Sommerrätsel-Folge 5
Vom Heiligen in unserer Zeit
In der fünften und letzten Folge unseres diesjährigen Sommerrätsels besuchen wir die Gemeinde Neuried im Süden Münchens. Dort wurde im Jahr 2008 eine spektakuläre Kirche geweiht.
Die Fassade wurde mit Torfbrandklinkern verkleidet. Foto: © Ertl
Die Stimmung in Neuried war aufgebracht. Bereits vor ihrer Fertigstellung sorgten unsere heute gesuchte Kirche nebst Pfarrzentrum in der Landkreis-Gemeinde südwestlich von München für heftige Auseinandersetzungen. In Leserbriefen der Lokalpresse waren Bezeichnungen wie „Atombunker Gottes“, „Friedhofsmauer für den Glauben“ oder „Trutzbau zur Verteidigung des katholischen Glaubens“ zu lesen. Es hagelte erhebliche Kritik an dem „kompakt und monumental wirkenden Baukörper“, teilte das Erzbischöfliche Ordinariat mit.
Dennoch hielt man an dem Konzept fest: „Es ist die moderne Welt, der wir uns hier als Kirche stellen“, so der damalige Seelsorgereferent. Warum war das Unternehmen notwendig geworden? Die alte gotische Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert bot nur knapp 100 Personen Platz – zu wenig für eine stark anwachsende Gemeinde wie Neuried. Daher entschloss sich die Erzdiözese für einen Kirchen-Neubau, etwa 300 Meter vom alten Ortskern entfernt.
Mit dem Entwurf und der Realisierung wurde der renommierte Münchner Architekt Professor Andreas Meck beauftragt. Im Mai 2006 erfolgte die Grundsteinlegung. Insgesamt investierte man 9,2 Millionen Euro aus Kirchensteuermitteln. Am 19. Oktober 2008 weihte Erzbischof Reinhard Marx das Gotteshaus.
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Burgartiger Baukörper
Den Kirchenraum liegt eingebettet in einem Komplex ineinander verschachtelter Kuben, der auch Pfarrsaal, Pfarrbüro und Mitarbeiterwohnungen enthält. Vorplatz und Innenhof sollen als Ort der Begegnung für Jung und Alt dienen. Die trutzige Außenfassade des Stahlbetonbaus hat man vollständig mit dunkelrötlichen Klinkersteinen verkleidet, die in einer speziellen Torfbrandweise angefertigt wurden. Der Glockenturm und das mächtige Kreuz aus Cortenstahl lassen von außen den Sakralbau erahnen.
Wer den burgartig wirkenden Baukörper betritt, steht in einem umfassten Innenhof mit zwei Bäumen. Rechts befindet sich die ebenerdig verglaste Kirchenfront. Tritt man ein, fallen einem sofort die geneigten Wand- und Deckenflächen des puristisch gehaltenen Raums ins Auge. Der 2019 gestorbene Architektur-Professor erläuterte damals sein Konzept: Sein Sakralraum sei als „weißes Gefäß“ eigenständig in die „Skulptur des Gesamtbaukörpers“ eingestellt. Die glatten weiß gekalkten Wandflächen des Innenraums sollten „den Grund für das Licht“ darstellen, das durch großzügige Öffnungen einfällt („ein diffuses Ost- und Zenitlicht, kein Schlaglicht“, sagte Meck) und so einen „stillen, erhabenen Ort für die Liturgie“ bilden. Die Raumgrenzen lösen sich gefühlt auf. Der damalige Kunstreferent sprach von einer „geglückten Visualisierung vom Heiligen in unserer Zeit“.
Licht und weit: der Kircheninnenraum. Foto: © Ertl
Bänke und Boden aus Eichenholz
Die Altar aus grauem Kunststein ist auf einer Altarinsel erhöht, von drei Seiten umgeben ihn die Sitzbänke aus Eichenholz mit Platz für 220 Personen, auch der Boden ist mit Eichenholzdielen ausgelegt. Beherrschend im von jeglichem Zierrat befreiten Raum steht das Tau-Kreuz aus Sichtbeton. Die liturgischen Orte – Altar, Ambo, Sitze, Tabernakel und Taufbecken – wurden von den Künstlern Rudolf Bott und Zeno Dietrich geschaffen. Besonders der futuristische Tabernakelschrein ist ein Blickfang: Wie eine biologische kokonhafte Zellformation mutet seine perlenartige Messing-Hülle an.Das einzige Bildnis im Raum ist eine vom Künstler Roland Fischer gestaltete Fotografie des Maria-Hilf-Bildes von Lucas Cranach dem Älteren, das sich in einer Nachbildung in der alten Dorfkirche befindet. Diese ist einem großen Heiligen des Advents geweiht, der als guter Gabenbringer der Freund aller Kinder ist. Sein Patrozinium trägt auch der Neurieder Neubau, mehrere Orte innerhalb des Pfarrzentrums sind ihm gewidmet.
Wie heißt der Patron der Neurieder Kirchen?
Ungewöhnliche Kugelstruktur: der Tabernakel. Foto: © Ertl



