Ruhestand ohne Plan? So gelingt der Übergang
Der letzte Arbeitstag wird im Alltag oft herbeigesehnt – doch ohne Vorbereitung kann er zur Herausforderung werden. Autorin Bettina Musall und Pfarrer Thomas Frings zeigen, wie der Start in den neuen Lebensabschnitt gelingt.
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Seit Jahrzehnten klingelt der Wecker zur gleichen Zeit. Aufstehen, ein Kaffee, dann beginnt der Tag – vollgepackt mit Terminen, Verantwortung und dem guten Gefühl, gebraucht zu werden. Mails, Meetings, neue Ideen – das alles hat den Alltag strukturiert. Doch dann ist er da: Der letzte Arbeitstag. Der Wecker bleibt stumm. Und mit dem Ruhestand beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt.
Das Ende der Arbeitszeit ist ein gravierender Einschnitt im Leben. Und genau deshalb sei Vorbereitung wichtig, meint Bettina Musall. Sie ist Autorin des Buches „Das kann gut werden: Wie der Einstieg in den Ruhestand zum Aufbruch in ein neues Leben wird.“ „Wer wir sind, welche Rolle wir in unserem privaten Leben einnehmen und was wir in der Gesellschaft darstellen, hängt mit dem Beruf zusammen“, führt die 1956-Geborene aus. Arbeit sei mehr als ein Job und eine Überweisung aufs Konto, es gehe zum Beispiel auch um soziale Beziehungen. Wenn all das plötzlich wegfällt und nichts Neues kommt, kann sich das problematisch auswirken: „Wenn man sich nicht darauf vorbereitet, dann wird man kalt erwischt“, ist Musall überzeugt. Diese Erkenntnis hat sie aus vielen Gesprächen erlangt, die sie mit den verschiedensten Menschen über den Übergang in den Ruhestand für ihr Buch geführt hat.
Autorin und Journalistin Bettina Musall Foto: © Anna Boldt
Wer heute in Rente geht, hat laut OECD in Deutschland noch zwischen 18 und 23 Jahre Lebenszeit vor sich. Es geht es also um die Gestaltung des letzten Lebensviertels. Sich das bewusst zu machen, ändert die Perspektive, so die Autorin. Es gehe um weit mehr als nur den Übergang in den Ruhestand, sondern um Lebenszufriedenheit im neuen Lebensabschnitt.
Sich auf den Ruhestand vorbereiten
Bettina Musall arbeitete viele Jahre als Journalistin bei einem großen Magazin. Ihren letzten Arbeitstag hatte sie dort am Ende des Jahres 2021. Dem sah sie mit gemischten Gefühlen entgegen. Wichtig war ihr vor allem eines: zu wissen, was sie an Tag eins danach tun würde. Also begann sie, sich vorzubereiten – mit Fragen zu Finanzen, Gesundheit und Beziehungen. Sie rät jedem sich diese zu stellen: Reicht meine Rente? Wie viel brauche ich wirklich? Könnte ich weiterarbeiten – und wenn ja, wie viel? Bin ich gesund genug für meine Pläne? Was müsste ich ändern? Und wo sind meine wichtigsten Kontakte – im Job oder im Privatleben? Welche Beziehungen möchte ich erhalten? Lebe ich allein – und soll das so bleiben?
Zwischenbilanz ziehen: Sich Fragen stellen
Auch Theologe und Priester Thomas Frings empfiehlt, sich mit dem kommenden Lebensabschnitt auseinanderzusetzen – spätestens, wenn „die 6 vorne steht“, wie er sagt. Er macht das nicht an dem Eintritt in den Ruhestand fest. Es sei wichtig – da ist er mit Musall einig – sich rechtzeitig mit dem neuen Lebensabschnitt vertraut zu machen: „Ich muss wissen, dass das kommt.“ Er schlägt vor, eine Liste mit Dingen zu erstellen, die man immer schon mal machen wollte. Leitfragen dazu könnten sein: Was hat mir bisher gefehlt? Was möchte ich (noch) tun? Was würde ich gern in die Gesellschaft einbringen? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, kann ins Handeln kommen. Vielleicht entsteht daraus der Wunsch, sich ehrenamtlich zu engagieren – und man beginnt, gezielt nach Möglichkeiten zu suchen.
Neue Möglichkeiten sehen: WG im Alter
Auch Musall sieht Chancen darin, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Sie spricht bewusst nicht von Bilanz. Es bietet die Gelegenheit, sich für Neues zu öffnen – vielleicht auch, weil es sein muss. Sie selbst nennt ihre Wohnsituation als ein solches Beispiel. Die 100-Quadratmeter-Wohnung in München ist zu teuer – selbst für eine Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat. Und: zu groß für eine Einzelperson. Sie empfindet es als sozial ungerecht in einer Stadt wie München Wohnraum nicht freizugeben. Und gründete eine Wohngemeinschaft mit einer jungen Frau. Was sie ursprünglich nur ausprobieren wollte, hat sich seit fast sieben Jahren als feste Wohnform etabliert. Daran hätte sie früher nicht gedacht. Heute gefällt es ihr: „Ich freue mich nach Hause zu kommen“: Ohne sich aktiv mit der neuen Lebenssituation auseinanderzusetzen, wäre sie nicht auf die Idee gekommen. Es haben sich für sie so neue Möglichkeiten eröffnet.
Einen Teil ihres alten Lebens hat Musall beschlossen, fortzusetzen. So hat sie am Tag Eins ihres Ruhestandes mit dem Schreiben ihres Buches begonnen und arbeitet weiterhin für ihren alten Arbeitgeber. Derzeit überlegt sie, auch Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule zu unterrichten: „Da sehe ich einen Bedarf.“ Ehrenamtliche Tätigkeit schätzt sie, aber es ist ihr auch wichtig zu betonen, dass sich das nicht jeder leisten kann und es auch eine Form der Anerkennung sei, für Leistung bezahlt zu werden.
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Priester und Autor Thomas Frings Foto: © Stefan Sättele
Sinnsuche im neuen Lebensabschnitt
Auch Thomas Frings arbeitet im „Ruhestand“ weiter: „In meinem Kalender steht fast jeden Tag irgendein dienstlicher Termin.“ Für den Geistlichen ist sein Beruf auch Berufung. Gleichzeitig hat er sich Ehrenämter gesucht und zum Beispiel eine Familienpatenschaft übernommen. Frings ist Autor des Buches „Endlich alt“ und er ist davon überzeugt, dass das Materielle im Alter eine immer kleinere Rolle spielt, denn „am Ende des Lebens wird mir alles genommen“. Aus seiner Erfahrung heraus, spielt im Alter Spiritualität eine immer größere Rolle: „Was der Mensch bisher außen gesucht hat, sucht er jetzt innen.“ Das Bedürfnis nach Innerlichkeit wächst. Manche würden das beim Yoga, bei Spaziergängen durch den Wald oder auch im Gebet finden, so Frings. Wer sich bewusst dem Inneren stellen will, kann das auch in einer geistlichen Begleitung oder während Exerzitien.
Mehr Freiheit gewinnen
Beide erleben trotz Arbeit im Ruhestand eine neue Freiheit – besonders durch die freie Zeiteinteilung. Nicht mehr fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt. So kann sich Musall anderen Menschen zeitlich ganz anders widmen. Und sie genießt es, auch mal von Italien aus zu arbeiten. Vorher unvorstellbar. Nur durch die bewusste Auseinandersetzung mit dem neuen Lebensabschnitt wurde für beide aus dem Ende ein Aufbruch – weil sie sich vorbereitet haben.



