Beziehung
24.07.2026

Freundschaften im Wandel erhalten

Viele Freundschaften zerbrechen nicht im Streit, sondern im Alltag. Vor allem ab dem 30. Geburtstag werden sie auf die Probe gestellt. Eine Schriftstellerin erklärt, was gegen schleichende Entfremdung hilft.

Oft verändern sich Freundschaften in den Dreizigern - man kann sie trotzdem stärken. Oft verändern sich Freundschaften in den Dreizigern - man kann sie trotzdem stärken. Foto: © StockAdobe/Tyler Olsen

Henri, Katharina und Merle waren an der Uni wie Pech und Schwefel. Nun hat Merle ein Baby, Katharina hadert mit ihren Entscheidungen, Henri will im Job durchstarten, doch dann stirbt ihre Großmutter. Wie die Dreißiger viele Freundschaften verändern - davon erzählt Jette Kötschau in ihrem Debütroman "Dabei waren wir uns immer so nah", der am Freitag erscheint. Im Interview spricht die Autorin über Me-Time, Kaffeekränzchen und Einsamkeit.

In Ihrem Roman geht es um Freundschaften, die sich verändern. Ist dieses Thema eine Altersfrage?

Auf jeden Fall ist es eine Generationenfrage. Ich glaube, dass sich Freundschaften in den Dreißigern immer schon verändert haben - weil im Leben drumherum viele Dinge dazukommen, die Verantwortung erfordern: Jobs, Familiengründung, vielleicht ältere Verwandte, um die man sich kümmert. Freundschaften, die vorher selbstverständlich schienen, geraten in den Hintergrund - wenn man sich dessen nicht bewusst ist und Mühe hineinsteckt. In unserer Generation hat sich das durch Social Media verstärkt.


Inwiefern?


Oft hat man das Gefühl, dass man noch in Verbindung ist - etwa durch eine WhatsApp-Gruppe - und merkt nicht, wie diese Verbindung tatsächlich schwächer wird. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, die nach der Uni in andere Städte und teils sogar andere Länder gezogen sind. Natürlich bin ich dankbar dafür, dass wir auf kurzem Wege miteinander kommunizieren können. Aber kürzlich haben wir in dieser Clique mal wieder ein komplettes Wochenende miteinander verbraucht - und diese echte Zeit ist nicht zu ersetzen.

Die Autorin Regina Denk erklärt, wir hätten noch nicht gelernt, online Zwischentöne zu transportieren. Trägt das zur Entfremdung bei?

Auf jeden Fall. Zwischentöne kommen ja oft durch eine unmittelbare Reaktion zustande, in der man sich vielleicht noch nicht klar zu etwas positioniert. Reaktionen auf Social Media oder in Chats sind eben nicht unmittelbar. Wenn mir eine Freundin zum Beispiel etwas Trauriges erzählt, wird mein Trost über WhatsApp nie so echt und direkt sein können, als würde sie vor mir sitzen.

Medial vermittelt, denkt man bewusster über die Reaktion nach und kuratiert sie gewissermaßen genauer, als wäre man persönlich zusammen. Vermutlich wird es nie möglich sein, über Medien so zu kommunizieren, wie wir es von Mensch zu Mensch tun.

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Die verblassende Verbindung, die Sie angesprochen haben, beschreiben Sie im Buch sehr subtil. Was hilft dagegen?


Sehr viele Menschen haben das Problem, dass sie nie gelernt haben, Freundschaften zu priorisieren. In der Schule, zu Unizeiten oder über die Arbeit trifft man sich sowieso ständig im Alltag. Wenn sich diese Lebenssituation ändert, muss man überlegen: Wie wichtig ist mir diese Person? Und wenn sie mir so wichtig ist wie meine Familie oder mein Partner, dann muss ich den Schritt gehen, auch mal in Kontakt zu treten, wenn es sich unbequem anfühlt.

In den vergangenen Jahren war es ein großes Thema, Grenzen zu setzen, sich Me-Time zu nehmen und zu schauen, was man selbst gerade braucht. Das trägt leider auch dazu bei, dass sich befreundete Menschen voneinander entfernen. Im besten Fall fühlt sich eine Freundschaft leicht an und erfüllt alle Bedürfnisse - aber dauerhaft trifft das wohl auf keine zwischenmenschliche Beziehung zu. Daher finde ich es wichtig, auch mal Dinge auszuhalten oder zu tun, einfach weil man jemanden liebhat.

Den Selfcare-Abend also vielleicht verschieben, wenn eine Freundin um ein Telefonat bittet?


Antwort: Ich habe zwei sehr enge Freundinnen, und wir versuchen eigentlich ständig, uns zu dritt zu treffen. Die Terminfindung ist sehr schwer - aber ich frage mich: Haben wir wirklich niemals zwei Stunden, die sich überschneiden könnten? Kürzlich gab es bei mir dann einen Notfall - und beide hatten spontan Zeit, noch am selben Tag. Das zeigt mir, dass man manchmal prüfen kann: Geht es wirklich nicht? Oder fühle ich mich von allen Seiten vom Alltag überrollt?

Ein Wiedersehen ist nicht nur dann wertvoll, wenn es einen ganzen Nachmittag oder ein ganzes Wochenende dauert. Wichtig ist, sich diese Zeit zu nehmen.

Im Buch geht es auch um Neid und Scham - Gefühle, die man sich und anderen eher ungern eingesteht. Wie wichtig wäre dieser Schritt?

Antwort: Ich glaube, sehr wichtig. Meine Figur Katharina hat im Buch noch kein Kind und schaut daher ein bisschen neidisch auf Merle mit ihrem Baby. Anfangs kann sie die Situation kaum ertragen, will sich zurückhalten, schafft es aber nicht. Wenn man aber an einer Freundschaft festhalten will - trotz solcher Schwierigkeiten -, muss man wohl lernen, mit solchen Gefühlen umzugehen. In einer guten Freundschaft kann man auch über negative Gefühle sprechen - und gemeinsam eine Lösung finden.

Dann gibt es noch Frieda, eine ältere Frau, die für Henri zu einer Art "Freundin auf Zeit" wird. Haben wir zu starre Vorstellungen von Freundschaft?

Mit der Figur Frieda wollte ich deutlich machen, dass nicht jede Freundschaft für alle Situationen passen muss. Auch fühlen sich Freundschaften unterschiedlich an - und das ist völlig okay. Frieda wird nicht dauerhaft in Henris Leben bleiben, aber genau in diesem Moment, in dieser Krise, ist sie die richtige Person, und die beiden finden eine freundschaftliche Basis. An Frieda finde ich außerdem noch einen anderen Aspekt wichtig.

Welchen?

Sie war die beste Freundin von Henris Großmutter. Die Frage, wie man Freundschaften ins höhere Lebensalter tragen kann, ist komplex. Viele rutschen in die Kernfamilienbildung hinein, machen nur noch als Familie etwas zusammen - und was ist, wenn die Kinder eines Tages aus dem Haus sind? Es ist wichtig, Freundschaften weiterzuentwickeln, auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Einsamkeit in der Gesellschaft.

Studien belegen inzwischen, dass Kaffeekränzchen gut für die Gesundheit sind. Kann man zu solchen Formen zurückfinden?

Sie finden ja zum Glück immer noch statt. Sich treffen, quatschen, in Freundschaften auf dem Laufenden bleiben - da merken sicherlich die meisten, dass ihnen das guttut und Einsamkeitsgefühlen entgegenwirkt. Ich glaube nicht, dass digitale Kommunikation das ersetzen wird, sondern eher ergänzen - wie sie das ja größtenteils schon tut. Momentan sehe ich einen Trend zurück zum Analogen und den Wunsch nach echter zwischenmenschlicher Verbindung.

Zugleich geben Menschen in Umfragen an, dass KI-Chatbots ihnen besser helfen als jede echte Person. Ist das eine Gefahr für das Miteinander?

Ich hoffe, dass vielen doch bewusst ist, dass ein echtes Gegenüber in jedem Fall die bessere Variante ist. Ich kann die Faszination für Künstliche Intelligenz durchaus nachvollziehen, und ich verstehe den Wunsch nach Bestätigung, die KI einem letztlich gibt. Aber ich finde es befremdlich, wenn Menschen sie wie einen besten Freund nutzen - wobei das immer von individuellen Umständen abhängt. Am Ende bekommt man nichts Echtes - aber man selbst als Empfänger ist echt, und die KI-Ansprache macht etwas Echtes mit einem.

Interview: Paula Konersmann

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Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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