kreislauf zu durchbrechen und die mentale Gesundheit zu stärken.

Eine Person balanciert auf einem Seil in der Luft, trägt rote Handschuhe und ein blaues Oberteil. Der Hintergrund ist dunkel. Eine Person balanciert auf einem Seil in der Luft, trägt rote Handschuhe und ein blaues Oberteil. Der Hintergrund ist dunkel.

Wie wichtig mentale Gesundheit ist, dass wird uns meist erst dann bewusst, wenn etwas nicht mehr so „funktioniert“, wie wir es kennen. So ging es auch Skisprung-Legende Sven Hannawald. Erst Olympiasieger, Rekordhalter, Vier-Schanzen-Tour-Gewinner und dann die Diagnose: Burnout. Heute tourt Sven Hannawald durch Deutschland und hilft in Workshops anderen mit seinen Erfahrungen. Wichtig sei, dass über das Thema gesprochen werde, so Hannawald gegenüber innehalten.de, auch damit die Betroffenen sich nicht als Menschen zweiter Klasse fühlen würden.

Wer nicht mehr alleine rauskommt aus der Depression oder dem Burnout der findet seinen Weg vielleicht auch zu Bert te Wildt. Er leitet die psychosomatischen Klinik Kloster Dießen. Seinem Eindruck nach ist das Thema mental Health noch viel zu wenig in unserem Alltag angekommen. „Wir vernachlässigen uns in unseren mentalen Bedürfnissen ziemlich stark“, so te Wildt, und das in einer Zeit, in der Menschen viele Sorgen haben, in der Prozesse schneller werden und wir uns auch dank digitaler Medien noch mehr voneinander entfremden würden.


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Leistungsdruck wirkt auf seelische Gesundheit

In seinem Klinikalltag beobachtet er, dass die Erschöpfungsdepression mehr zu werden scheint. Seiner Einschätzung nach hat das auch etwas mit „Leistungsoptimierung“ zu tun. Das Gefühl etwas leisten zu müssen, um etwas wert zu sein, habe sich in den Köpfen festgesetzt hat. So sei es fast zum Normalzustand geworden, dass man am Rand des Nervenzusammenbruchs, des Burnouts surfe. Gerade an diesem Rand der Erschöpfung würden die Betroffenen das meiste aus sich herauspressen, immer etwas gegensteuern mit ein bisschen Wellness, ein bisschen Sport, Yoga, oder Meditation. Am Ende würde das aber nicht selten zu chronischen Depressionen oder einem Burnout im engeren Sinne führen.

Selbstfürsorge: Schlüssel zu  mentaler Gesundheit

Damit es gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt te Wildt sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern. Wichtig sei im besten Fall an jedem Tag, jeder Woche, jedem Monat, jedem Jahr bestimmte Zeiten, Räume und Situationen für die eigene Selbstfürsorge im Hinblick auf mentale Gesundheit zu reservieren. Darunter fällt neben einem Raum für sich alleine zum Beispiel auch ein nicht durchgetaktetes Wochenende oder eine Auszeit im Kloster. „Wenn wir solche Zeitinseln einbauen, dann tun wir schon relativ viel für unsere Gesundheit“, so der Mediziner.

Auch Dominique de Marné kennt Depression aus der eigenen Erfahrung, sie hat die Mental Health Crowd GmbH gegründet und ist als Speakerin in Firmen und auf Bühnen unterwegs. Sie sagt: es ist wichtig über mentale Gesundheit zu sprechen. Gerade jetzt mit globalen Krisen, Megatrends und dem Privatleben muss unsere mentale Gesundheit ganz schön viel leisten. Vielen würden die nötigen „Tools“ fehlen, sie wären überfordert und würden sich betäuben.

Prävention entscheidend

Das Ziel der Gründerin: das Thema mental Health positiv besetzen. Wenn es um seelische Gesundheit geht, braucht es für sie keine schwarz-weiß-Bilder und traurige Klaviermusik. Stattdessen setzen sie und ihr Team auf poppige Farben und eingehende Botschaften. Eine davon „wo ein Mensch, da eine mental Health “ – das soll zeigen, mentale Gesundheit haben wir alle, nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen. Und um unsere mentale Gesundheit müssen wir uns selbst kümmern, der passende Spruch dazu: „if you need a change in your life don’t wait for a hero, be the hero and safe yourself“ (also wenn du eine Veränderung in deinem Leben brauchst, warte nicht auf einen Helden, sei der Held und rette dich selbst Anm. d. Red.)

Um zu überprüfen, wie es mit der eigenen mentalen Gesundheit aussieht, stellt Dominique in ihren Workshops und Seminaren dann so genannte „check-in-Fragen“. Zum Beispiel die nach dem Ladestand des eigenen „Akkus“. Dann fordert sie die Teilnehmer auf zu überprüfen, welche „Apps“ Energie geben, zum Beispiel Bergsteigen oder Freunde treffen. Dinge, oder in diesem Fall „Apps“, die Energie kosten, beispielsweise die Steuererklärung, wären sowieso Teil des Lebens. Die positiven Dinge „müssen wir wirklich wollen und einplanen“, sagt die metal Health visionary. Da Balance zu schaffen, sei schon mal ein großer Schritt.

Egal ob der ehemalige Weltmeister, der Arzt oder die Gründerin. Fragt man danach, welchen Traum sie haben in Sachen seelische Gesundheit, so ist der Tenor: mehr und leichter zugängliche Angebote für Betroffene, ein unverfänglicher Umgang mit dem Thema und eine bessere (Aus)Bildung in Sachen mental Health. Oder wie Sven Hannawald es auf den Punkt bringt:

„Wir wissen von allen alles, aber was speziell Menschen und Gefühle angeht, sind wir alle blind“.


Linda Burkhard
Artikel von Linda Burkhard
Radioredakteurin, Moderatorin und Channel-Managerin
Verantwortet die Zulieferung an externe Radiosender, berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube aus ganz Bayern.