Kultur und Wissen
07.01.2026


13 Erkenntnisse über unsere Vorfahren 

Wussten Sie, dass Sie Neandertaler-DNA in sich tragen? Dass die Menschheit vor 74.000 Jahren beinahe ausgestorben wäre? Und dass es bereits vor Jahrtausenden einen menschengemachten Klimawandel gab? Die Wissenschaft hat Verblüffendes und Kurioses über die Frühgeschichte des Menschen herausgefunden.      


Der moderne Mensch, die Krone der Schöpfung? Der moderne Mensch, die Krone der Schöpfung? Foto: © imago/imagebroker

Werden wir gleich mal grundsätzlich: Der Mensch ist auch nur ein Tier. Und er stammt zwar nicht vom (heutigen) Affen ab, aber beide hatten gemeinsame Vorfahren – so sagt es zumindest die von Charles Darwin begründete Evolutionslehre. Laut dieser unter Wissenschaftlern allgemein anerkannten Theorie hat sich das Leben von anfänglichen Einzellern im Laufe von vielen Millionen Jahren zu immer komplexeren Formen entwickelt und dabei immer wieder neue Arten hervorgebracht – wie ein Baum, der als Keimling beginnt und im Laufe der Zeit neue Äste und Zweige austreibt. Wir Menschen stellen einen noch recht jungen Trieb am Baum der Evolution dar und entspringen demselben Zweig wie unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, und unsere etwas entfernteren Cousins, die Gorillas und die Orang-Utans. 

Die Vorfahren des Menschen und die Vorfahren der Schimpansen gingen vor etwa sieben Millionen Jahren getrennte Wege: Sie teilten sich in zwei verschiedene Arten auf. Diese Vorfahren des Menschen waren selbst noch keine Menschen – erst seit etwa zwei Millionen Jahren spricht man von der Gattung Homo, also von frühen Menschen; seit rund 300.000 Jahren schließlich von der Art Homo sapiens, der wir selbst angehören – dem sogenannten „anatomisch modernen Menschen“. Begonnen hat alles in Ostafrika, wo die „Wiege der Menschheit“ liegt.  

Die katholische Kirche hat sich mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen mehr oder weniger widerwillig und erst spät arrangiert. Papst Johannes Paul II. räumte am 22. Oktober 1996 gegenüber der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ein, „neue Erkenntnisse“ ließen den Schluss zu, die Evolutionstheorie sei „mehr als nur eine Hypothese“. Die beiden Schöpfungsberichte im Buch Genesis werden mittlerweile von sehr vielen Katholiken nicht mehr wörtlich genommen. Allerdings gibt es – vor allem unter evangelikalen Christen in den USA – auch weiterhin sogenannte Kreationisten, die die Schöpfungserzählungen als Tatsachenschilderung verstehen und die Evolutionstheorie ablehnen. 

Seit einigen Jahren lässt sich in Deutschland ein sehr großes Interesse an der Entwicklung und Frühgeschichte der Menschheit feststellen – was sich unter anderem auf dem Buchmarkt zeigt. „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, 2011 zuerst auf Hebräisch erschienen, wurde bis heute in 65 Sprachen übersetzt und allein in Deutschland über eine Million Mal verkauft. Mit seiner provokanten, von Wissenschaftskollegen teils auch als reißerisch kritisierten Art, das frühe Wirken des Menschen darzustellen, elektrisierte das Werk Leser weltweit und errang förmlich Kultstatus. Doch es sind noch einige weitere Bücher erschienen, die sich mit dem Menschen auseinandersetzen. Wir haben einige dieser Werke gelesen und präsentieren hier 13 darin vertretene diskussionswürdige Thesen, die so manche alt hergebrachte Vorstellung von unseren Vorfahren infrage stellen. 
    

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1. Der Homo sapiens lebte gleichzeitig 
mit anderen Menschenformen. 

Wir heutigen Menschen halten uns gern für einzigartig. Tatsache ist aber, dass wir Homo sapiens nur eine von mehreren Menschenarten oder -formen sind, die früher gleichzeitig existierten. Die bekannteste von allen ist der Neandertaler, der wohlgemerkt kein Affe und auch kein Affenmensch, sondern ein Mensch war. Als Homo-sapiens-Vertreter vor etwa 45.000 Jahren von Afrika her kommend den Nahen Osten und Europa besiedelten, trafen sie auf den Neandertaler, der schon im Zuge einer früheren Einwanderungswelle dorthin gelangt war. Weltweit existierten neben dem Homo sapiens und dem Neandertaler noch weitere Menschenarten, darunter die auch als „Hobbits“ bezeichneten Zwergenmenschen auf der indonesischen Insel Flores. 

Heutzutage überlegen viele Menschen, wie es wohl wäre, wenn wir einer anderen intelligenten Lebensform begegnen würden, und denken dabei an Außerirdische. Dabei haben wir als Homo sapiens die Erfahrung, anderem intelligenten Leben zu begegnen, längst gemacht – die anderen Menschenformen haben es nicht überlebt. Die letzten Neandertaler starben vor 40.000 Jahren in Spanien aus. Und so gibt es nun also erst seit einigen Tausend Jahren, erstmals in der rund zwei Millionen Jahre währenden Geschichte des Menschen, nur noch eine einzige Menschenart: den Homo sapiens, uns.  

Um zum Bild des Evolutionsbaums zurückzukehren: An unserem heutigen Menschenzweig befinden sich auch einige abgestorbene Triebe ... Theologisch könnte man übrigens auch nach der heilsgeschichtlichen Rolle der Neandertaler fragen: Wäre Jesus auch für sie am Kreuz gestorben, wenn sie noch nicht ausgestorben gewesen wären? 


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2. Wir tragen Neandertaler-Gene in uns. 

Genetiker haben herausgefunden: Das Erbmaterial eines heutigen Mitteleuropäers stammt nicht ausschließlich von Homo-sapiens-Vorfahren, sondern zu einem kleinen Teil auch von Neandertalern. Das beweist: Vertreter von Homo sapiens und Neandertaler haben sich bei ihrem Aufeinandertreffen in Europa nicht nur möglicherweise gegenseitig bekriegt, sondern ganz sicher auch gepaart. Wir sind also eine Mischung unterschiedlicher Menschenformen und sollten allein schon deswegen nicht überheblich auf die vermeintlich primitiveren Neandertaler herabschauen. Nebenbei hatten die Neandertaler übrigens auch größere Gehirne als wir heute! 


Modellrekonstruktion des Neandertalers im Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt. Der Neandertaler gelangte im Zuge einer früheren Einwanderungswelle nach Europa als der moderne Mensch. Modellrekonstruktion des Neandertalers im Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-Stadt. Der Neandertaler gelangte im Zuge einer früheren Einwanderungswelle nach Europa als der moderne Mensch. Foto: © imago/imagebroker

3. Erst durch das Feuer sind wir
zu Menschen geworden. 

Viele Wissenschaftler nehmen heute an, dass das Feuer für den frühen Menschen nicht nur eine Hilfe im Alltag war, sondern dass es dessen Entwicklung maßgeblich prägte und beschleunigte. Durch das Feuer konnten die Menschen nämlich vormals ungenießbare Nahrungsmittel garen, wodurch sich das Nahrungsangebot vergrößerte und mehr Kinder ernährt werden konnten. Zudem konnten sie die gegarten Speisen schneller verdauen, wodurch mehr Zeit für andere Tätigkeiten übrig blieb. Mehr noch, beim Garen wurden Erreger abgetötet, und durch Räuchern konnten Fleisch und Fisch haltbar gemacht werden.  

Selbstverständlich diente das Feuer auch als Licht in der Nacht, als effektvolle Waffe gegen Raubtiere, als Mittel zur Härtung von Werkstoffen, und es konnte zur Brandrodung eingesetzt werden, was durch den Düngeeffekt der Asche das Nahrungsangebot abermals erhöhte. Insgesamt war das Feuer also ein mächtiges Mehrzweck-Wundermittel, das einen gewaltigen Vorteil bedeutete. Manche sehen im Gebrauch des Feuers durch die frühen Menschen den ersten Vorgeschmack der späteren absoluten Dominanz über alle anderen Arten, andere sogar den „ersten Schritt zur Atombombe“. 


Szene aus dem Film „Im Anfang war das Feuer“ (1981). Szene aus dem Film „Im Anfang war das Feuer“ (1981). Foto: © imago/United Archives

4. Vor 74.000 Jahren wäre die
Menschheit beinahe ausgestorben. 

Genforscher haben mithilfe der Regeln der genetischen Vererbung herausgefunden, dass alle (!) heutigen Menschen von nur wenigen Tausend früheren Individuen abstammen, die ungefähr vor 74.000 Jahren gelebt haben müssen. Dabei spricht man von einem „genetischen Flaschenhals“: Davor und danach existierten viel mehr Menschen, aber aufgrund irgendeines Ereignisses scheint die Menschheit zu dieser Zeit stark dezimiert gewesen zu sein.  

Interessanterweise ist etwa für dasselbe Datum ein mögliches solches Ereignis belegt: der Ausbruch des Vulkans Toba auf Sumatra im heutigen Indonesien, der als größter Vulkanausbruch innerhalb der letzten zwei Millionen Jahre gilt. Die Eruption muss schwerwiegende Folgen gehabt haben – zum Beispiel eine starke Klimaabkühlung wegen der Verdunkelung der Sonne durch Asche, worauf eine jahrelange Nahrungsknappheit folgte. Einige Wissenschaftler bringen die genetischen Erkenntnisse mit dem Toba in Verbindung und vermuten, dass der Vulkanausbruch mit seinen Nachwirkungen beinahe die Menschheit ausgelöscht hätte. 

5. Bei der Besiedlung Australiens zeigte
sich die zerstörerische Macht des Homo sapiens.  

Harari bezeichnet die Ankunft der ersten Menschen in Australien, etwa 45.000 vor Christus, als eines der wichtigsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Denn während die Menschen ihre Lebensräume zuvor immer weitgehend unverändert belassen hätten, sei nun das gesamte Ökosystem Australiens umgekrempelt worden: Von den 24 australischen Tierarten, die über 50 Kilogramm wogen, starben bald nach der Ankunft des Menschen 23 aus. (Nur eine existiert noch heute: das Känguru.) Mit anderen Worten: Bereits in der Steinzeit verursachte der Mensch eine unbeschreibliche Naturzerstörung und setzte einen Artenschwund in Gang.  


Das Känguru ist das letzte verbliebene von 25 ursprünglich vorhandenen australischen Tierarten mit einem Körpergewicht von über 50 Kilogramm – die anderen 24 rottete der Mensch bereits vor Zehntausenden von Jahren aus. Das Känguru ist das letzte verbliebene von 25 ursprünglich vorhandenen australischen Tierarten mit einem Körpergewicht von über 50 Kilogramm – die anderen 24 rottete der Mensch bereits vor Zehntausenden von Jahren aus. Foto: © imago/Depositphotos

6. Der Homo sapiens hat nie im Einklang
mit der Natur gelebt. 

Wie die Besiedlung Australiens zeigt, konnte bereits in der Altsteinzeit nicht mehr die Rede davon sein, dass der Mensch ein Leben im romantischen Einklang mit der Natur führte. Der Homo sapiens, schreibt Harari, rottete die Hälfte aller Großsäuger der Erde aus, noch bevor er Rad, Schrift und Waffen aus Metall erfand. Und selbst wenn der Mensch Tierarten nicht direkt auslöschte, tat er es manchmal indirekt – ein Beispiel dafür gaben viel später die Maori bei der Besiedlung Neuseelands, das erst um 1300 nach Christus als letzte große Insel weltweit von Menschen betreten wurde: Die Maori schleppten Ratten mit ein, welche sich zerstörerisch auf einheimische Arten auswirkten.  

Welche Artenvielfalt hingegen existieren kann, wenn der Mensch nicht anwesend ist, zeigt sich auf Galapagos: Diese Inselgruppe im Pazifischen Ozean wurde möglicherweise erst 1535 nach Christus erstmals von Menschen betreten und sogar erst ab 1832 dauerhaft besiedelt – bis heute ist sie der Inbegriff eines artenreichen Paradieses. Wir sollten also nicht so tun, als seien erst wir zeitgenössischen Menschen seit dem 19. oder 20. Jahrhundert die großen Naturzerstörer und Artenvernichter – die traurige Wahrheit ist: Wir, Homo sapiens, waren schon immer so.


Mammutjagd (Zeichnung aus dem späten 19. Jahrhundert). Wenig bekannt ist die Tatsache, dass die weltweit letzten Mammute vermutlich erst um 2.000 vor Christus auf der Wrangel-Insel im Nordpolarmeer ausstarben.  Mammutjagd (Zeichnung aus dem späten 19. Jahrhundert). Wenig bekannt ist die Tatsache, dass die weltweit letzten Mammute vermutlich erst um 2.000 vor Christus auf der Wrangel-Insel im Nordpolarmeer ausstarben. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive

7. Der Homo sapiens besiedelte Amerika
zu Fuß und mit der Nähnadel. 

Vor etwa 15.000 Jahren betraten Menschen von Sibirien aus Alaska und damit erstmals den amerikanischen Kontinent, auf dem damals noch keine Menschen, dafür aber Riesenfaultiere und Mammuts lebten. Vor allem zwei Faktoren machten diese erste echte Entdeckung Amerikas möglich: Erstens die damals noch herrschende Eiszeit, die so viel Wasser in Form von Gletschereis an Land band, dass der Meeresspiegel deutlich niedriger lag als heute; es gab daher eine gangbare Landverbindung zwischen Asien und Nordamerika (wie übrigens auch in Europa zwischen Frankreich und den Britischen Inseln).  

Zweitens die Erfindung der Nähnadel, die dem Homo sapiens im Gegensatz zu den nähunkundigen anderen Menschenarten erstmals erlaubte, sich wärmende Kleidung anzufertigen und überhaupt in die kalten Gefilde Sibiriens und Alaskas vorzustoßen. Bis der Mensch Nord- und Südamerika komplett durchdrungen hatte und an der Südspitze in Feuerland ankam, vergingen gut tausend Jahre. Später gab es noch weitere Einwanderungswellen von Sibirien her.  

Alle indigenen Amerikaner (historische Völker wie Maya und Azteken, aber auch heutige Indigene, die im Deutschen beispielsweise als Indios, Indianer, Eskimos oder Inuit bezeichnet werden) stammen von diesen urzeitlichen asiatischen Einwanderern ab. (Fußnote: Bald nach dem Eintreffen der Menschen verschwanden die amerikanischen Riesenfaultiere und Mammuts für immer.) 


Darstellung verschiedener indigener Bewohner Amerikas im Brockhaus 1908. Sie alle stammen von Einwanderern ab, die ab etwa 13.000 v. Chr. von Sibirien her einwanderten. Darstellung verschiedener indigener Bewohner Amerikas im Brockhaus 1908. Sie alle stammen von Einwanderern ab, die ab etwa 13.000 v. Chr. von Sibirien her einwanderten. Foto: © imago/imagebroker

8. Es gibt keine ursprüngliche Form
von menschlicher Gesellschaft. 

Gerne stellt man sich steinzeitliche menschliche Gesellschaften nach dem immer gleichen Jäger-und-Sammler-Schema vor; irgendwann wird dann plötzlich der Ackerbau „erfunden“, und das Leben der Menschheit ändert sich radikal und unumkehrbar. In Wirklichkeit gab es schon immer alle nur erdenklichen Möglichkeiten, wie menschliches Zusammenleben und Wirtschaften organisiert sein konnte. So existierten Völker, die saisonal zwischen einer sesshaften Lebensweise mit Getreideanbau und einer nomadischen Lebensweise wechselten. Aus Florida ist ein Volk bekannt, das einen gottgleichen Herrscher und eine kleine Armee hatte und damit Kennzeichen eines Staates aufwies, jedoch keinen Ackerbau betrieb. Einige Völker lehnten den Ackerbau zum Nahrungsgewinn auch bewusst ab, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wären und gleichzeitig Tabak anbauten. Im Prinzip war „alles“ möglich – was auch für unsere Gegenwart und Zukunft eine interessante Erkenntnis ist: Wir könnten anders leben. 

9. Steinzeitmenschen waren
weitgereiste „Kosmopoliten“. 

Ein Klischee über Steinzeitmenschen besagt, dass diese als kleiner Stamm ein bestimmtes Gebiet fest bewohnten, quasi ein paar Hektar rund um eine Höhle als Stützpunkt, abgekapselt vom Rest der Welt. Kaum bekannt ist dagegen, dass viele Menschen schon vor Jahrtausenden sehr mobil waren und große Distanzen quer über Kontinente zurücklegten. Es wurden auch schon in der Steinzeit rege Handelsbeziehungen über weite Strecken unterhalten. 

10. Schon vor Jahrtausenden hat der
Mensch seine eigene genetische
Prägung beeinflusst. 

Bereits in der Steinzeit, lange vor den Möglichkeiten der modernen Gentechnik, hat der Mensch unbewusst damit begonnen, durch seine Lebensführung Einfluss auf die eigene genetische Prägung zu nehmen. So war er ursprünglich nur als Säugling und Kleinkind dazu in der Lage, den in der Milch enthaltenen Milchzucker zu verdauen; als größeres Kind und Erwachsener verlor er diese Eigenschaft. Er wurde also nach mehreren Lebensjahren laktoseintolerant.  

In Nordeuropa, wo das Klima zu kühl für intensiven Getreideanbau war und die Milchviehhaltung eine wichtige Rolle spielte, trat jedoch vor gut 5.000 Jahren eine Genmutation auf, die betroffene Menschen in die Lage versetzte, auch als Erwachsene Laktose zu verdauen. Diese Personen hatten in der Folge einen Ernährungsvorteil, da sie mehr Energie aus der Milch beziehen und in der Folge mehr Kinder ernähren konnten, wodurch sich diese vererbte Genmutation verbreitete und die Laktosetoleranz sich immer mehr durchsetzte.  

Dass heute sogar rund 85 Prozent der Deutschen die Milch vollständig verwerten können (während in Südamerika, im Afrika südlich der Sahara und in Ostasien nur 10 bis 20 Prozent dazu in der Lage sind), ist also die Folge einer zufälligen Änderung in den Genen, die die nordeuropäischen Viehbauern durch ihre Lebensweise selbst verbreitet haben. 


Eine Frau in Zentralasien melkt eine Stute. Weite Teile der Weltbevölkerung sind aus genetischen Gründen laktoseintolerant. Eine Frau in Zentralasien melkt eine Stute. Weite Teile der Weltbevölkerung sind aus genetischen Gründen laktoseintolerant. Foto: © imago/Gemini Collection

11. Es gibt keine Götter, Nationen,
Geld, Menschenrechte und Gesetze.

Eine der aufsehenerregenden und viel diskutierten steilen Thesen von Harari besagt, dass es Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetze gar nicht gibt. Diese seien reine gedankliche Erfindungen des Menschen. Während beispielsweise das Fleisch eines erlegten Mammuts, ein See oder eine stachelige Pflanze unbestreitbar physisch existierten, habe sich der Mensch über die greifbare Welt hinaus einen eigenen virtuellen Kosmos geschaffen. Es gebe demnach keine deutsche Nation – dies sei nur die gedankliche Annahme einer großen 

Zahl von Menschen in Mitteleuropa, die sich auf dieses erfundene Konstrukt geeinigt hätten. Ebenso gebe es kein Geld, sondern Menschen hätten sich kraft ihrer Fantasie darauf verständigt, dass dieses oder jenes Stück Metall oder Papier einen soundso großen Tauschwert hat und von anderen akzeptiert wird. 

Entscheidend war, dass parallel zu dieser außergewöhnlichen menschlichen Fantasie auch die Entwicklung der Sprache hinzukam. Menschen konnten sich nicht nur alles Mögliche vorstellen, sie konnten auch darüber sprechen. Genau dies war wohl der große, unschlagbare evolutionäre Vorteil des Homo sapiens gegenüber anderen Menschenformen und vollends gegenüber Affen und anderen Säugetieren: Der moderne Mensch errang durch sein Vorstellungsvermögen die Macht, sich eine eigene Welt und sogar Götter zu erschaffen, weit über die natürlichen Gegebenheiten hinaus zu agieren und seine Ideen sprachlich zu verbreiten.  

Mit diesen „erfundenen Wirklichkeiten“ und den daraus folgenden Verhaltensweisen begannen, so Harari, Kultur und Geschichte. Das bedeutet auch: Ab dem Augenblick, als der Mensch nicht mehr nur nach der Natur, sondern nach seiner selbst gemachten Kultur lebte, stellt sich die Frage, ob es Gott wirklich gibt oder ob er eine atemberaubende Erfindung des Menschen ist. 

12. Viele Erfindungen dienten zuerst
nicht dem „eigentlichen“ Zweck. 

Wir gehen gedanklich gern davon aus, berühmte Erfindungen und Technologien hätten förmlich nur darauf gewartet, bis endlich ein bestimmter genialer Erfinder in einem erleuchteten Moment die jeweilige Entdeckung macht – und dann seien sie sofort zu ihrem einen, unbestrittenen Zweck genutzt worden.  

Doch in Wirklichkeit erfüllten viele Erfindungen ursprünglich eine ganz andere Funktion: Die Keramik wurde zuerst genutzt, um Kultfiguren zu formen, nicht Haushaltsgefäße. Getreide bauten die Menschen zuerst an, um Stroh zu gewinnen. Und als man anfing, auch das Korn zu nutzen, verwendete man es zuerst als Opfergabe, nicht zur Ernährung. Der Bergbau diente zuerst dem Gewinn von Farbpigmenten, nicht von Metallerzen. Das Rad wurde zuerst als Bauteil von Kinderspielzeug eingesetzt, nicht als Fortbewegungsmittel. Und Schwarzpulver wurde zuerst für Feuerwerke verwendet, nicht für Schusswaffen.  

Das lässt die menschliche Erfolgsgeschichte gleich viel weniger zielgerichtet erscheinen, zeigt aber, wie flexibel wir sind. Typisch menschlich: „Na so was! Vom Abfallprodukt unserer langjährigen Strohhalmgewinnung lässt sich ja die halbe Menschheit ernähren – na gut, dann werfen wir ab jetzt eben die Halme weg und behalten die Körner.“

13. Europäer haben schon in alter Zeit
das Klima verändert. 

Die menschengemachte Änderung des Klimas ist an sich nichts Neues. Schon vor 8.000 Jahren begann der Mensch, Wälder zu roden, um Getreide anzubauen, und erhöhte dadurch zum ersten Mal die CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre. Um die Zeitenwende entwaldeten die Römer den Mittelmeerraum, was ebenfalls nicht folgenlos fürs Klima (und vor allem die Böden) blieb. Kaum bekannt ist eine dokumentierte Klimaabkühlung um das Jahr 1600 nach Christus, die sogar durch einen Völkermord verursacht sein könnte: Europäer hätten im Zuge der Eroberung Amerikas derart viele indigene Amerikaner umgebracht, dass riesige Flächen von deren bewirtschaftetem Land von der Wildnis zurückerobert wurden, was eine Klimaabkühlung verursacht habe.  


Bereits in der Antike veränderten die Römer durch Waldrodung und Überweidung von Flächen die Böden und das Klima im Mittelmeerraum. Hier zu sehen: eine Karstlandschaft in Montenegro. Bereits in der Antike veränderten die Römer durch Waldrodung und Überweidung von Flächen die Böden und das Klima im Mittelmeerraum. Hier zu sehen: eine Karstlandschaft in Montenegro. Foto: © imago/imagebroker

Fazit: Wir, die Krone der Schöpfung? 

Es ist verlockend, die Evolution insgesamt als zielgerichtet zu betrachten – als eine permanente Höherentwicklung, die nur eine Richtung und ein Ziel kennt: den Menschen. Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen stattdessen dafür, dass die Entwicklung des Lebens von vielen Zufällen und Sackgassen geprägt ist. Ein Beispiel dafür ist der gigantische Meteoriteneinschlag vor rund 66 Millionen Jahren, der vermutlich die Dinosaurier aussterben ließ: Er verursachte ein gewaltiges Massensterben, ermöglichte aber andererseits den Aufstieg der Säugetiere und damit die spätere Entwicklung des Menschen. So gesehen haben erst Tod und Zerstörung zufällig den Weg für unser Dasein bereitet. 

Eine weitere Fehlannahme besagt, unser Verhältnis zur Natur sei erst in der Neuzeit irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten, etwa mit der Industrialisierung. Stattdessen scheint unser Auftreten als Homo sapiens aber schon immer problematisch und für unsere Umwelt folgenschwer gewesen zu sein. Wir dürfen resümieren: Aus wissenschaftlicher Sicht sind wir nicht die „Krone der Schöpfung“, auf die alles zwangsläufig hinauslaufen musste. Überall, wo wir waren, haben wir Zerstörung hinterlassen, verbrannte Erde, verödete Landstriche, Artenschwund, Müll, Abgase, Radioaktivität und ein Ozonloch (neuerdings auch hässliche Gewerbegebiete, monströse Logistikzentren und geschmacklose Steingärten). 

Vielleicht schon beim Ausbruch des Toba vor 74.000 Jahren, spätestens auch wieder in der Kubakrise vor 61 Jahren näherten wir uns unserem eigenen Untergang bedrohlich an – einmal unverschuldet, einmal selbst verschuldet. Unsere menschlichen Geschwister, Neandertaler und andere, sind trotz ihrer Intelligenz und vermutlich durch unser Mitwirken ausgestorben; für sie endete die Reise überraschend und vorzeitig. Dabei waren sie so kurz davor, selbst auch „Krone der Schöpfung“ zu sein! 

Wir heutigen Menschen sind nicht das meisterhafte Endprodukt einer stetigen Höherentwicklung, keine souveränen Herrscher, die alles unter Kontrolle haben und sorgfältig ihre eigene Ruhmesgeschichte weiterspinnen – wir ähneln vielmehr einer Zufallserscheinung, die in einer von unzähligen Möglichkeiten geprägten Schlangenlinie irrlichternd durchs Dunkel der Geschichte tappt und permanent von sich selbst überrascht und wieder übertroffen wird.  

Was ist nur geschehen, dass wir seit der Steinzeit, als wir das Feuer zähmten und die Sprache erlernten, eine so unfassbare Macht besitzen? Wirkt es nicht so, als seien wir mit dieser fatalen Macht seit jeher überfordert? Klaffen nicht unser Anspruch, „etwas Besseres“ zu sein, und die Wirklichkeit seit jeher stark auseinander? Was haben wir aus diesem uns anvertrauten Planeten gemacht? Sind wir unserer Schöpfungsverantwortung, die gerade wir Christen stolz aus unserer geglaubten Gottesebenbildlichkeit ableiten, gerecht geworden?  

Beinahe drängt sich der Eindruck auf: Je mehr die Wissenschaft über den Menschen herausfindet, umso rätselhafter erscheint er. Wer wir sind, bleibt geheimnisvoll. Zu allem fähig, hoffnungslos gescheitert und immer wieder zu neuen, großartigen Taten berufen. An dieser Stelle lockt freilich eine interessante Hintertür: der Glaube an einen heilenden, erlösenden und barmherzigen Gott, der am Ende alles richtet und gut macht. Doch was tun wir nur bis dahin? 


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Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.