Authentisch leben
Mit Herz und Verstand entscheiden
Entscheidungen mit Herz und Verstand zu treffen, das gilt als Qualitätsmerkmal. Aber was genau bedeutet es eigentlich – und warum hilft es uns? Psychiaterin Constance Nahlik gibt Antworten.
Foto: © AdobeStock/AIExplosion (KI-generiert)
Nächstenliebe hat mit Herz und Verstand zu tun. Mit Gefühl – und mit dem Blick für die Auswirkungen, die das Handeln hat. Jesus erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Der hat vermutlich einen wichtigen Termin. Doch als er auf dem Weg einen Verletzten sieht, unterbricht er seine Reise, versorgt ihn und bringt ihn in eine Herberge. Herz und Verstand sind wichtig in unserer krisenhaften Welt. Auch, um die Demokratie zu schützen. Die Demonstrationen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass die meisten Menschen die Gefahr erkannt haben, die von Rechtsextremismus ausgeht. Viele tun etwas, schützen Migranten, entfernen Hasskommentare aus dem Netz oder helfen dort, wo Dörfer von Nazis unterwandert zu werden drohen.
Ängste überwinden und Widersprüche auflösen
Eine dieser Initiativen heißt „Gruppe beherzt“. Sie berät Menschen auf dem Land, wenn sie ihre Häuser verkaufen müssen, damit sie nicht Rechtsextremen in die Hände fallen. Der Name der Initiative sagt: Wir spüren Angst und haben die Gefahr mit dem Verstand analysiert. Aber nur reden hilft nicht, wir wollen handeln. In der Gemeinschaft solcher Gruppen können ungeahnte Kräfte entstehen. Und wichtiger als das Tun selbst ist für viele das Gefühl, sich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen. Beherzt zuzupacken löst also nicht nur Probleme von anderen. Es hilft auch, Ängste zu überwinden und innere Widersprüche aufzulösen. Vielleicht sagt das Herz: Es geht mir nicht gut damit, ich habe Angst. Doch der Verstand sagt: Du musst etwas tun. Oder: Nein, viel zu gefährlich! Was tun? Zu einer guten Entscheidung kommt man, wenn Verstand und Herz – manche nennen es auch Bauchgefühl – zusammenwirken.
„Wir haben alle ein Herz und einen Verstand, und wenn wir eine Entscheidung treffen, dann müssen wir beides übereinbringen.“
Das sagt Constance Nahlik, Psychiaterin im St. Joseph-Krankenhaus in Dessau. Mit Herz und Verstand, das ist ein Qualitätsmerkmal, es bedeutet: kraftvoll und weise zugleich. Solche Entscheidungen sind tragfähig und etwas, „mit dem ich langfristig zufrieden bin und nicht hadern muss“, sagt Nahlik. Außerdem geht es darum, „dass ich niemandem anderen schade“ – also dass einen später nicht das schlechte Gewissen plagt. Nur mit dem Herz zu entscheiden oder nur mit dem Verstand, das hat hingegen einen schlechten Ruf. Menschen, die allein ihrem Bauchgefühl folgen, müssen sich anhören: „Sei doch mal rational!“ Kopfmenschen wird vorgeworfen, sie hätten keine Gefühle. Dabei sind sie nur „nicht so gut im Wahrnehmen dessen, was sie da fühlen“, erklärt Nahlik.
Erst innehalten, dann entscheiden
Wie aber trifft man nun Entscheidungen mit Herz und Verstand? Zunächst mal, indem man beides trennt und sich ein wenig Zeit lässt. „Man sollte von sich selber nicht sofort eine spontane Reaktion fordern“, sagt Nahlik – egal wie schnell eine Entscheidung gefällt werden soll. Es sei völlig in Ordnung, innezuhalten und erst dann zu entscheiden. Denn „in diesem kurzen Stück Zeit passiert die Wahrnehmung dessen, was mich da gerade umtreibt“. Ist es Wut, Angst oder Traurigkeit? Müdigkeit oder Resignation? Und die, die schon einen Zugang zu ihren Gefühlen haben, „sollten schauen, welche Gedanken dann kommen“, sagt die Psychiaterin. Ist es die Sorge um das Familienmitglied, das sich immer weiter in extreme Positionen zurückzieht? Ist es der Gedanke: Du musst was tun? Oder die Angst, dass man ganz allein vor einem Problem steht?
Wer weiß, was sie oder ihn umtreibt, wird sich jedenfalls weniger von seinen Gefühlen und Gedanken unter Druck setzen lassen. Und kann „auch mit anderen Menschen ruhig, korrekt und wertschätzend kommunizieren“, sagt Nahlik.
Das Wissen um die eigenen Grenzen, aber auch um die eigenen Möglichkeiten trägt dazu bei, seinen Aufgaben und Herausforderungen standfest zu begegnen.
Dann macht man vielleicht, was man schon lange tun wollte: sein Erste-Hilfe-Wissen in Theorie und Praxis auffrischen, um im Notfall nicht hilflos zu sein. Sich eine Antwort zurechtlegen, wenn ein Familienmitglied rassistische Sprüche klopft. Eine begrenzte Zeit in der Woche mit einer Geflüchteten Deutsch üben. Wer tut, was sein Herz, aber auch sein Verstand ihm sagt, ist sich selbst treu. Er braucht es nicht mehr nur mit Schmerzen erdulden, wenn etwas gegen seinen inneren Kompass verstößt. Und kann handeln. Nahlik sagt, Herz und Verstand seien „beide wichtig, damit wir zu mündigen und aufrechten Menschen werden“.



