Kafka und die Kinder – eine unerwartete Beziehung
Franz Kafkas Verhältnis zu Kindern und Kindheit spielte eine prägende Rolle in seinem Leben und Werk, weit über seine eigene Kindheitserfahrungen hinaus. Er war an Reformpädagogik sehr interessiert und begegnete Kindern mit großem Respekt und Einfühlungsvermögen. Wir haben darüber mit Schriftstellerin Astrid Dehe gesprochen.
Astrid Dehe hat untersucht, welche Rolle Kinder in Franz Kafkas Werk spielen. Foto: © privat
Sie haben gerade ein kleines Buch mit dem Titel „Immer wissen, daß man zu danken hat“ – Kinder in Kafkas Kosmos“ geschrieben. Was hat Sie dazu inspiriert, über dieses spezielle Thema zu schreiben?
Astrid Dehe: Das hat mir eine Muse eingegeben: Claudia Pecher vom Sankt Michaelsbund, die auch Präsidentin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ist und die Reihe „Literarische Blütenlesen bekannter Kinder- und Jugendbuchautoren“ betreut. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht über Kafka und Kinder schreiben will, weil ich mich schon lange mit diesem Autor befasse. Diese Reihe konzentriert sich aber auf Kinderbuchautoren und das ist Kafka ja nun nicht. Darum war ich zunächst sehr unsicher und habe gezweifelt, ob das Thema in die Reihe passt. Bei der Recherche habe ich aber nicht nur gemerkt, dass es möglich, sondern sogar ein dankbares Thema ist, weil Kafka ein besonderes und auch ein pädagogisches Verhältnis zu Kindern hatte.
Welche Rolle spielten Kinder in Kafkas Leben?
Dehe: Kafka verhielt sich Kindern gegenüber freundlich, aber nicht aufdringlich. Er hat sie als kleine Persönlichkeiten verstanden und sich sehr wertschätzend gegenüber ihnen verhalten. Er hat seine Schwestern auch in Erziehungsfragen beraten und sich sehr für Reformpädagogik interessiert. So hat er seiner Schwester Elli geraten, ihren Sohn in eine Reformschule mit Internat zu geben. Er hat sie taktvoll darauf hingewiesen, dass die elterliche Erziehung Kinder an ihrer Entfaltung hindern kann, da hat er wohl seine eigenen Erfahrungen zum Maßstab genommen. In ihren persönlichen Erinnerungen schildert eine seiner Nichten ihren Onkel Franz als geheimnisvoll, der aber Kinder in seiner Umgebung gewähren ließ und gleichzeitig einen aufmerksamen Blick auf sie hatte. Zuhause haben ihn Kinder immer wieder beim Schreiben gestört, allerdings mehr das Getue und der Lärm, den die Erwachsenen mit ihnen gemacht haben.
In seinen Romanen und Erzählungen spielen Kinder oder Jugendliche eine wichtige Rolle, denken Sie nur an Karl Roßmann in „Der Verschollene“. Da nimmt Kafka Stellung etwa gegen Kinderarbeit, die er auch durch seinen Beruf als Jurist der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt kannte. In der Erzählung „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“ schildert er ein abstoßendes und hässliches Kind, das der erwähnte Blumfeld zum eigenen Vorteil instrumentalisieren will. Und je länger er darüber schreibt, ist zu spüren, wie er immer stärker Partei für diesen Jungen ergreift. Er hatte in jedem Fall eine große Empathie für Kinder, fühlte sich stark in sie ein.
Oft wird von Kafkas eigener, angeblich entsetzlicher Kindheit geschrieben, seinem zerrütteten Verhältnis zu seinem Vater. Ist das tatsächlich so eindeutig?
Dehe: Tatsächlich wird Hermann Kafka oft als hartherziger und cholerischer Mensch beschrieben. Für seine Angestellten war er ein schwieriger Chef. Er hätte sich einen robusten Sohn gewünscht und Franz war sensibel. Er hat früh gemerkt, dass er mit seinem Vater nur wenig Schnittmengen hatte. Wenn er gegen den autoritären Hermann Kafka aufmuckte oder seine verletzlichen Seiten zeigte, erntete Franz oft Zurückweisung. Oft verstellte er sich, um seinem Vater zu gefallen und Demütigungen auszuweichen. Dann darf man nicht vergessen, dass auch seine Mutter voll in das Geschäft eingespannt war, das ging von 8 bis 20 Uhr, die Kindern waren dem Hauspersonal überlassen. Unter seinen Schulkammeraden galt Franz als Muttersöhnchen, weil er von einem Kindermädchen zur Schule gebracht und abgeholt wurde.
Seine Eltern haben ihm schließlich einen Freund „gemietet“, indem sie ihm einen jungen Lehrling des Geschäfts als Tschechisch-Lehrer engagierten. Der kam täglich, und nach den Lektionen durften die beiden noch eine Stunde spazierengehen. Das unterband die Mutter aber, als Franz den doch deutlich älteren Lehrling um Aufklärung bat, woher denn die Kinder kommen. Hinzu kommt, dass die Kafkas nach der Geburt von Franz zwei weitere Söhne bekamen, die früh gestorben sind. Das war natürlich für ihn wie für seine Eltern bedrückend. Der kleine Franz Kafka schildert seine Kindheit vor allem als „einsam“. Er hat mit seinen Eltern aber nie gebrochen. Bis zuletzt nennt er sie in seinen Briefen „Liebste Eltern“, das war nicht nur eine Floskel. Nach Franz Kafkas Tod geschieht dann etwas Bemerkenswertes. Der Vater akzeptiert dessen letzte Lebensgefährtin, die aus dem Ostjudentum stammende Dora Diamant. Hermann Kafka konnte mit diesen meistens sozial niedrig gestellten und frommen Leuten wenig anfangen. Doch als es um die Beerdigung geht, akzeptiert er sie wie eine Schwiegertochter und unterstützt seinen Sohn posthum in der Entscheidung für diese Frau. Das ist wie eine späte Anerkennung des Sohns und eine Liebesgeste ihm gegenüber.
Was war für Sie die überraschendste Entdeckung während der Recherche für Ihr Buch?
Dehe: Zunächst einmal, dass Kinder und Kindheit weit über seine eigene engere Biografie eine große Bedeutung für Kafka haben. Zum anderen die vielen verspielten kindlichen Momente, die bei ihm immer wieder zu beobachten sind. Etwa, wenn er seiner Schwester Ottla in der schweren Zeit nach dem Krieg schreibt, wie er ihr zum Geburtstag eine kleine „Wellnessoase“ schenken will, ein märchenhaftes Schlaraffenland. Oder wenn er dem „Fräulein“, der jahrzehntelang treuen Haushälterin der Kafkas einen Regenschirm schenkt. Aber nicht einfach so, sondern er hängt an jede Speiche ein feines Bonbon. Da lebt er als erwachsener Mann eine kindliche Fantasie aus.
Für welchen Leserkreis haben Sie diese Broschüre geschrieben?
Dehe: Ich hatte zunächst die Leser der „Literarischen Blütenlese“ vor Augen, also Menschen, die sich mit Kinder- und Jugendliteratur befassen. Aber beim Recherchieren und Schreiben habe ich bemerkt, dass Kafka-Einsteiger eine Einführung darin finden und Kafka-Experten vielleicht eine eher unbekannte Seite des Autors kennenlernen können. Ich würde mich freuen, wenn Lehrer wie Schüler darin etwas finden. Ich bin auch schon eingeladen, vor einer Schulklasse in München über das kleine Buch und sein Thema zu sprechen.



