Such nach dem Namen des Windes

Gedichte
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Buchprofile - Rezension
Gedichte aus dem Bereich zwischen dem "Noch-Nicht-Sagbaren" und dem "Nicht-Zu-Verschweigenden".
Beispielhaft für die Grundtendenz dieses Lyrik-Bandes steht das letzte Gedicht mit dem Titel "Abschied vom Buch": "…ein Gedicht ist nie fertig, / wenn es zum endgültigen Text wird,/ wird ein Falter, der eben noch flatterte,/ zu seinem eigenen Abbild,/ einem Papierbeschwerer./ Beim Lesen lebt er wieder./ Nicht immer. Manchmal. Selten". Dieser Versuch, sich in seiner Unsicherheit an dem Schreiben eines Gedichts festhalten zu wollen, durchzieht den gesamten Band. Und dann ist da auch die Trauer über den endgültigen Verlust eines geliebten, eines zutiefst vertrauten Menschen, die immer wieder in den Gedichten aufscheint. Das Gedicht "La Speranza" (die Hoffnung) beginnt mit den Zeilen aus dem Gedicht eines anderen Dichters: "Mich hat die Hoffnung verlassen,/ dass ich dich je wiedersehe" ( Eugenio Montale ). Olga Martynova ist nicht allein in das deutsche Exil geflüchtet, sondern zusammen mit ihrem Lebensfreund, dem 2018 in Deutschland verstorbenen Schriftsteller Oleg Jurjew. Auch wenn er in den Gedichten nie namentlich erwähnt wird, so ist er doch in den neueren Veröffentlichungen der Dichterin anwesend. Hier schreibt jemand Gedichte, der nach einem großen Verlust "nicht mehr weiterweiß", aber nach Worten und Bildern sucht, die ihm Trost geben, aber auch den Mut für einen Neu-Anfang. Wie in fast jedem der hier veröffentlichten Gedichte zitiert die Dichterin in ihrem langen Venedig-Gedicht aus den Werken anderer Schriftsteller. Joseph Brodsky ist hier ebenso anwesend wie Giuseppe Ungaretti. Diese Gedichte hinterlassen beim Leser große Verstörungen, aber auch eine Neugierde auf die weitere literarischen Arbeiten der aus ihrer russischen Heimat nach Deutschland vertriebenen Schriftstellerin.
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Artikelbeschreibung

Gedichte sind Flaschenpost, das wissen wir seit Mandelstam und Celan. Diese Post ist Gesang und Gebet, Protokoll und Analyse. Im Idealfall spricht sie aus, was sonst ungesagt und ausgegrenzt bleibt. Olga Martynova arbeitet als Lyrikerin im Bewusstsein des reichen Erbes, das die avantgardistische Kunst des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Zugleich gibt sie ältere Traditionen nicht preis und bezieht sich etwa mit Dantes »Commedia« auf eine der Hauptquellen der europäischen Poesie, die aus der Trauer um eine gestorbene Frau entstand.
Olga Martynovas Gedichte lassen Raum für Trauer und Krieg, für Befragung und Wut, aber auch für das Alltägliche und die Bewunderung der Welt. Vom Ende der neunziger Jahre an hat sie ihre Prosa auf Deutsch, ihre Gedichte auf Russisch geschrieben. Seit dem Tod ihres Mannes, des Dichters Oleg Jurjew, schreibt sie nicht mehr in russischer Sprache.

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Personeninformation

Olga Martynova, geboren 1962 in Sibirien, aufgewachsen in Leningrad, wo sie in den 1980er-Jahren die Dichtergruppe »Kamera Chranenia« mitbegründete. 1991 zog sie zusammen mit Oleg Jurjew (1959-2018) nach Deutschland. Von 1999 an schrieb sie literarische Texte auf Russisch und Deutsch. Seit 2018 schreibt sie nur noch in deutscher Sprache. Olga Martynova ist Vizepräsidentin der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, außerdem Mitglied des PEN und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz). Sie erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (2012) und den Berliner Literaturpreis (2015). Zuletzt erschienen von ihr bei S. FISCHER: »Der Engelherd« (Roman, 2016), »Über die Dummheit der Stunde« (Essays, 2018) und »Gespräch über die Trauer« (2023). Für den Gedichtband »Such nach dem Namen des Windes« (2024) wurde Olga Martynova mit dem Peter-Huchel-Preis 2025 ausgezeichnet.

Pressestimmen

Olga Martynova ist eine überaus belesene Literatin [...] Die Erweiterung des eigenen Bewusstseins ist selten so günstig und gesund zu haben. Moritz Holler Westdeutscher Rundfunk, WDR 5 (Bücher) 20240713
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