Buchtipp
Franziskus für heute
Zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi zeigt der Franziskaner Willibald Hopfgartner an zahlreichen Beispielen, wie dessen Leben und Wirken die Gegenwart prägen.
Der Geist des heiligen Franziskus ist auch nach 800 Jahren noch präsent. Foto: © AdobeStock/alanstix64
Anfang der 1970er Jahre hat Pater Willibald Hopfgartner, ehemaliger Provinzialminister der Südtiroler Franziskanerprovinz, als Novize ein Jahr im Kloster San Damiano in Assisi verbracht. „Dieses Jahr ist bis heute die Quelle für alles Franziskanische in meinem Leben“, bekennt der 79-Jährige in seinem soeben erschienenen Buch mit dem Franziskus-Zitat „Wo Liebe ist, gibt es keine Furcht“ als Titel. „Die Liturgie wurde unter der Kreuzesikone gefeiert, von der herab der Gekreuzigte dem schmerzlich suchenden Franziskus den Auftrag gegeben hatte, diese Kirche wieder aufzubauen. Und wenige Jahre später sollte hier das Kloster entstehen, in dem die heilige Klara mit ihren Schwestern ihr Zeugnis des Gebetes und der Armut begann.
Die Hinführung zu den Schriften des heiligen Franziskus, ihre Vertiefung durch hervorragende geistliche Lehrer, verband sich mit dem Blick in die Landschaft des Heiligen, auf sein geliebtes Spoletotal“, erinnert sich Hopfgartner. Der Germanist und Philosoph verknüpft seine „Franziskanischen Betrachtungen“, so der Untertitel des Buchs, zum 800. Todestag des Heiligen mit dessen Wirkung bis in die Gegenwart: „Man sollte auch entdecken können, auf wie vielfältige Weise Franziskus einen Bezugspunkt in Denken und Leben von Geistesmenschen unserer Zeit bildet“, unterstreicht Hopfgartner.
So habe Franziskus gewollt, dass sich seine Gefährten „Mindere Brüder“ nennen. Sie sollten frei sein von Profilierungssucht, Neid, Ungeduld und Rivalität der Interessen – und sich jedem Menschen gegenüber als unter ihm stehend betrachten. Diese Einstellung habe der jüdisch-litauische Philosoph Emmanuel Levinas (1906 – 95) folgendermaßen formuliert: „So wie wir an der Tür dem anderen sagen: ,Nach Ihnen‘, so sollten wir anderen Menschen gegenüber eingestellt sein.“
Unterhaltung, Technik und Ökonomie sind nicht alles
Franziskus habe hervorgehoben, dass der Kirchenraum eine „heilige Stätte“ sei, an der Menschen sich dazu bekennten, „dass die sie umgebende Welt mit Unterhaltung, Technik und Ökonomie nicht alles ist“, schreibt Hopfgartner. In vergleichbarer Weise habe der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke (*1942) betont, dass die in Kärnten verbreiteten Bildstöcke für ihn wie „Feldheiligtümer“ seien.
Franziskus sei von der Wandlung während der heiligen Messe ergriffen gewesen: „Der ganze Mensch erschauere, die ganze Welt erbebe und der Himmel juble, wenn auf dem Altar in der Hand des Priesters Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist“, zitiert Hopfgartner aus einem Brief des Heiligen an seinen Orden. Ähnlich sei es Handkes Alter Ego Valentin Sorger in seiner Erzählung „Langsame Heimkehr“ ergangen, als dieser nach langen Jahren des Fernseins von der Kirche in New York zufällig einer Sonntagsmesse beiwohnte: „Ein Schwanken ging durch die Welt, als das Brot in den göttlichen Leib und ‚simili modo‘ der Wein in göttliches Blut verwandelt wurde.“
[inne]halten - das Magazin 20/2026
Franz von Assisi
Auch 800 Jahre nach seinem Tod hat der Heilige noch viel zu sagen
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Fortschreibung des Sonnengesangs
Mehrfach zieht Hopfgartner auch Parallelen zwischen der französischen Philosophin Simone Weil (1909 – 43) und Franz von Assisi, etwa wenn er mit einer ihrer Aussagen über die Liebe dessen Beziehung zur heiligen Klara charakterisiert: „Mit reiner Liebe lieben heißt in den Abstand einwilligen, heißt den Abstand verehren zwischen einem selbst und dem, was man liebt.“
Den Sonnengesang des heiligen Franziskus, der Hopfgartner zufolge Menschen bis heute in seinen Bann zieht, bringt er mit einem anderen Weil-Zitat in Verbindung: „Die Schönheit der Natur ist das zärtliche Lächeln Christi zu uns.“ Franz Hodjaks (1944 – 2025) Gedicht „Befindlichkeiten“ deutet Hopfgartner gar als moderne Fortschreibung des Sonnengesangs, da in Letzterem keine Tiere vorkämen.
In der Basilika San Francesco in Assisi führe die Kunst Franziskus’ Predigt fort: „Ohne die Fresken der Giotto-Vita wäre der Heilige wohl kaum zur Leitgestalt einer gläubigen Lebensform geworden, die durch Jahrhunderte das Christsein inspiriert hat und Teil der kulturellen Memoria Europas geworden ist“, meint Hopfgartner und zitiert erneut die Mystikerin Weil: „Die Liebe zur Schönheit ist in der religiösen Welt Europas fast der einzige Weg, der es Gott erlaubt, in uns einzudringen […].“ Das gilt ebenso für den franziskanischen Geist, der, wie Hopfgartner auch an einer Oper Olivier Messiaens (1908 – 92) zeigt, bis heute auf vielfältige Weise lebendig ist.



