Der „Balkon des Chiemgaus“
Die erste Folge unseres diesjährigen Sommerrätsels fragt nach einer Wallfahrtskirche mit wechselvoller Geschichte. Heute kümmern sich Franziskaner-Minoriten um die Pilger, die sie im Heiligen Jahr besuchen. Sie ist nämlich eine der Jubiläumskirchen im Erzbistum München und Freising.
Bei gutem Wetter hat man von dem gesuchten Wallfahrtsort aus einen herrlichen Blick auf die Umgebung und den Chiemsee. Foto: © Archiv Guardianat OFM Conv
Zu der in Rätselfolge 1 gesuchten Wallfahrtskirche geht es bergan – auf gut 800 Meter über dem Meeresspiegel. Der Sage nach sahen Holzknechte an den Vorabenden hoher Marienfeste wiederholt Lichterscheinungen auf diesem Vorberg des Hochfelln, die erst endgültig verschwanden, als eine Wallfahrtskirche mit Hauptaltar und zwei Seitenaltären erbaut wurde. Neben der Kirche stehen ein Gasthaus und eines der höchstgelegenen Klöster Deutschlands, das ursprünglich Benediktiner aus Seeon bewohnten. Die Wallfahrt dorthin besteht – mit Unterbrechungen – seit rund 400 Jahren. Ihr Ziel ist eine Kopie des Wallfahrtsbilds „Salus populi Romani“ („Heil des römischen Volkes“) in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom, das auch Papst Franziskus sehr verehrte. Eine russische Marienikone, die sich an einem Seitenaltar der gesuchten Jubiläumskirche befindet, soll sogar an diesem Gnadenbild berührt worden sein.
Pfarrer und Rentamtsbote verprügelt
Der größte Wallfahrerzug besteigt jedes Jahr am dritten Sonntag im Mai in Tracht diesen „Balkon des Chiemgaus“, wie der gesuchte Ort auch genannt wird, schließlich hat man von dort oben bei entsprechendem Wetter einen herrlichen Blick auf die Umgebung und den Chiemsee. Etwa auf halbem Weg reihen sich traditionsgemäß vier Männer hinter dem Wallfahrerkreuz ein. Sie vertreten symbolisch die Holzknechte und Bauern aus der Gegend, die die Wallfahrtskirche während der Säkularisation vor dem befohlenen Abriss retteten. Der Pfarrer und der Rentamtsbote, unter deren Aufsicht die Abbrucharbeiten erfolgen sollten, wurden von der aufgebrachten Menge am 13. September 1806 verprügelt. 1810 wurden die Grundstücke und Gebäude des gesuchten Wallfahrtsortes – abgesehen von der Kirche und zwei Kapellen – versteigert. 1811 wurde das Gnadenbild in die Pfarrkirche Siegsdorf gebracht. Die ein Jahr später erfolgte Versteigerung der Wallfahrtskirche wurde nach einem Monat wieder rückgängig gemacht, die Kirche am 7. November 1813 in aller Stille wieder geöffnet. Am 11. Dezember desselben Jahres wurde das Gnadenbild auf Vermittlung des damaligen Kronprinzen und späteren bayerischen Königs Ludwig I. zurückgebracht. 1816 wurden ein Wallfahrtspriester und ein Mesner genehmigt – das Kloster war 1803 aufgelöst worden. 1826 erbauten Frauen und Männer aus 31 Gemeinden ehrenamtlich die Straße auf diesen Berg – ein Votivbild erinnert bis heute daran.
1890 kaufte der ehemalige Franziskaner-Minorit Lorenz Totnan Seehuber das Klostergut und vermachte es den Franziskaner-Minoriten in Würzburg. Nach Verhandlungen mit der bayerischen Staatsregierung und dem Erzbischöflichen Ordinariat in München bezogen im August des Folgejahres Franziskaner-Minoriten das ehemalige Benediktinerkloster.
Keine Wallfahrten wegen Ausgehverbots
Einen zweiten erheblichen Einschnitt verzeichnet die Klosterchronik während der NS-Zeit. Zuerst wurden Wallfahrten an Werktagen verboten, dann die „wehrfähigen“ Ordensmänner eingezogen, von denen zwei im Krieg fielen. Im Mai 1945 herrschte schließlich Ausgehverbot, so dass in diesem Monat überhaupt keine Wallfahrten möglich waren. Erst im Juni kamen wieder Gläubige zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den gesuchten Berg. Besonders viele Pilger waren es 1954, als Papst Pius XII. zur Erinnerung an die Verkündung des Dogmas von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ 100 Jahre zuvor ein marianisches Jahr ausgerufen hatte.
„Wichtiger als Zahlen sind die Menschen, die kommen“, meint Wallfahrtskurat Bruder Markus Scholz. Sie werden im laufenden Heiligen Jahr am Kirchenportal mit einem Banner begrüßt, auf dem das Jahresmotto „Pilger der Hoffnung“ auf Latein zu lesen ist. Darüber hinaus erwarten Gäste eine Reihe besonderer Veranstaltungen: Jeden zweiten Mittwoch im Monat – das nächste Mal also am 9. Juli – gibt es ein Gespräch über die Enzyklika „Spe Salvi“ von Papst Benedikt XVI., dem berühmtesten Pilger an dem gesuchten Wallfahrtsort. Jeden ersten Samstag im Monat findet ein „Abend der Hoffnung“ statt. Er beginnt jeweils um 17 Uhr mit einem Gottesdienst. Am 2. August, dem „Portiunkula-Fest“, hält ihn der emeritierte Kurienbischof Josef Clemens mit einer Predigt zum Thema „Hoffnung durch Vergebung“. Anschließend besteht die Gelegenheit zur Beichte und zu einem Seelsorgegespräch. Unter dem Motto „Flamme der Hoffnung …“ wird am Sonntag, 24. August, ebenfalls um 17 Uhr der nächste Gottesdienst mit Neuen Geistlichen Liedern am Mitteregg-Stadl gefeiert. Diese Flamme wird danach am Lagerfeuer und am Grill weiterbrennen.
Karin Hammermaier
Lösung Folge 1:
In der ersten Rätselfolge suchten wir die von den Franziskaner-Minoriten betreute Wallfahrtskirche Maria Eck im Chiemgau. Aus den 385 bei uns eingegangenen Einsendungen haben wir die Gewinner ermittelt, die von uns schriftlich benachrichtigt werden. Alle richtigen Einsendungen haben zudem die Chance, bei der Schlussziehung unseren Reise-Hauptpreis zu gewinnen. (red)



