Kultur und Wissen
27.04.2026

Das war der legendäre Kasperl-Graf

Er war eine der vielseitigsten Künstlergestalten: Franz Graf von Pocci. Das Königshaus schätzte die Fähigkeiten des Juristen. Daneben zeichnete dieser Karikaturen, komponierte und schrieb Bücher für Kinder. 
    

Denkmal für Graf Franz Pocci in Form einer Theaterbühne in München: im Hintergrund ein Relief von Pocci, links die Figur des Münchner Kindl und rechts die des Kasperl Larifari. Denkmal für Graf Franz Pocci in Form einer Theaterbühne in München: im Hintergrund ein Relief von Pocci, links die Figur des Münchner Kindl und rechts die des Kasperl Larifari. Foto: © Barbara Just/KNA

Wenn von „Pocci“ die Rede ist, verbinden die Münchnerinnen und Münchner damit in erster Linie die gleichnamige Straße und die dazugehörige U-Bahn-Haltestelle. Dort steigt aus, wer im Städtischen Kreisverwaltungsreferat etwas zu erledigen hat. Das passt zum Namensgeber. Denn bürokratische Belange waren dem Juristen Franz Graf von Pocci (1807–1876) mit seinen vielen Talenten nicht fremd. Am 7. Mai ist es 150 Jahre her, dass dieser Allrounder 69-jährig in seiner Heimatstadt starb. 

In seinem Leben diente Pocci gleich drei bayerischen Königen: Ludwig I., Maximilian II. und Ludwig II. Als Zeremonienmeister, Hofmusikintendant und Oberstkämmerer erfüllte er seine Pflichten. Zugleich aber frönte der Hofbeamte stets seinen Leidenschaften: Dazu gehörten exzellentes Zeichnen, vor allem von Karikaturen, Komponieren sowie das Schreiben von Kinderbüchern und Stücken für das Marionettentheater.

Marionetten als Gefahr für die Jugend?

Um ein solches Marionettentheater in München zu bekommen, half Pocci kräftig mit. Bei der Polizeidirektion und der Kammer des Inneren mussten nämlich Vorbehalte ausgeräumt werden. Die Beamten befürchteten, dass die Fantasie der Kinder durch einen häufigen Besuch des Theaters zu sehr aufgeregt werde; vor allem aber könnte die Genuss- und Unterhaltungssucht schon in der Jugend genährt werden. 

Die Figur des Kasperl Larifari mit weißer Halskrause, rotem Wams und gelber Hose zieht deshalb auch seinen Hut vor dem Porträtbild seines Schöpfers. So jedenfalls zeigt es das vor dem Theater errichteten Denkmal für den „Kasperlgrafen“. Mehr als 40 Komödien schrieb Pocci, entwarf Kostüme und sogar Eintrittskarten. Seine Figuren befreite er vom Image des groben Volksfest-Kasperls. Stattdessen durfte dieser zum Entzücken der Kinder wie ein Hofnarr agieren – mit Streichen und Wortverdrehungen. Anspielungen auf die Tagespolitik oder die Literatur erfreuten die Erwachsenen.
    

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Frühes Talent zur Karikatur 

Pocci kam 1807 in München zur Welt. Sein Vater hatte lange als Offizier im Militär gedient und war ohne Schuld verarmt. Daher lebte die Familie im Haus des Schwiegervaters. Von der Mutter stammte das Zeichen- und Maltalent. Schon früh verewigte ihr Kind Besucher mit Vorliebe auf Papier. Aufgrund der Finanzlage der Familie befürworteten Vater und Mutter einen „Brotberuf“ für den Sohn und schickten ihn zum Jura-Studium. Als ihm freigestellt wurde, ein Pferd oder seinen Flügel dorthin mitzunehmen, entschied sich Franz für das Instrument. Rund 600 Stücke umfasst sein musikalisches Gesamtwerk von Liedern und Sonaten, zuweilen freundschaftlich gewürdigt von Robert Schumann. 

23 Jahre alt war Pocci, als er nach Praktika und Uni-Abschluss den Dienst in der Verwaltung hätte beginnen können. Doch weil Ludwig I. Vater Pocci schätzte, holte er dessen Sohn 1830 an den Hof: erst als Kammerjunker, dann als Zweiten Zeremonienmeister. Eine bessere Inspiration für seine Kunst hätte sich Pocci nicht wünschen können. Seinen Lithografien und Holzschnitten attestieren Experten im Übrigen hohe Qualität und keinerlei Dilettantismus.


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Ehefrau als kritische Erstleserin

Privat lief es gleichfalls. Im Juni 1834 heiratete der Graf Albertine Reichsgräfin von Marschall aus Wien. Es soll eine glückliche Ehe gewesen sein, aus der vier Kinder hervorgingen. Seine Frau war immer die erste, der er seine Werke zum kritischen Lesen gab. Pocci genoss als Grafiker und Illustrator weithin Ansehen. Geschichten gestaltete er mit seinen Bildern, darunter Bücher von Hans Christian Andersen. In Zeitschriften wie den „Fliegenden Blättern“ erschienen wiederum etliche seiner Karikaturen, wobei er sich selbst nicht aussparte. 

Der Gedanke des „Memento mori“ – dass sich also der Mensch seiner Sterblichkeit erinnern soll – begleitete Pocci. Als anregend empfand er Totentanzbilder von Albrecht Dürer oder Hans Holbein. Ihn selbst holte Gevatter Tod nach dem „allsonntäglichen Gange“ in Kirche und Kunstverein ein. Nach einem Schwächeanfall schaffte er es noch in seine Wohnung. Dort legte sich der Graf nieder und verstarb wenige Stunden später. Seine letzte Ruhe fand er in der Familiengruft auf dem Friedhof von Münsing am Starnberger See.

Barbara Just 

KNA
Artikel von KNA
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