Beziehung
20.03.2026

„Reden müssen“: Miteinander-Sprechen neu lernen

In ihrem neuen Essay „Reden müssen“ spricht Autorin Regina Denk über Missverständnisse in der digitalen Kommunikation, Gespräche im realen Leben und darüber, wie wir wieder mehr Verbindungen zu unseren Mitmenschen schaffen. 

Wir müssen wieder mehr im realen Leben miteinander reden, sagt Autorin Regina Denk. Wir müssen wieder mehr im realen Leben miteinander reden, sagt Autorin Regina Denk. Foto: © M Moller/peopleimages.com

In der Teeniezeit endlos telefoniert, über alles und nichts. Und heute? Gespräche über die Arbeit, verschobene Treffen und ein Zögern, wie ehrlich die Antwort auf die Frage, wie es so geht, denn ausfallen darf. Was Regina Denk beschreibt, kennen vermutlich viele Millennials, also etwa die Jahrgänge von 1980 bis 1995. Auch für alle anderen haben die Sozialen Medien die Kommunikation massiv verändert. Denks humorvoller wie nachdenklicher Essay "Reden müssen" erscheint am Donnerstag; zu Wochenbeginn hat sie den Roman "Der Fährmann" veröffentlicht.

Online-Kommunikation: Zwischentöne verstehen

Sie sei keine, die das Internet oder Social Media ablehnt, betont die Autorin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Im Gegenteil: "Eigentlich ist es eine wunderbare Sache, sich direkt mit deutlich mehr Menschen vernetzen zu können - und an vielen Stellen klappt das sehr gut." Ihr Eindruck sei jedoch, dass die digitale Revolution schneller voranschreite, als der Mensch mithalten könne: "Wir haben noch nicht gelernt, Zwischentöne zu transportieren."

Denk nennt ein Beispiel: "Man bekommt eine Mail in einem Ton, der spontan erschreckend klingt - und fragt sich: Was habe ich dem Gegenüber getan? Oder: Warum ist der denn schon wieder so mies drauf? Oder auch: Ach, die ist so freundlich, wir verstehen uns richtig gut." All dies seien Interpretationen eines Schreibstils: Vielleicht habe jemand einfach eine knappe oder blumige Art - die nichts mit dem Empfänger zu tun habe. "Da verfransen wir uns schnell - und so reflektiert, im Alltag einen Schritt zurückzutreten, sind wir selten."  

Regina Denk ist Autorin und Verlagsleiterin.  Regina Denk ist Autorin und Verlagsleiterin. Foto: © Anja Auer

Digital-Schub in der Corona-Zeit

Tippen statt reden, das ist in den vergangenen Jahrzehnten, zumal durch die Corona-Pandemie, ganz üblich geworden. Sprachnachrichten statt Anruf: ist praktischer. Parlieren statt echter Austausch – denn in die Tiefe zu gehen, kann anstrengend werden. Smalltalk zu beherrschen, sei eine tolle Eigenschaft, betont Denk. "Noch besser ist es, wenn man weiß, wann der Smalltalk erledigt ist und man ernsthaft reden möchte. Oftmals bleiben wir in einer mittelrichtigen, breiigen Eintönigkeit stecken - im Berufsalltag, beim Dating oder bei Familienfesten." 

Die Frage sei, ob und wie der Übergang zu etwas Echtem noch gelinge: "Der Punkt, an dem aus Bekanntschaft eine Freundschaft wird oder aus Dates eine Beziehung, kann Reibung mit sich bringen." Die Schriftstellerin verweist auf die zahlreichen Bücher, Adventskalender oder Spiele, die Fragen auflisten, die sich Paare und Familienmitglieder gegenseitig stellen können. "Ich mag diese Produkte sehr gern. Aber soziologisch betrachtet sagt es etwas aus, dass wir diese Hilfestellung brauchen, um nahestehende Menschen wirklich kennenzulernen."

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Einsamkeit verhindern: 
Verbindung braucht offene Ohren 

Verbindung entstehe, wenn Menschen sich öffneten, so die These des Essays - und wenn andere zuhörten. "Die Einstellung, auf sich selbst zu achten, ist wichtig und gesund", sagt Denk. "Allerdings haben wir uns in eine Richtung entwickelt, wo sich ein Großteil der Welt ein bisschen zu wichtig nimmt. Wir sind alle kleine, vermeintlich einzigartige Sonden in einem Universum, in dem es keine anderen Planeten mehr gibt."

Dies hänge direkt mit dem Megathema Einsamkeit zusammen - und ist für die Autorin ein Grund dafür, dass immer mehr Menschen in Therapien oder Coachings gehen. "Ich spreche nicht von ernsthaften Erkrankungen. Sondern von dem Gefühl: Ich muss ganz viel loswerden von dem, was mich belastet." Schon kleinere Alltagshandlungen könnten indes einen Unterschied machen: Wer nie mehr im Lokal anrufe, um einen Tisch zu reservieren, Arzt- und Kosmetiktermine ausschließlich online vereinbare - der verlerne "Basics der Kommunikation. Es schleicht sich aus: sich freundlich vorstellen, ein Anliegen formulieren, vielleicht ein paar Floskeln austauschen."

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Kategorien überwinden: 
„Die Wahrheit dazwischen“

Isolation aber könne kaum ein Mensch ertragen. In ihrem Buch verweist Denk auf den Film "Cast Away" (2000), in dem sich ein großartiger Tom Hanks als Überlebender eines Flugzeugunglücks auf einer einsamen Insel mit einem Volleyball anfreundet. Dies zeige, dass Menschen das Reden brauchten, "um bei Verstand, um gesund zu bleiben". Doch allzu häufig wähle man heutzutage den bequemen Weg - wenn etwa nach einem durchwachsenen Date "geghostet" werde. US-Studien zeigen, dass Menschen sogar bei der Wohnungssuche mit einer begründeten Absage zufriedener sind, als wenn sie schlicht ignoriert werden. 

Wenn sich die einen übermäßig anpassten, die anderen alles ungefiltert herausschrien, gingen Zwischentöne verloren, warnt die Autorin. "Der neue Bestseller-Roman von X, das neue Album von Y, als Mutter arbeiten oder zu Hause bleiben, Kinder ja oder nein, Fleisch essen ja oder nein, Alkohol trinken ja oder nein - die Liste der Dinge, für die es keine Mitte, kein 'alles kann, nichts muss' mehr gibt, lässt sich ins Unendliche fortsetzen." Sie sieht es als eine der größten menschlichen Aufgaben, Kategorien wie "Richtig" und "Falsch" - im Netz: "Daumen hoch" oder "Daumen runter" - zu überwinden. "Und die Wahrheiten dazwischen zu akzeptieren". 

Zum Weiterlesen
Denk, Regina Reden müssen
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KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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