Bücherbollwerke für die Demokratie
Wie jeden Sommer bietet der Büchereifachverband Sankt Michaelsbund auch in diesem Jahr Fortbildungstage auf Schloss Hirschberg an. Dieses Jahr im Mittelpunkt: die Rolle von Büchereien als Orte der Demokratie, mit Experten wie dem Politikwissenschaftler Stefan Rappenglück und dem Historiker Thomas Weber.
Demokratiebildung mit Büchern beginnt schon bei den Erstlesern. Foto: © Kiderle
Idyllisch liegt Schloss Hirschberg hoch über dem Altmühltal. In der früheren Sommerresidenz der Eichstätter Fürstbischöfe hält der katholische Büchereifachverband Sankt Michaelsbund seit Jahrzehnten jeden Sommer Fortbildungen ab. Ihm gehören über 1.000 öffentliche Büchereien in Bayern mit mehr als 12.000 weitgehend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen an. Die will Michaelsbund-Direktor Stefan Eß bei den diesjährigen Hirschbergtagen auf ein gar nicht idyllisches Thema aufmerksam machen – die gefährdete Demokratie: „Die ist kein Selbstläufer in unserer Gesellschaft und wird gerade an vielen Stellen angegriffen.“ Eß will „unsere Ehrenamtlichen in den Büchereien fit machen für dieses Thema“.
Nur Bücherleihe ist zu wenig
Darum ist zu den diesjährigen Fortbildungen Stefan Rappenglück eingeladen. Der Politikwissenschaftler lehrt als Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. In Büchereien erkennt er „Orte der Demokratie“, die politische Bildung und Meinungsvielfalt pflegen. Allerdings sei da noch „Luft nach oben“, um der „Brückenfunktion von Büchereien zwischen der Politik und uns als Bürgern“ gerecht zu werden. Rappenglück verweist auf Bibliotheken in Ländern wie Israel, wo sie „eine Art Gemeindezentrum sind, wo die Menschen überlegen, was sie in ihrer Kommune und in ihrem gesellschaftlichen Umfeld verändern können“.
Er wünscht sich mehr Kooperationen mit anderen Gruppen, Verbänden und Einrichtungen: „Bibliotheken, wo du dir nur Bücher ausleihst und das war’s – das ist auf die Dauer zu wenig.“ So empfiehlt Rappenglück etwa Veranstaltungsreihen zu Migration oder dem Klimawandel mit örtlichen Akteuren, die auch kontrovers sein sollten, ohne eine Bühne für Hetze oder alternative Fakten zu bieten, die früher einmal Lügen hießen.
Freie Meinungsbildung und Zugang zu Information
Etliche Michaelsbund-Büchereien sind da schon seit Längerem auf dem Weg. Die Hirschberg-Tage sind für die teilnehmenden Bücherei-Leiterinnen aus ganz Bayern auch eine Gelegenheit, ihre Erfahrungen auszutauschen. Die Stadtbücherei Bamberg hat sich etwa an einer Aktion des Deutschen Bibliotheksverbands (DBV) zur Europawahl beteiligt. Der DBV stellte Plakate mit einem politisch neutralen Wahlaufruf zur Verfügung. Diesen Wahlaufruf hat die stellvertretende Bücherei-Leiterin Anja Hartmann auch auf den Sozialen Medien verbreitet und aktuelle Bücher oder Spiele dazu präsentiert: „Vor allem für Kinder und Jugendliche sind jetzt viele Medien zu Demokratie, Toleranz und Europa erschienen, die wollen wir gezielt anbieten“. Natürlich äußere „sich die Bücherei nicht politisch, aber freie Meinungsbildung und ein offener Zugang zu Informationen sind wesentlich für die Demokratie“.
Bücherei, Kleiderkammer und Lebensmittelretter kooperieren
Als offenen Ort für alle versteht sich auch die Bücherei in der Münchner Pfarrei Allerheiligen. Die ehrenamtliche Leiterin Sabine Pasti ist dort Ansprechpartnerin für die unterschiedlichsten Gruppen, die vor allem benachteiligte Menschen unterstützen. So haben Pasti und ihr Team ukrainische Bücher für Kinder und Erwachsene angeschafft. Die vielen Flüchtlinge im Stadtteil können sich hier austauschen, ihre Deutschkenntnisse für die Schule vertiefen oder sich einfach von ihren Sorgen ablenken.
Die Bücherei hat auch die Kleiderkammer in der Pfarrei und eine kleine Initiative zur Rettung von nicht verkauften Lebensmitteln auf die Flüchtlinge aufmerksam gemacht. So ist die Bücherei zum Ausgangspunkt eines breiten Engagements geworden. Die Not der Flüchtlinge wird zudem im Stadtteil bekannt und besser verstanden. Dabei hatte Pasti zunächst feindselige Hasskommentare befürchtet: „Aber da sind wir positiv überrascht, die Nachbarn bringen sogar Kinderkleidung und Essen vorbei oder trinken einen Kaffee mit den Flüchtlingen“.
Zivilgesellschaft ist gefordert
Beispiele, in denen Büchereien unaufgeregt anpacken, zum Nachdenken bringen, gegen Feindseligkeiten und Hetzpropaganda wirken. Mit Letzterer beschäftigt sich bei diesen Hirschbergkursen der Historiker Thomas Weber, der in den USA und in Schottland lehrt. Vor Kurzem war er wissenschaftlicher Berater für den Spielfilm „Führer und Verführer“. Der Film zeigt, wie der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels eine aus bewussten Lügen aufgebaute Scheinwirklichkeit inszenierte, die das Ausgrenzen und letztlich die Ermordung von Juden und anderen Minderheiten vorbereitete. Er baut auch Dokumentaraufnahmen von Massenerschießungen durch SS-Einheiten ein.
Die Teilnehmer bei den Hirschbergtagen atmen schwer bei diesem Film, den Weber in Ausschnitten vorstellt, wobei er die immer wiederkehrenden Muster „der Demagogie- und Desinformationskampagnen“ erläutert. Menschenverachtende Ideologen wenden sie bis heute an. „Sie werden immer dann stark, wenn viele politische Krisen und eine neue Medientechnologie zusammenkommen“, so der Historiker in der anschließenden Diskussion. Was etwa in den 1930er Jahren das Radio und die Wochenschauen im Kino gewesen seien, „sind heute TikTok und andere Social-Media-Plattformen“. Kirchen, Gewerkschaften, Vereine, „die leider immer mehr Leute verlieren“, hätten hier die Aufgabe, einseitigen Meinungsbildungen und einer polarisierenden Propaganda entgegenzutreten. „Werte wie Respekt vor dem politischen Gegner, Verständigungswille und Kompromissfähigkeit werden in der Zivilgesellschaft vorgelebt“, erklärt Weber und nennt das den vorpolitischen Raum, den es vor Extremisten zu bewahren gilt. Dazu zählen auch Büchereien – als Orte der Demokratie.



