Zukunft
19.05.2025

Der Glaube als Firmenphilosophie

Stefan Hipp ist Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens. Schon seit 1899 wird hier Babynahrung produziert. Von Anfang an spielen bei Hipp auch christliche Werte eine wichtige Rolle.

Stefan Hipp führt das Familienunternehmen in Pfaffenhofen an der Ilm. Stefan Hipp führt das Familienunternehmen in Pfaffenhofen an der Ilm. Foto: © Hipp

Gerade kommt er aus der Kirche. Stefan Hipp war vor dem Gespräch mit unserem Online-Magazin [inne]halten nicht etwa in einem Meeting, sondern im Firmengottesdienst. Einmal im Monat lädt das Unternehmen dazu um 7.30 Uhr in die kleine Wallfahrtskirche Herrnrast in der Nähe des Firmensitzes Pfaffenhofen an der Ilm ein. Ab und zu vertritt der 57-Jährige seinen Vater Claus beim Ministrieren, wenn der verhindert ist. Der Dienst am Altar ist ein Herzensanliegen des ehemaligen Chefs. Claus Hipp hat den Firmengottesdienst schließlich vor vielen Jahren eingeführt, nachdem er die einsturzgefährdete Herrnrast mit eigenen Mitteln renovieren ließ.  

Dabei legte er Wert darauf, eine Besonderheit von Herrnrast zu bewahren: Es gibt dort keinen Strom. Schon das hebt das kleine Gotteshaus aus dem Getriebe der modernen Welt heraus. Es lässt sich nur mit Kerzen beleuchten, und ein handgetriebener Blasebalg sorgt dafür, dass die Orgel erklingen kann. Auch an dem hat Stefan Hipp schon gestanden und möglichst gleichmäßig Luft in die Orgelpfeifen gepumpt. Etwa 40 bis 50 Teilnehmer sind bei jeder Messe dabei, Auszubildende genauso wie Rentner, danach wird gemeinsam gefrühstückt. 

Bekenntnis zum Glauben

„Dieser Firmengottesdienst ist immer schön für mich, weil er die Gemeinschaft stärkt“, schwärmt Stefan Hipp, der dort Ruhe findet, Kraft für sein Unternehmen sammelt und gleichzeitig nahbar für die Belegschaft bleibt. Das Bekenntnis zum Glauben ist für die Familie seit jeher selbstverständlich, die das Unternehmen seit 1932 in der dritten Generation betreibt.  

Dessen Wurzeln liegen sogar noch eine Generation weiter zurück: in der Backstube des Konditors Joseph Hipp, der eine Rezeptur für ein Zwiebackmehl entwickelte, das Säuglingen zugefüttert werden konnte. Er kam auf die Idee, weil seine Frau in Zeiten hoher Säuglingssterblichkeit Probleme mit dem Stillen hatte. Das war 1899. Auf der ersten Seite seines Rezeptbuches schrieb Joseph Hipp: „Mit Gott.“ In diese Haltung ist auch sein Urenkel Stefan hineingewachsen: „Gerade in Zeiten, wie wir sie jetzt haben, mit großen Herausforderungen, mit vielen Veränderungen, mit viel Unsicherheit, stärkt mich der Glaube und gibt mir Zuversicht.“ Und schickt gleich hinterher, dass er das auch bei Gläubigen anderer Religionen schätzt.
    

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Kruzifix in jedem Büro

Zwar hängt am Standort in jedem Büro ein Kruzifix. Würde sich tatsächlich jemand daran stören, fänden wir sicher eine Lösung, zeigt sich Stefan Hipp offen. Toleranz und Respekt vor dem anderen und seiner Freiheit zählen für ihn eben auch zu den grundlegenden christlichen Werten. Zu denen bekennt sich die Firma sogar ausdrücklich auf ihrer Internetseite und hat sie in ihrer Ethik-Charta verankert. Stefan Hipp und sein ebenfalls in der Geschäftsführung arbeitender Bruder Sebastian hätten sie auch etwas umformulieren können, als sie das Unternehmen übernahmen: etwas allgemeiner und nicht ganz so christlich. Solche Übergaben bieten ja immer die Gelegenheit, sogenannte alte Zöpfe abzuschneiden.  

Davon haben die Hipps aber nie etwas gehalten: „Natürlich gehen wir mit der Zeit und sind offen für Neues, aber deswegen müssen wir doch nicht das Gute aus der Vergangenheit weglassen.“ Die in der Familie gepflegte Religiosität hat nach Stefan Hipps Überzeugung jedenfalls dazu beigetragen, dass die Firma gut von einer Generation zur anderen weitergegeben werden konnte. Dabei hat sie sich immer auf dem Markt behaupten können.

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Vertrauensvolle Beziehungen

Auch da spielen seiner Meinung nach die christlichen Grundwerte eine erhebliche Rolle. Natürlich muss er als Geschäftsführer oft hart verhandeln. Da geht es um Wettbewerb und Erzeugerpreise für die hochwertigen Bio-Produkte, die der Kindernahrungshersteller braucht. Gleichzeitig gilt es darauf zu achten, dass die Babygläschen im Supermarktregal für den Verbraucher erschwinglich bleiben. „Wir setzen auf faire, vertrauensvolle und langfristige Beziehungen. Einen Lieferanten würden wir preislich nie so unter Druck setzen, dass er am Ende Probleme kriegt“, erklärt Stefan Hipp, „denn ich will, dass er auch in fünf oder zehn Jahren noch ein gutes Ausgangsprodukt für uns herstellen kann“.  

Deshalb hält der gelernte Kaufmann, der zusätzlich Politikwissenschaft und Landwirtschaftsmanagement studiert hat, nichts davon, „auch noch das letzte Tröpfchen Gewinn zu Ungunsten des Geschäftspartners herauszuholen“. Das unterscheide eben ein Familienunternehmen von einem Konzern: „Wir denken nicht in kurzfristigen Zyklen, wir denken in Generationen.“ Daraus entsteht Vertrauen und eine dauerhafte, verlässliche Zusammenarbeit – ein unschätzbares Gut im Wirtschaftsleben. Unter den Lieferanten der Firma „sind Bauernhöfe, mit denen schon mein Großvater zusammengearbeitet hat“, und darauf ist Stefan Hipp stolz.  

Ökolandbau schon zu DDT-Zeiten

Ebenso darauf, dass das Unternehmen und seine Partner schon in den 1950er Jahren auf einen nachhaltigen und schonenden Landbau gesetzt haben. In einer Zeit, als das hochgiftige und längst verbotene DDT zur Schädlingsbekämpfung in der Lebensmittelproduktion hochgepriesen wurde. Die Verantwortung für die Schöpfung schreibt das Unternehmen auch auf dem Firmengelände groß.  

Etwa beim mit Stahlträgern und Beton gebauten Parkhaus. Das war ihm zu „schiach“, wie Stefan Hipp auf gut Bairisch sagt, zudem es ihm vom Besprechungsraum im gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude ständig ins Auge stach. Wenn es schon unbedingt nötig ist, sollte es wenigstens einen kleinen Beitrag zur Ökologie leisten. Stefan Hipp hat es deshalb mit mächtigen Holzstämmen aus der Region verkleiden lassen. Daran hängen Nistkästen und es ranken sich Grünpflanzen an den Stämmen empor. Auf dem Dach des Parkhauses ist eine Gründachmischung angesät. An die 40 verschiedene Vogelarten sind auf dem Pfaffenhofener Firmengelände zu finden, sogar ein Storchenpaar nistet in der Nähe.  

Nächste Generation entscheidet frei

Ein kleiner Beitrag für eine intakte Umwelt, die Stefan Hipp auch für seine drei Kinder erhalten wissen will. Und natürlich auch für die Firma, die davon wirtschaftlich abhängt. Ob sie auch in der nächsten Generation in der Familie bleibt, weiß er noch nicht. Er will die freie Entscheidung der Kinder respektieren: „Auch wenn es mich ein bisschen traurig machen würde, wenn keines in das Unternehmen eintreten möchte.“

Seine beiden kleinen Buben sind jedenfalls immer gerne bei den Firmengottesdiensten in Herrnrast dabei. Und für christliche Werte interessiert sich die erwachsene Tochter, die Philosophie und Theologie studiert. Wie Stefan Hipp kennen alle drei das Unternehmen von Kindesbeinen an, haben wie er im Büro des Papas spielen dürfen oder zwischen den Produktionshallen das Radfahren gelernt. Und er hofft, dass sie dasselbe von ihm mitnehmen, wie er von seinem Vater Claus: „Dass es Freude machen kann, Verantwortung zu übernehmen.“ Nach alter Familientradition gelingt das am besten „mit Gott“, wie es Joseph Hipp vor über 125 Jahren in sein Rezeptbuch geschrieben hat.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.