Persönlichkeitsentwicklung
13.09.2025

Im Fitnessstudio

Für den Körper ist Sport gesund, aber im Sportstudio macht unser Autor Frank Berzbach auch noch ganz andere Erfahrungen.
    

Als Schriftsteller bin ich Schreibtischtäter, und hinzu kommt meine Leidenschaft fürs Lesen; Bewegungsmangel gehört daher zu den Risiken meiner Berufung. Wenn ich zu viel sitze, macht sich mein Rücken bemerkbar. Da das naheliegende Schwimmbad wegen Renovierung geschlossen wird, bin ich in einem Sportstudio angemeldet. Es liegt nur wenige Minuten Fußweg von meinem Schreibtisch entfernt, und vier Mal in der Woche laufe ich am frühen Morgen hin. Dass ich nicht der Einzige bin, lese ich sogar in der Zeitung. Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland in einem Fitnessstudio angemeldet wie heute. Nach nun etwa einem Jahr kenne ich auch die Gründe, warum so viele Menschen dort trainieren: Es geht dabei keineswegs nur um einen gesunden oder schönen Körper.

Ein anderes Café

Im Eingangsbereich des Studios stehen ein paar Tische und Stühle in Laufweite des Kaffeeautomaten. Jeden Morgen sitzen dort die üblichen Verdächtigen, auch einer meiner Schriftstellerkollegen mit seiner Frau. Es gibt einen recht großen Anteil an Menschen, die sieben Tage die Woche ins Studio gehen. Erst musste ich darüber schmunzeln, weil ich einige von den Kaffeetrinkern noch nie trainieren sah. Es sind oft die höheren Semester, ältere Damen und Herren, die das Studio zu ihrem Stammcafé gemacht haben. Sie trainieren auch, aber nicht nur. Sie sind mit über 70 noch erstaunlich fit. Seit mein Schriftstellerkollege mir irgendwann in der Umkleidekabine einen dieser Männer vorgestellt hat, einen pensionierten Lehrer, habe ich das Gefühl, Teil einer kleinen Gemeinschaft zu sein. Er kennt nämlich jeden, der hier ein- und ausgeht.
    

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Das Sportstudio als Auskunftsbüro

Meine Erfahrung im Studio ist also nicht nur körperlich. Wer Sport treibt, der spürt die positiven seelischen Folgen – am Morgen eine Stunde Training prägt den ganzen Tag, ich bin besser gestimmt. Aber neben gesundem Körper und gesundem Geist stehen viele Sportstudios heute für eine neue Form der Geselligkeit, die früher eher in Stammkneipen ihre Heimat hatte. Mein Studio ist ein Kontakthof, ein Auskunftsbüro; es ist ein Mittel gegen die Einsamkeit und doch leicht und unverbindlich.

Inzwischen weiß ich, dass jede Frage, die ich zu der Region habe, in der ich lebe, hier beantwortet werden kann. Ich sitze auf dem Rudergerät neben dem pensionierten Lehrer, frage ihn etwas, und wenn er die Frage nicht selbst sofort beantwortet, dann sagt er: „Das fragen wir gleich den Fritz, der lebt seit 70 Jahren an der Ecke dieser Straße; er wurde dort geboren und er weiß alles über das Viertel.“ Oder er sagt: „Das weiß der Heinz, der sitzt vorn, und dem gehörten früher alle wichtigen Clubs und Diskotheken der Stadt.“

Manche Geschichten sind witzig: Hier trainieren Leute, die sich vor 40 Jahren im Gefängnis kennen gelernt haben – oder an der Universität. Die Vielfalt ist endlos: von der Literaturprofessorin bis zur Gastrolegende, von pensionierten Installateuren, die in ihrem Leben 18-mal auf Jamaica waren, aber sonst außer Köln keinen einzigen Ort kennen, bis zu Mitarbeitern im Finanzamt, Leute aus dem Stadtrat oder Verwandte von Bischöfen, berühmte Schriftsteller, ehemalige Boxer, halbseidene und seidene Gesellen. Mein pensionierter Lehrer ist sein ganzes Leben gereist, er weiß alles über Musik, war Ende der 1960er schon im Swinging London. Er ist enorm belesen und weist mich auf die besten Konzerte, Museen oder Ausstellungen hin – in ganz Europa.


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Ein inspirierender Ort

Seit ich trainiere, habe ich Zugang zu einem lebendigen Kulturjournal; ich weiß mehr über die Geschichte und Gegenwart von Köln und habe am Morgen sofort eine Stunde Geselligkeit, nur weil ich auf einem Rudergerät sitze oder Hanteln bewege. In Zeiten, in denen europäische Länder Ministerien gegen die Einsamkeit gründen, ist das ein hohes Gut. Was früher oft in Sportvereinen geschah, hat sich heute in die Fitnessstudios verschoben; und hier geht es nicht um Wettkampf oder den Aufstieg in die nächste Liga. Hier kann es auch behäbig zugehen, in der Leistungsgesellschaft schon eine Errungenschaft. Auch meinem Rücken geht es besser – aber das Sportstudio ist auch meiner Schriftstellerei zuträglich …

Dr. Frank Berzbach
Artikel von Dr. Frank Berzbach
ist freier Autor und unterrichtet Philosophie und Literatur an der TH Köln. Zuletzt erschien von ihm: Die Kunst zu glauben. Eine Mystik des Alltags. bene!-Verlag, 2023. Mehr unter: www.frankberzbach.com