175 Jahre „Moby Dick“
Von der biblischen Jonas-Geschichte über Free Willy bis Wal Timmy: Die riesigen Meeressäuger faszinieren. Mit Moby Dick hat Herman Melville viel dazu beigetragen. Vor 175 Jahren wurde das monumentale Werk veröffentlicht.
Diese kolorierte Gravur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt eine Szene beim Walfang. Foto: © imago/CPA Media
Es geht um den Kampf des Menschen gegen die Bestie und die zerstörerische Urgewalt der Natur. Den Kampf gegen das Schicksal und das Böse – auch gegen das Böse in sich selbst. Das ist es, was Kapitän Ahab antreibt bei seiner Jagd auf Moby Dick, den weißen Wal, der ihm einst wohl nicht nur sein linkes Bein, sondern auch seine Seele raubte.
„Moby Dick“ ist einer der berühmtesten Abenteuerromane überhaupt – und ein Mythos der amerikanischen Literatur, inspiriert unter anderem von Shakespeare, Homer und der Bibel. Vor 175 Jahren, am 18. Oktober 1851, hat der in New York geborene Autor Herman Melville (1819–1891) sein monumentales Werk veröffentlicht.
Teilweise schwere Kost
135 Kapitel, mehr als 900 Seiten: eine bisweilen schwere Kost. Ein Stoff, der sich immer wieder neu interpretieren lässt. Neben dem spannenden Abenteuer besteht der Roman auch aus ausufernden naturwissenschaftlichen Abhandlungen über den Walfang und philosophischen Betrachtungen über die Natur und ihre Zerstörungskraft. Insbesondere die Ausgaben für jugendliche Leser verzichten oft auf diese Passagen, ebenso die Verfilmungen.
Bevor sich der Ich-Erzähler und einzige Überlebende des Walfangschiffes „Pequod“, Ismael, an das Lesepublikum wendet, führt Melville nicht weniger als 80 Wal-Zitate an. Damit bereitet er die Bühne für seinen Roman, der in weiten Teilen sehr modern daherkommt: mit wechselnden Erzählperspektiven, unterschiedlichen Textformen und ungewöhnlichem Aufbau.
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Dämonischer Kapitän
Der einbeinige Kapitän Ahab verfolgt insgeheim nur ein Ziel: Er will den weißen Wal erlegen. Besessen von Rachgier, setzt der dämonische Kapitän Schiff und Mannschaft aufs Spiel, um Moby Dick quer über die Weltmeere zu jagen. „Hüte dich vor dir selbst, Ahab“, mahnt ihn vergeblich der Steuermann Starbuck, der vernünftige, gesetzestreue und moralisch gefestigte Gegenspieler des fanatischen Kapitäns. Schließlich kommt es zum Showdown im Pazifik: Drei Tage lang attackiert Ahab den Wal, um am Ende selbst das Opfer seiner Rache zu werden. Moby Dick rammt und versenkt das Schiff. Nur Ismael überlebt, indem er sich mit Hilfe eines Sarges über Wasser hält.
Der Wal als Monstrum – und als leidende Kreatur: Melville hat selbst vier Jahre seiner Jugend auf Walfangbooten und Kriegsschiffen verbracht. Das dritte von acht Kindern einer durch Bankrott und Tod des Vaters verarmten Kaufmannsfamilie musste früh die Schule verlassen und Geld verdienen. Ab 1839 war Melville Matrose, unter anderem auf einem Walfänger, von dem er auf einer polynesischen Insel desertierte. Dort wurde er von Einheimischen gefangen genommen und konnte erst nach vier Wochen fliehen.
Der Untergang der „Essex“
Prägend für den Roman war auch der reale, großes Aufsehen erregende Untergang des Walfängers „Essex“. Das amerikanische Schiff hatte 1820 im Pazifik eine Gruppe Pottwale aufgespürt. Ein riesiger Wal-Bulle rammte den Dreimaster und versenkte ihn.
Biblische und mythologische Anspielungen durchziehen das Buch ebenso: Der Name des Erzählers Ismael bezeichnet in der Bibel Abrahams Sohn von Hagar, einer ägyptischen Magd von Abrahams Frau Sara. Bei Melville steht Ismael für den aus der Gesellschaft Ausgestoßenen. Kapitän Ahab ist nach dem biblischen König benannt, der sich vom Gott Israels abwandte und den Götzen Baal anbetete.
Vernichtende Kritik
Melville, der zuvor schon Abenteuerromane über Seefahrt, Walfang, die Südsee und die Begegnung mit dort lebenden Menschen geschrieben hatte, erntete nun vernichtende Kritik. „Moby Dick“ war ein Flop: Der Roman verkaufte sich zu seinen Lebzeiten nur 3000-mal. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er neu entdeckt und gewürdigt.
„Es hat lange gedauert, bis die Welt bemerkt hat, was für ein Buch ihr da geschrieben worden ist“, schrieb der Schriftsteller und Übersetzer Joachim Kalka 2001. „Moby Dick“ wird seitdem zu den wichtigsten Werken der „First National Period“ (1815–1861) in der US-Literaturgeschichte gezählt.
Blick auf die USA im 19. Jahrhundert
Der Roman greift auch die Entwicklung der USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf: Industrialisierung, die Eisenbahn, Einwanderung, religiöser Aufbruch und der endlose Treck der Siedler, die die Grenze immer weiter nach Westen verschoben. Diese Atmosphäre löste einen Boom von Abenteuerromanen aus. Doch „Moby Dick“ reicht darüber weit hinaus.
Der Roman führt die von den Amerikanern vergötterten Züge des auf sich selbst bezogenen Helden in Kapitän Ahab ad absurdum. Die internationale Schiffsbesatzung spiegelt die Einwanderungsgesellschaft wider. Und Melvilles Beschreibung der massenhaften Abschlachtung von Walen wirft Fragen über die mitleidlose Ausbeutung von Tieren und Natur auf.
Christoph Arens



