Hundert Wörter für Schnee

Roman
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Buchprofile - Rezension
Nachdenklicher Roman über die Auswirkungen des Wettlaufs zum Nordpol durch Grönland hindurch auf dessen Ureinwohner.
Wer den Nordpol als Erster erreicht hat, ist wirklich bis heute unklar. Der österreichische Autor nutzt diesen Graubereich, um seine Geschichte über die versuchte Eroberung des Nordpols von Grönland aus mit einem heutigen Fokus zu erzählen. Hier geht es nicht um Heldentum und Glanzleistungen, sondern um die Auswirkungen, die das Unterfangen auf die nur halb freiwillig mitbeteiligten Inuit hatte. Bezüge zu Trumps aktuellen grönländischen Begehrlichkeiten lassen sich insofern herstellen, als auch bei den Polexpeditionen die Interessen der Eingesessenen bestenfalls zweitrangig waren. Als die erste Expedition des US-Amerikaners Robert Edwin Peary 1882 in Grönland an Land ging, hatten die "Inghuit", wie der Autor sie konsequent nennt, außer mit Walfängern noch keinen Kontakt mit sogenannter westlicher Zivilisation. Ein spannender Zusammenprall der Kulturen, authentisch, humorvoll und folgenreich geschildert. Mit von der Partie auch ein Arzt: Frederick Cook, er ist der spätere Konkurrent Pearys im Wettrennen um das Erreichen des Pols. Franzobel rückt den historisch belegten Wettlauf immer weiter in den Hintergrund und kümmert sich, anders als die Geschichtsschreibung, um das Schicksal der Inuit, die nach Pearys zweiter Expedition als einkommensgenerierende Anschauungsobjekte mit nach Amerika gereist waren. Staunend entdeckten sie dieses merkwürdige Land, die meisten überlebten die Verpflanzung nicht lange. Überlebt hat als einziger der jüngste der Inuit-Gruppe, Minik, bald Waisenkind. Als er nach zwölf Jahren nach Grönland zurückkehrt, findet er sich dort nicht mehr zurecht, ein Entwurzelter, seiner Herkunft entfremdet und auf sich allein gestellt. – Mit kommentierenden Einwürfen und Vergleichen, die unserer Gegenwart entspringen, stellt der Autor den Bezug zum Jetzt her. Franzobel fordert mit seiner Geschichte eine neue Haltung gegenüber einem ausgenutzten Volk ein und haucht den gründlich recherchierten historischen Begebenheiten moralische Spannung und Leben ein.
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Artikelbeschreibung

Nach »Das Floß der Medusa« und »Die Eroberung Amerikas« erzählt Franzobel in »Hundert Wörter für Schnee« die abenteuerliche Geschichte der Eroberung des Nordpols. Im Herbst 1897 bringt der US-amerikanische Entdecker und Abenteurer Robert Peary sechs Inughuit, so der Name der im Norden Grönlands lebenden Menschen, auf einem Dampfschiff nach New York. Untersucht sollen sie werden, vor allem aber ausgestellt und hergezeigt. Vier von ihnen sterben schnell an Tuberkulose, einer wird zurückgebracht - der neunjährige Minik aber bleibt. Seine Geschichte - Taufe, Schule, betrügerischer Pflegevater, Flucht - sorgt für Schlagzeilen. In Franzobels Roman wird Minik nicht nur zum Spielball zwischen der zivilisierten amerikanischen Kultur und der angeblich primitiven eines Naturvolkes. Sein Schicksal ist ein Heldenlied auf den Überlebenskampf eines beinahe ausgestorbenen Volkes, das bewiesen hat, wie der Mensch selbst in der unwirtlichsten Gegend überleben kann.

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Personeninformation

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Arthur-Schnitzler-Preis, den Nicolas-Born-Preis und den Bayerischen Buchpreis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die in zahlreiche Sprachen übersetzten historischen Romane »Das Floß der Medusa« (2017), »Die Eroberung Amerikas« (2021), »Einsteins Hirn« (2023) und »Hundert Wörter für Schnee« (2025).

Pressestimmen

"Franzobel, ein erstklassiger Stilist, erzählt konventionell realistisch, gewürzt mit einer gewissen Süffisanz ... ein großer Roman!" Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau, 08.04.25 "Von erschreckender Aktualität ... Als Leser leidet man mit, stolpert Seite für Seite mit ihnen ins Verderben, während der Erzählfluss durch die Geschichte trägt wie der Wind die Schiffe nach Norden." Andreas Lesti, Frankfurter Allgmeine Sonntagszeitung, 23.03.25 "Ein thematisch wie sprachlich äußerst gelungenes Plädoyer für Vielfalt und Offenheit. Keine Leserin, keinen Leser wird dieser Text kalt lassen." Andreas Puff-Trojan, Münchner Merkur, 22.02.25 "Franzobel hat einen bitterkomischen Roman geschrieben." Katharina Teutsch, Die Zeit, 20.02.25 "Ein wunderbarer, trauriger, böser und vor allem menschlicher Roman über das Abenteuer und den Schrecken des Eises und der Finsternis." Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten, 20.02.25 "Mit Ironie und teils groteskem Sprachwitz erzählt Franzobel eine reale Antihelden-Saga, die heute ganz ähnlich stattfinden könnte." Jürgen Deppe, NDR Kultur, 16.02.25 "Franzobel entfaltet eindrucksvolle Bilder ... Ihm ist ein großartiger, gelehrsamer Roman gelungen, der nicht belehrend sein will." Irina Kiliminik, Presse Spectrum, 15,02.25 "Ein aufwühlender, entlarvender, abenteuerlich guter Roman." Bernd Melichar, Kleine Zeitung, 15.02.25 "Mit immenser Suggestivität zeichnet Franzobel in seinem Buch ein Porträt der Epoche des Kolonialismus, in der Gier, Raffsucht und Egozentrik dominierten." Ulf Heise, MDR Kultur, 14.02.25 "Franzobel hat ein gutes Gespür für historische Stoffe, formuliert aus, was man bislang vielleicht eher gestreift hat. Er haucht Schicksalen Leben ein, zeichnet seine Figuren klar, versieht sie mit Charakter." Wolfgang Huber-Lang, APA, 14.02.25
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