Achtsamkeit
02.07.2026


Ökologische Krise

„Die Klage der Natur hören lernen“

Im Römerbrief schreibt Paulus, die Schöpfung seufze und hoffe auf Erlösung. Christlichen Umweltethikern wie Markus Vogt ist dieser Text sehr wichtig. Er sagt: Der Römerbrief ist realistisch, hoffnungsvoll und zeigt Wege zu einer vertieften Gottesbeziehung.
    

Die Schöpfung seufzt auch bei uns in Deutschland – hier ein Bild aus dem Harz. Die Schöpfung seufzt auch bei uns in Deutschland – hier ein Bild aus dem Harz. Foto: © imago/Martin Wagner

Herr Professor Vogt, was ist für Sie der Kern von Röm 8,18–23?

Dieses Bild, dass die ganze Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt, ist sehr, sehr einprägsam. Später seufzen dort auch der Heilige Geist und die ganze Menschheit. Das zeigt: Alles ist eins, wir sind eine Schöpfungsgemeinschaft und eine Schicksalsgemeinschaft. Es gibt keine Erlösung des Menschen ohne Erlösung der Natur – und umgekehrt keine Erlösung der Schöpfung ohne die Erlösung der Kinder Gottes.

Wenn die Natur leidet, leidet der Mensch – und umgekehrt?

Ja, so sieht Paulus das, und so erleben wir es heute extrem. Durch das Fehlverhalten des Menschen leidet die Schöpfung, leiden die Mitgeschöpfe, die Tiere, Pflanzen und Lebensräume. Und indem sie leiden, leidet auch der Mensch. Es gibt kein gelungenes Leben des Menschen ohne die Natur.


Auf welchem Hintergrund sagt Paulus so etwas? Er war ja kein Ökologe.

Zum einen gab es im Judentum, in der ganzen biblischen Tradition von der Genesis bis zu den Gleichnissen Jesu eine große Naturverbundenheit. Andererseits ist der Paulustext aber erst mal eine Deutung der schwierigen Zeit, in der er lebte. Paulus hatte ein starkes Endzeitbewusstsein. Aber nicht resigniert, sondern als gespannte Erwartung auf etwas Neues, das wir jetzt noch nicht wissen können, auf das er aber mit Hoffnung blickt. Wie eben die Geburt eines Kindes trotz aller Schmerzen das Symbol der Hoffnung schlechthin ist.

Könnte man dann nicht sagen: Es ist gar nicht so schlimm, was wir der Schöpfung antun. Wir brauchen die Katastrophe, damit daraus etwas Wunderbares erwächst?

Es gibt Leute, die sagen das. Peter Thiel zum Beispiel, der Tech-Unternehmer aus den USA. Er erwartet die Apokalypse in Europa, damit Besseres entsteht. Aber das ist eine sehr gefährliche Auslegung, und für sowas darf man Paulus sicher nicht in Anspruch nehmen. Paulus hat ein Katastrophenbewusstsein, aber ist dem Leid gegenüber nicht gleichgültig. Er will es nicht verklären, sondern nimmt die Situation mit ihren Abgründen realistisch wahr. Und trotzdem ist bei ihm alles darauf ausgerichtet, dieses Leid zu überwinden. Da steht die Kreuzestheologie im Hintergrund.

Was hat die Kreuzestheologie denn damit zu tun?

Der Dominikaner Matthew Fox hat das mal so formuliert: Der gekreuzigte Christus zeigt sich für uns heute aufs Neue in der gekreuzigten Schöpfung. Das ist vielleicht eine der einprägsamsten Deutungen dieser Textstelle.

Man erkennt in der leidenden Schöpfung Christus – so wie im leidenden Nächsten?

Ja – auch wenn ich daran festhalte, dass die Würde des Menschen etwas Einmaliges ist, das nicht eingeebnet werden kann. Aber dass Gott Fleisch geworden ist, bedeutet ja nicht nur „Mensch geworden“, sondern, dass er mitten in Raum und Zeit gegenwärtig ist. Dass die ganze Schöpfung der Leib Gottes ist und Gott gewissermaßen die Seele der Schöpfung. Wir sind gewohnt zu sagen, dass Gottesliebe und Nächstenliebe eins sind. Aber wir müssen das weiterdenken: Gottesliebe und die Liebe zu allen Mitgeschöpfen sind eins. Die Beziehung zu Gott geht nicht vorbei an einer Beziehung zur Schöpfung.

Das klingt nach einer deutlichen Erweiterung von Glaube und Ethik.

Der Priester und Religionsphilosoph Raimon Panikkar hat mal gesagt: „Die ökologische Krise ist eine Offenbarung. Wenn wir sie nicht als Offenbarung deuten, nehmen wir sie nicht ernst genug.“ Das soll heißen: Die Begegnung mit der Schöpfung ist jetzt ein Ort der Gottesrede. Oder anders ausgedrückt: Die bisher stumme Schöpfung fängt an, zu uns zu sprechen. Wir erkennen ihre Verletzlichkeit und erkennen darin die Verletzlichkeit unserer eigenen Existenz und die Verletzlichkeit Gottes. Die Schöpfung wird zum Ort, um unsere Beziehung zu Gott neu zu ordnen. 

Ist es das, was in Wehen liegt und kommen soll?


Vielleicht auch. Man kann es ein wenig vergleichen mit der Zeit der Aufklärung. Damals wurde die Versklavung des Menschen als Widerspruch zum Evangelium der Liebe erkannt und die Rede vom Gott der Liebe musste sich bewähren, indem man die Würde des Menschen verteidigt. Und parallel ist heute die verletzte Schöpfung ein Bewährungsort, wenn wir vom Schöpfergott reden. Die Schöpfung, der Leib Gottes, fängt an zu schreien. Diese Klage der Natur müssen wir hören lernen. Es ist der Ort, an dem sich der Glaube heute neu zu bewähren hat.
    

Der katholische Theologe Markus Vogt lehrt Christliche Sozialethik an der Universität München. Umweltethik gehört zu seinen Forschungsschwerpunkten. Der katholische Theologe Markus Vogt lehrt Christliche Sozialethik an der Universität München. Umweltethik gehört zu seinen Forschungsschwerpunkten. Foto: © imago/epd
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Sie lesen den Römerbrief also politisch?

Und ethisch! Ich glaube, die Klimaverhandlungen sind ein mühsames Ringen um ein neues Bewusstsein für diese Verbundenheit mit der Schöpfung. Also: Menschenrechte und Naturrechte als Einheit zu denken, die sich wechselseitig bedingen und nur zusammen verwirklicht werden können. Das ist eine neue Stufe in der moralischen Entwicklung des Menschen. Und eine einprägsame Orientierung dafür formuliert dieser Paulustext, wenn man ihn aktuell liest.

Sie mögen den Text, oder?

Ich finde, es ist ein ganz erstaunlicher, besonderer Text. Und das für heute so Relevante ist diese nüchterne Wahrnehmung der Katastrophe, des Umbruchs der Zeiten – und zugleich die unbändige Hoffnung. Die Schöpfung liegt in Seufzern, aber es entsteht etwas Neues, und die Herrlichkeit der kommenden Welt überstrahlt alles gegenwärtige Leiden.

Susanne Haverkamp
Artikel von Susanne Haverkamp
Theologin und Journalistin
Sie ist ein Kind des Ruhrgebiets, inzwischen in der norddeutschen Tiefebene zu Hause, Mutter zweier ziemlich erwachsener Kinder und genauso gern in Bewegung wie mit einem Buch im Liegestuhl. Beruflich schätzt sie den Austausch mit Leserinnen und Lesern, die Glaube und Kirche kritisch, aber wohlwollend hinterfragen.