Sind Sie bereit für den Krisenfall?
Ein Begleit-Event zur Münchner Sicherheitskonferenz 2026 befasste sich mit dem Ernst der aktuellen sicherheitspolitischen Lage und mit Wegen zur gesellschaftlichen und individuellen Resilienz. Wir bringen die prägnantesten Thesen und Erkenntnisse auf den Punkt.
Feuerwehrleute bei einer Gefahrgut-Übung in Schutzausrüstung. Während Einsatzkräfte regelmäßig Übungen abhalten und Krisenszenarien durchspielen, befasst sich die breite Bevölkerung in Deutschland viel zu wenig mit der Möglichkeit einer Großkrise. Foto: © imago/Kay-Helge Hercher
Russland bedroht Europa mit militärischer Gewalt wie auch mit nichtmilitärischen Methoden, zugleich ziehen sich die USA als Garant einer internationalen Werte- und Bündnisordnung zurück. Was muss in Deutschland angesichts dieser gewaltigen Herausforderungen passieren, damit weiterhin ein Leben in Sicherheit, Freiheit, Recht und Wohlstand möglich ist? Dieser Frage ging eine Tagung mit dem Tiel „Individuelle und gesellschaftliche Verantwortung und Resilienz in sicherheitspolitisch unsicheren Zeiten“ nach, die als Begleitveranstaltung zur 62. Münchner Sicherheitskonferenz in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften stattfand. Unter der Projektträgerschaft des Landeskommandos Bayern der Bundeswehr und in Zusammenarbeit zahlreicher Partner und Förderer standen hochkarätige Vorträge und Workshops auf dem Programm.
„Persönliches Engagement ist die stille Infrastruktur der Demokratie“
Thomas Hambach, Kommandeur des Landeskommandos Bayern der Bundeswehr
Brigadegeneral Thomas Hambach hob in seiner Rede das zivile Engagement und die mentale Komponente zur Bewältigung der aktuellen Krisenlage hervor. Er verdeutlichte, dass eine Bedrohung für Deutschland nicht nur über Waffen, sondern über Narrative entstehe. Mit Cyberangriffen, Desinformation, Sabotage und Spionage würden unser Denken, unser Vertrauen und unser Zusammenhalt angegriffen und unsere Gesellschaft destabilisiert.
„Ein Staat ist nur so stabil wie die Gesellschaft, die ihn trägt und mit Leben füllt“, mahnte der Brigadegeneral und erinnerte daran, dass unsere demokratisch-freiheitliche Grundordnung „ein Privileg, kein Naturzustand“ sei. „Demokratie ist kein Zuschauersport“, sie erfordere das persönliche Engagement der Bürger. „Die Werte verteidigt man nicht an den Grenzen, sondern im Denken“, appellierte Hambach an das Plenum.
„Viele Leute haben noch überhaupt nicht verstanden, wie ernst die Lage ist“
Nico Lange, Gründer und Direktor des Instituts für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit (IRIS)
Der Sicherheitsexperte Nico Lange kritisierte das Erscheinungsbild Deutschlands mit harschen Worten. Anstatt eine Botschaft der Abschreckung in Richtung Kreml zu senden, signalisiere die deutsche Politik eher Trägheit, Zögerlichkeit und Entscheidungsschwäche. Einen deutschen Grundfehler sehe Lange darin, dass man hierzulande schon das Ausgeben riesiger Summen für die Landesverteidigung als Erfolg darstelle – in Wirklichkeit sei aber in den vier Jahren seit dem vielbeschworenen Ausrufen der „Zeitenwende“ viel zu wenig passiert.
Drei Forderungen stellte Lange, der auch als Experte an der Münchner Sicherheitskonferenz mitwirkt: Deutschland und Europa müssten erstens in die Lage kommen, mit wirtschaftlichen Mitteln ein Abschreckungspotenzial aufzubauen. Zweitens brauche es ein militärisches Rückgrat mit durchschlagsfähigen Waffensystemen auch ohne die Unterstützung der USA. Drittens brauche es in unserer Demokratie keine „Sehnsucht nach Konsens-Soße“, sondern wieder mehr „lustvollen Streit“, bei dem man hart diskutiert und am Ende mit Mehrheiten entscheidet, ohne Energie dafür zu verschwenden, die Zustimmung jedes Einzelnen gewinnen zu wollen.
Lange, der keinen Zweifel an seiner Überzeugung ließ, dass sich Deutschland in einer sehr prekären Lage befindet, verglich die russischen Aggressoren mit einer Gruppe von gewalttätigen Nachbarskindern, die friedliche Kinder bedrängen. Da helfe kein gutes Zureden und kein Vernunftargument, sondern die friedlichen Kinder müssten die Fähigkeit der Abschreckung bekommen, um den Aggressoren unmissverständlich zu sagen: „Wenn ihr das tut, dann knallt’s!“ Eine „rein defensive Haltung ist eine Illusion“, sagte Lange. „Wir müssen gewinnen wollen. Wir müssen ausstrahlen, dass wir gewinnen wollen. Wir müssen uns durchsetzen wollen!“
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„Wir brauchen einen Neuansatz für eine ganzheitliche Krisenvorsorge in Deutschland“
Martin Schelleis, von 2015 bis 2024 Inspekteur der Streitkräftebasis, seit 2024 Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivil-militärische Zusammenarbeit bei den Maltesern
Mit Generalleutnant a. D. Martin Schelleis legte ein weiterer Top-Militär den Fokus auf die zivile Dimension der gesellschaftlichen Widerstandskraft. Er wies darauf hin, dass es nicht nur militärische Gefahren für Deutschland gebe, sondern auch Naturkatastrophen, Pandemien, Terrorismus, Stromausfälle und einiges mehr, und dass wir viel zu wenig auf große Krisen vorbereitet seien. Die „Effektivität unserer Vorbereitung und Reaktion auf die nächste größere Krise“ werde aber entscheidenden Einfluss auf die Zukunft unserer liberalen Demokratie haben; zugleich hätten aber viele Menschen bereits das Vertrauen verloren, dass dieses liberale und föderale System die großen Probleme lösen kann.
Im Verteidigungsfall und bei einem Krieg an der NATO-Ostflanke sei Deutschland, das dann zu einer logistischen Drehscheibe in Europa werde, nicht ausreichend vorbereitet. Es sei unklar, ob dann die Zivilverteidigung funktioniere, wie viele geschulte zivile Unterstützungskräfte zur Verfügung stünden, oder ganz konkret: ob in diesem Fall überhaupt genügend LKW-Fahrer vorhanden seien.
Als Konsequenz forderte Schelleis nicht nur militärische Vorsorge durch Aufrüstung, europäische Kooperation und Autonomie gegenüber den USA, sondern endlich auch eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, um im Zivilschutz krisenfest zu werden und genau über die Bedarfe und Kapazitäten Bescheid zu wissen. Auch müssten Kommunikationswege und IT-Systeme ertüchtigt sowie rechtliche Aspekte und Finanzierungsfragen geklärt werden.
Doch bei alledem sei nicht nur der Staat in der Pflicht, sondern nun müssten Institutionen und Organisationen aller Art, aber auch Individuen selbstständig aktiv werden und sich mit Fragen der Notfallvorsorge und Krisenresilienz auseinandersetzen: Wie lang reichen die Lebensmittel- und Wasserreserven im eigenen Haushalt? Kann ich nachts bei Stromausfall Licht machen? Wann habe ich zuletzt einen Erste-Hilfe-Kurs belegt? Habe ich physische und psychische Reserven, um bei einem Notfall belastbar zu sein? „Es gibt Menschen, die wollen nicht aus ihrer Wohlfühlatmosphäre herausgerissen werden“, befand Schelleis – und machte deutlich, dass genau dies doch passieren muss.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt Bürgern, sich in die Lage zu versetzen, sich für möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können. Viele Informationen rund um die Notfallvorsorge gibt es auf der Internetseite des Bundesamts: www.bbk.bund.de. Unter „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ steht auch ein Notfall-Ratgeber zum Download oder zur Bestellung in gedruckter Form bereit.



