Untergang der Titanic
Eine faszinierende Katastrophe
Auf seiner Jungfernfahrt im Jahr 1912 kollidierte der Luxusdampfer Titanic mit einem Eisberg im Nordatlantik und sank. Der Lokschuppen Rosenheim führt in der spektakulären Ausstellung „TITANIC“ – Ihre Zeit. Ihr Schicksal. Ihr Mythos“ das Unglück vor Augen.
Die „Titanic“ war das damals größte Schiff des Globus und galt als unsinkbar. Ein fataler Irrtum, wie sich schon bei ihrer ersten Fahrt tragisch herausstellte. Foto: © imago/United Archives International
Die „Titanic“ ist ein Phänomen, denn sie bietet bis heute genügend Stoff für unzählige Erzählungen, Bücher und Forschungen. Als die gleichnamige Hollywood-Verfilmung 1997 in die Kinos kam, war sie lange der erfolgreichste Film aller Zeiten. Und spätestens seit diesem Zeitpunkt kennt alle Welt die im Kern einfache Geschichte: Die „Titanic“, das damals größte Schiff der Welt, kollidiert auf ihrer Jungfernfahrt am 14. April 1912 mit einem Eisberg im Nordatlantik und sinkt wenig später. 1.514 Menschen ertrinken oder erfrieren im eiskalten Meer. 686 der 2.200 Passagiere überleben eine der größten Katastrophen der Seefahrtsgeschichte.
Das Thema „Mensch und Technik“ ist aktueller denn je, deshalb widmet
der Lokschuppen Rosenheim jener die ganze Menschheit erschütternden
Tragödie nun eine spektakuläre Ausstellung, die die Besucher auf eine
spannende und spektakuläre Zeitreise mitnimmt. Sie zeigt den legendären
Luxusdampfer als Symbol der damaligen Zeit: den Fortschritt von Technik
und Verkehr, die rasante Beschleunigung des täglichen Lebens, den
Zeitgeist der frühen 1910er-Jahre mit innovativer Kunst und Mode – und
die Klassenunterschiede der Gesellschaft.
Neuester Forschungsstand
Höchst anschaulich – mit Gegenständen, Fotos, Dokumenten, Filmausschnitten, Schautafeln, Medienstationen, Mobiliar und Geschirr – und erlebnisreich werden die Zeit und die Geschichte dieses Ozeanriesen genauso sinnlich erfahrbar wie das gesamte Schiff bis ins letzte Detail oder das persönliche Drama von Passagieren und Besatzung. Selbst die Wissenschaft fördert immer neue Erkenntnisse darüber zutage. So fließt auch der neueste Forschungsstand in diese Schau ein, die tausend und mehr Geschichten erzählt.
Ein Großteil der über 300 präsentierten Exponate stammt original von der „Titanic“, ihrem Schwesterschiff „Olympic“ oder aus deren Ära. Besondere Highlights sind: ein Ford T von 1910, dessen Serienproduktion ein Auto erstmals für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich machte, einer der Originalbaupläne der „Titanic“ (aus Irland und erstmals in Deutschland gezeigt), ein Rettungsgürtel von einem der Geretteten, das originale Klavier der „Olympic“ (das gleiche Modell stand auf der „Titanic“), die Taschenuhr eines verstorbenen Passagiers (eines Schweizer Bauern), die genau zum Zeitpunkt des Untergangs stehenblieb, ein Stück der Schiffsbalustrade sowie originale Briefe und Telegramme.
Eiswasser und Video-Projektion
Ebenso staunen kann man über eindrucksvolle Riesenfotos vom Bau des Schiffes in Belfast, farbige Zeichnungen der Kabinen und Aufenthaltsräume aller drei Klassen, der Quartiere der Heizer, der Brücke und des Maschinenraums, Schautafeln von der an Bord befindlichen Fracht, eine Passagierliste sowie diverse Medienstationen, die zeigen, wie etwa wie die Rettungsboote befüllt wurden, und eine genaue Übersicht über die Geretteten und Opfer geben. Und drei gedeckte Tische mit verschiedenem Speisegeschirr lassen die Klassenunterschiede mehr als deutlich werden.
Dramatischer Höhepunkt ist zweifellos der Saal mit einer
zwölfminütigen, immersiven Video-Projektion über den Untergang der
„Titanic“. Dabei sitzt man selber in einem Rettungsboot, hört poetische
Texte (von Hans Magnus Enzensberger) und gesprochene Auszüge aus Briefen
von Überlebenden – und kann so den Untergang emotional miterleben. Wie
kalt und lebensgefährlich das Meerwasser wirklich war, lässt sich dann
mit einem Griff in ein minus 1,8 Grad kaltes Wasserbecken hautnah
nachempfinden.
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Originalfotos als besondere Zeugnisse
Die einzigen originalen Fotos von der „Titanic“ bei ihrer Jungfernfahrt und den Passagieren stammen übrigens von einem Londoner Jesuiten. Der 32-jährige Father Browne war ein begeisterter Fotograf und fuhr von Southampton bis nach Queenstown in Irland auf dem Dampfer mit. Er wäre gerne nach New Yorkweitergereist, aber sein Vorgesetzter beorderte ihn überraschend von Bord. So blieb der junge Mann am Leben – und seine Fotos sind als besondere Zeugnisse der Nachwelt erhalten.
Besonders nahe gehen einem die Schicksale der Passagiere, von denen einige in einem langen Gang wie auf einer Deckspassage präsentiert werden – vom Millionär über die Auswandererfamilie bis zum Heizer. Unter ihnen war auch der bayerische Ordenspriester Joseph Peruschitz.
Wiederentdeckung und Mythos
Endgültig zum Mythos wurde die „Titanic“ aber erst mit dem Forscher Robert Ballard, der das Wrack des Luxusliners 1985 in der Tiefsee entdeckte – nachdem es 73 Jahre lang in den eisigen Tiefen des Nordatlantiks verborgen lag. Davon erzählt das letzte Kapitel der Ausstellung, mit Fotos der Auffindung, einem Modell des geborstenen Schiffsrumpfs, mit Interviews der Beteiligten. Ausschnitte aus Spielfilmen, zahllose Bücher, Nippes und Kitsch, die Entwicklung neuester Tauch- und Schiffstechnik und vieles andere mehr zeugen schließlich vom unverwüstlichen Weiterleben dieses ewigen Mythos bis heute.
Die „Titanic“ war eben nicht nur ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und ein Symbol für den unerschütterlichen Glauben an den Fortschritt – sie galt damals als unsinkbar. Sie steht auch für die Überheblichkeit und Fragilität menschlicher Planungen. Und diese Hybris war es letztlich, die wesentlich zum Untergang des Schiffes beitrug: Der Kapitän ließ die „Titanic“ nachts bei voller Reisegeschwindigkeit durch ein Eisfeld fahren. Mit aktuellen Beispielen für diesen Wahn einersich selbst überschätzenden Menschheit – Stichwort „KI“ oder der besessene Glaube an technische Innovationen – endet dann diese einzigartige Zeitreise.l
Von Karl Honorat Prestele
Er „opferte sich fromm“ im 42. Lebensjahr, steht auf einer Gedenktafel im Kreuzgang des Klosters Scheyern über Pater Joseph Peruschitz geschrieben. Der Benediktiner war einer der Toten, die am 15. April 1912 beim Untergang der Titanic starben. Einen ihm angebotenen Platz im Rettungsboot lehnte er ab und betete stattdessen mit etwa 100 Personen, die auf dem Deck niedergekniet waren, das Vaterunser und den Rosenkranz. Mit dem englischen Father Thomas Byles und einem weiteren Geistlichen gehörte der Ordensmann zu den drei Priestern auf dem Schiff.
Der am 21. März 1871 im oberbayerischen Straßlach geborene Peruschitz wuchs in Dorfen auf, wo sein Vater eine kleines Geschäft mit Baumaterialien betrieb. Der Bub besuchte das Gymnasium und studierte ab 1890 Theologie und Philosophie in Freising. 1894 trat er in die Benediktinerabtei Scheyern ein, ein Jahr später wurde er zum Priester geweiht.
Familie wusste nichts von der Reise
In der Klosterschule unterrichtete der Pater die Kinder in Mathematik, Musik und Sport. Sein Einsatz muss bemerkenswert gewesen sein, denn 1912 bekam er den Auftrag, beim Aufbau eines Gymnasiums der Amerikanisch-Casinensischen Benediktiner-Kongregation im US-Bundesstaat Minnesota mitzuwirken. Der 41-Jährige buchte für insgesamt 155 Goldmark eine Passage zweiter Klasse auf der Titanic mit dem Ziel New York. Seine Familie wusste von dem Unternehmen nichts, da Peruschitz sie erst nach seiner Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent mit der Nachricht überraschen wollte.
Die Karwoche vom 3. bis 8. April 1912 verbrachte der Benediktiner in Ramsgate südöstlich von London und fand mit einem Freund auch Zeit für einen Besuch im Zoo der britischen Hauptstadt. Am 10. April verließ er dann mit dem damals größten Schiff seiner Zeit den Hafen Southampton. Obwohl Peruschitz keine offiziellen Aufgaben an Bord hatte, betreute er von Anfang an die Passagiere seelsorglich.
Noch am Sonntag, an dem sich die Katastrophe ereignen sollte, hielt der Ordensmann mit Father Byles einen Gottesdienst, bei dem auf Deutsch, Englisch und Französisch gepredigt wurde. Abends saßen die Menschen im Speisesaal der zweiten Klasse zusammen, um Kirchenlieder zu singen, von denen die meisten auf die Gefahren des Meeres hinwiesen. Gegen 22 Uhr wurden Erfrischungen ausgeteilt. Nur etwa eine Stunde hatte sich der Pater in seiner Kabine niedergelegt, als gegen 23.40 Uhr Alarm auf der Titanic geschlagen wurde und das Schicksal seinen Lauf nahm.
Das heimische Kloster erfuhr bald vom Untergang. Lange hofften seine Mitbrüder, der Pater möge sich auf der Liste der Überlebenden finden. Erst am 2. Mai stand fest, dass Peruschitz zu den Opfern gehörte. Seine Angehörigen hatten die traurige Nachricht von der Schifffahrtsgesellschaft bekommen.
von Barbara Just (KNA)



