Vom Anfang bis zur Apokalypse - Folge 3
Onan, Lot und die komplizierte Moral des Lebens
Unser Kollege, Chefreporter Alois Bierl, wird in einem Jahr die komplette Bibel lesen. Jede Woche lässt er uns an diesem spannenden Experiment und seinen Erfahrungen teilhaben.
Alois Bierl liest die Bibel. Foto: © Korbinian Bauer/SMB
Bürger, die fremde Männer vergewaltigen wollen, Inzest, kinderlose Ehen, Leihmutterschaft und ein Coitus interruptus aus Feindseligkeit. Dazu kommen gerade noch verhinderte Menschenopfer oder ein versuchter Brudermord, um den etwas altkluge Joseph aus dem Weg zu räumen. Ein paar Kapitel zuvor hat es Abel schon erwischt, Blutsverwandtschaft hin oder her, Kain hat zugeschlagen.
Das Buch Genesis kommt mir wie die große und atemlose Drama Queen unter den biblischen Schriften vor. Ich bin nicht völlig ahnungslos in meine Bibellektüre eingestiegen. Aber dass sich die einzelnen Geschichten um Lot, um Hagar, um Tamar und Onan oder um Isaak und all die anderen auf gerade einmal gut 40 Seiten zusammendrängen – es war mir nicht mehr bewusst. Auch nicht, wie knapp und deutlich sie sind. Mich verblüfft, wie entschlossen und tabulos Frauen darum kämpfen, Mutter zu werden. In den meisten Geschichten geht es handfest um Fortpflanzung. In der Geschichte von Lot auch um die Würde und die Achtung vor dem Körper, wenn er zwei Engel in männlicher Gestalt vor der Vergewaltigung durch andere Männer schützt. Wenig später lassen sich seine Töchter zielbewusst von Lot schwängern, weil nach dem Ende Sodoms keine anderen Männer mehr da sind. Aus diesem Doppelinzest gehen mit Moab und Ben Ammi zwar zwei Leibfeinde Israels hervor, aber das Verständnis für das Handeln der beiden jungen Frauen ist da.
Die Menschen sind wertvoll
„Das Leben ist am größten:/Es steht nicht mehr bereit“, heißt es in einem Gedicht von Bertolt Brecht. Wie der wortgewaltige Atheist aus Augsburg schielen die Menschen in der Genesis kaum ins Jenseits, sondern wollen auf der Welt bleiben, wenigstens in ihren Nachkommen. Das ist das Nachleben, auf das sie sich verlassen. Darum sind Kinder so kostbar. Selbst wenn es erotisch einmal knistert wie bei Jakob und Rahel und eine bisschen sentimentale Liebesgeschichte sich andeutet: wenn Frau und Mann zusammenliegen, dann sollte etwas Drittes dabei herauskommen. Für zweckfreie Lust hat das Buch Genesis keinen Sinn, für bürgerliche und auch kirchliche Moral erst recht nicht. Dennoch trägt die Kirche etwas vom Sinn dieses biblischen Erbes weiter: Dass Menschen wertvoll sind, für ihre Eltern und noch mehr für sich selbst und sie deshalb schon im Mutterschoß zu schützen sind. Dass Sexualität eine große Aufgabe ist, kein unverbindlicher Spaß und keine Triebabfuhr.
Hören wir als Zeitgenossen und Genussmenschen des 21. Jahrhunderts nicht gerne, weil immer ein Unterton mitschwingt: Geschlechtsverkehr ist nicht zum Vergnügen da. Gleichzeitig wissen wir, wie eine engherzige verdruckste Sexualmoral mit ihren minutiösen Verboten Frauen, Männer und Kinder kaputtmachen kann. Die Kirchen waren immer sehr gut darin vorzuschreiben, was geht, wenn zwei Leiber zusammenkommen und noch mehr was nicht geht. Und manchmal wünsche ich mir, die Theologen hätten sich mehr Gedanken um das fünfte anstatt um das sechste Gebot gemacht. Das Buch Genesis ist dagegen alles andere als verdruckst und macht nicht viele Vorschriften: Es sagt nur „Das Leben ist am größten“ – behalt es nicht für Dich allein, gib es unbedingt weiter, wenn du es irgendwie kannst und hüte es.



