[inne]halten-Lyrik
10.10.2025
Abendgold
Sie liegt nun müde zwischen Taubenschwärmen,
die sich am letzten Gold der Dächer wärmen
mit einer stillen Heiterkeit.
Ein altes Glück ist aufgebrochen
wie eine reife Frucht, wie eine Wunde.
Ich weiß nicht, bin ich krank oder gesunde
ich an der schönen Endlichkeit.
aus: Giannina Wedde, Herzkammer der Nacht. Gedichte, Echter Verlag 2022, S. 47; www.klanggebet.de
Zum Weiterlesen
26.9.2025
Manchmal bin ich
fühl mich kräftig, stark und groß
manchmal bin ich wie ein Käfer
eher klein und ruhelos.
Manchmal bin ich eine Löwin
brülle hörbar, brülle laut
manchmal bin ich wie ein Fisch
der stumm und schweigsam schaut.
Manchmal bin ich wie ein Schaf
will nicht gerne einsam sein
manchmal bin ich wie ein Wolf
streif umher – und das allein.
Manchmal bin ich eine Schnecke
brauche stille Langsamkeit
manchmal bin ich ein Gepard
laufe schneller als die Zeit.
Manchmal hüpf ich fröhlich
vor mich hin – so wie ein Floh
wenn ich’s jetzt recht bedenke
bin ich eigentlich ein Zoo.
aus: Lena Raubaum, Katja Seifert, Mit Worten will ich dich umarmen. Gedichte und Gedanken, Tyrolia Verlag 5. Auflage 2023, S. 70; www.lenaraubaum.com
12.09.2025
Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:die Freiheit eines Lieben nicht vermehren
um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.
Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen;
denn daß wir uns halten,
das fallt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
aus: Rainer Maria Rilke, Requiem. Für eine Freundin
29.8.2025
Regeln zur Realpräsenz
keinen unbefristeten Vertrag
Zeit schenkt sich nur
von nun auf jetzt
vertreibe deine Zeit doch nicht
und schlag sie auch nicht tot
gleich einer Fliege die belästigt
zerpflücke nicht den Tag
nutze die Zeitfenster
zum stillen Schauen
geistesgegenwärtig
bewohne deinen Leib
übergehe nicht die Rose unterwegs
bleib stehn und atme ihren Duft
nur der Augenblick ist wirklich
wann lebst du wenn nicht jetzt
aus: Andreas Knapp, Gedichte auf Leben und Tod, Echter Verlag 5. Auflage 2019, S. 45
15.8.2025
unsere wohnungen
inseln
auf denen unsere kleider
trocknen
während wir traumwärts
in die nacht segeln
gehäuse
in denen uns niemand zwingt
fenster zu putzen
nach dem letzten regen
heilige orte
auf die sich manchmal
eine leiter vom himmel
senkt
aus: Wilhelm Bruners, Niemandsland Gott. Gedichte und Meditationen, Tyrolia Verlag 2020, S. 16




