Achtsamkeit
03.11.2026

Gott begegnen – mitten auf der Straße

Kann man eine Erfahrung mit Gott in einem Einkaufszentrum machen? Oder an einer Bushaltestelle? Monika Prestel hat sich bei Straßenexerzitien im Münchner Stadtteil Hasenbergl auf dieses Abenteuer eingelassen.
    

Foto: © AdobeStock - Creativmarc

Wer Exerzitien macht, der zieht sich gewöhnlich für einige Tage in ein Kloster oder ein Exerzitienhaus zurück. In der Stille fällt es leichter, zu beten und sich auf die Beziehung zu Gott zu konzentrieren. Doch es geht auch anders. Bei Straßenexerzitien begeben sich die Teilnehmer mitten hinein in den Alltag einer Stadt. Ohne festes Ziel und ohne bestimmte Aufgaben. Sie sollen einfach offen sein für das, was ihnen begegnet.

Monika Prestel hat diese Erfahrung bei Straßenexerzitien im Münchner Stadtteil Hasenbergl gemacht. Nach einem gemeinsamen Morgenimpuls im Pfarrheim St. Nikolaus war sie tagsüber im Viertel unterwegs. Das Handy blieb ausgeschaltet. „Achtsam im Moment da zu sein, das gibt dem Leben dann nochmal eine ganz andere Tiefe“, sagt die Münchnerin.

Eine berührende Begegnung an der Bushaltestelle

Dass diese Offenheit tatsächlich etwas verändert, hat Prestel bei ihren Streifzügen immer wieder erlebt. Wer nicht ständig auf sein Handy schaut oder schon den nächsten Termin im Kopf hat, nimmt seine Mitmenschen anders wahr. Und wird selbst anders wahrgenommen. Manchmal entsteht daraus ein freundlicher Blickkontakt, manchmal ein Gespräch.

Besonders berührt hat Prestel die Begegnung mit einer jungen Frau an einer Bushaltestelle. Diese hielt etwas so liebevoll im Arm, dass Prestel zunächst an ein Baby dachte. Als sie sich dazusetzte, entdeckte sie, dass es ein rosa Plüschhund war. Die junge Frau mit geistiger Beeinträchtigung stellte ihr das Kuscheltier voller Stolz vor. Ein kurzer Moment der Nähe zwischen zwei Menschen, die einander vorher nicht gekannt hatten.
    

Monika Prestel. Monika Prestel. Foto: © privat
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Heiliger Boden im Einkaufszentrum

Eine andere Gotteserfahrung machte Prestel im Olympia-Einkaufszentrum. Dort entdeckte sie in einer ruhigen Ecke eine junge Muslima, die ihren Gebetsteppich ausgebreitet hatte und betete.

Diese Szene erinnerte Prestel an die biblische Erzählung von Mose am brennenden Dornbusch, die die Exerzitienleiter als Bibelimpuls für diese Straßenexerzitien gewählt haben. Gott fordert Mose auf, seine Schuhe auszuziehen, weil er auf heiligem Boden steht. Für Prestel wurde deshalb, als sie die Muslima beten sah, deutlich, dass heiliger Boden nicht nur in Kirchen oder Moscheen zu finden ist. Gott kann einem überall begegnen, auch in der U-Bahn oder im Einkaufszentrum.

Gott ist in jedem Augenblick gegenwärtig

Mittlerweile ist Monika Prestel wieder in ihrem gewohnten Alltag angekommen, eingespannt in Beruf und kirchliches Ehrenamt. Doch von den Straßenexerzitien ist etwas geblieben. Wenn sie heute an einer roten Fußgängerampel steht, versucht sie, diesen kurzen Moment des Wartens bewusst wahrzunehmen, statt schon an die nächste Aufgabe zu denken.

Denn die Beziehung zu Gott beschränkt sich für sie nach ihren Erfahrungen aus den Straßenexerzitien nicht mehr nur auf den Sonntagsgottesdienst oder das persönliche Gebet. Sie entfaltet sich in jedem Augenblick des Lebens, so Prestel. Man muss nur aufmerksam genug sein, um sie wahrzunehmen.

Die Idee der Straßenexerzitien geht auf den Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Herwartz (1943–2022) zurück. Er entwickelte diese Form geistlicher Übungen in den 1990er-Jahren in Berlin-Kreuzberg. Seine Überzeugung: Gott lässt sich nicht nur in Kirchen oder Klöstern finden, sondern mitten im Alltag. Wer Straßenexerzitien macht, geht deshalb ohne festes Ziel durch die Stadt, lässt sich auf Begegnungen mit Menschen ein und versucht, darin die Spuren Gottes zu entdecken.

Straßenexerzitien werden deutschlandweit in vielen größeren Städten angeboten. Zu den Terminen geht es hier.

Innehalten-Buchtipp
Herwartz, Christian Freude - Erfahrungen mit Straßenexerzitien
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Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management