Kultur und Wissen
28.04.2026

Vor 75 Jahren starb Wittgenstein  

Kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat die Philosophie so nachhaltig verändert wie Ludwig Wittgenstein. Seine wenigen Schriften wirken bis heute nach. Sein Leben war so unkonventionell wie sein Denken und Schreiben. 
    

Ludwig Wittgenstein im Jahr 1930. Ludwig Wittgenstein im Jahr 1930. Foto: © imago/Bridgeman Images


Es gibt Sätze von Philosophen, die kennen auch Menschen, die nie Philosophie studiert haben. Der „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein (1889–1951) enthält gleich zwei davon. Der eine lautet: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Ein zweiter, ganz am Schluss, ist ähnlich fundamental: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ 

Als Wittgenstein das 1918 schrieb, kannten den einsamen Denker aus Österreich nur einige Spezialisten in Cambridge, die sich mit Spezialproblemen der Logik befassten. Andere in dieser Blase, wie der britische Philosoph Bertrand Russell und der deutsche Mathematiker Gottlob Frege, waren damals schon Stars. Doch Wittgensteins Stern fing erst zu leuchten an, nachdem der „Tractatus“ 1922 mit Russells Hilfe auch auf Englisch erschien.

Das Denken der Philosophen verändert

Wie kaum ein anderes Werk des 20. Jahrhunderts warf das schmale Bändchen Gedankengebäude ganzer philosophischer Denkrichtungen über den Haufen. Seit David Hume und Immanuel Kant hat es niemand mehr geschafft, das Denken der Zeitgenossen so sehr zu erschüttern wie der junge Mann aus Wien mit dem ungebändigten Haarschopf. Er starb vor 75 Jahren, am 29. April 1951. 

In der englischsprachigen Philosophie spricht man seither von einer Zeit vor und einer nach Wittgenstein. Vorher befassten sich Denker mit Grundfragen des Seins und des Erkennens, bauten Welterklärungstheorien. Nachher war nüchternen Angelsachsen klar, dass das oft Scheindebatten waren: Sie lösten sich auf, wenn man sprachliche Missverständnisse klärte und sich an den letzten Satz des „Tractatus“ hielt.
    

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Langes Schweigen nach dem „Tractatus“

Der Autor der folgenreichen Thesen über Sprache, Denken und Welt war als Person ähnlich unkonventionell wie sein Frühwerk. Nach dessen Veröffentlichung publizierte er lange nichts. Stattdessen wandte er sich – unstet – anderen Tätigkeiten zu. Als wohlhabender Industriellensohn geboren, hatte er sein großes Vermögen verschenkt. 

In seinem Privatleben gab es einige homosexuelle Geliebte. Dem ersten, dem 1918 gestorbenen David Pinsent, widmete er den „Tractatus“. Nach dessen Tod wurde er Volksschullehrer, wechselte zweimal die Stelle und quittierte den Dienst, nachdem er einen Schüler im Zorn bewusstlos geprügelt hatte. Nach einem Intermezzo als Klostergärtner betätigte er sich als Architekt in Wien.


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Promotionsschrift ohne Zitate

Erst nach 1928 wandte sich Wittgenstein wieder der Philosophie zu. Er reichte seinen „Tractatus“ ohne Quellenangaben als akademische Qualifikationsschrift in Cambridge ein. Er wurde Professor und britischer Staatsbürger. 

In Vorlesungen und Debatten entwickelte er sein Denken weiter. Wittgenstein erkannte, dass Sprache mehr kann als bloß Sachverhalte abbilden. Er begann, die unterschiedlichen „Sprachspiele“ und ihre Regeln zu untersuchen. So entstand sein facettenreiches Spätwerk, das unter dem Titel „Philosophische Untersuchungen“ postum publiziert wurde.

Analyse der Sprachspiele

Die „Untersuchungen“ hatten auf die Fachwelt noch mehr Einfluss als das Frühwerk. Nun analysierte er den Zusammenhang von Sprache, Denken und Welt anhand einzelner Problemfelder; oft kreiste er um das Problem der Gewissheit. In dieser Zeit verfeinerte er auch sein Nachdenken über Religion. 

Schon im „Tractatus“ ließ er erkennen, dass ihn das Mystische faszinierte. Er schrieb damals: „Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muss er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig.“ In seiner zweiten Phase als Denker widmete er sich eingehend dem „Sprachspiel“ der Religion und kam zu Erkenntnissen, die bis heute für Theologen anregend sind.

In zwei Weltkriegen aktiv

Im Zweiten Weltkrieg engagierte sich Wittenstein, der noch im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger für Österreich-Ungarn gekämpft hatte, als britischer Zivilist für die Alliierten: als Klinik-Pfleger und als Laborassistent. Dort entwarf er Geräte zur Messung des Atemvolumens. 

1947 gab Wittgenstein die Professur auf, widmete sich aber weiter philosophischen Fragen. Als er an Krebs erkrankte, lehnte er eine Behandlung in der Klinik ab. Er starb am 29. April 1951 in Cambridge, wo er auch beerdigt ist. Über den Tod schrieb er einst: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“ 

Ludwig Ring-Eifel

KNA
Artikel von KNA
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