Freude setzt Zuversicht frei
Wie Freude in Krisenzeiten Resilienz stärkt und das persönliche Leben bereichert.
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„Eigentlich wollten mein Mann und ich eine lang geplante Reise machen, aber darf ich in diesen Zeiten einen solchen Urlaub überhaupt genießen?“ Dies schrieb mir eine Hörerin meines Podcasts ganz.schön.mutig wenige Tage nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine. Grundsätzlicher gefragt: Ist es nicht ein ungebührlicher Luxus, angesichts der vielen Krisen unserer Welt an die eigene Freude zu denken?!
Mit Gewinn habe ich das Lebenszeugnis von Desmond Tutu und des Dalai Lama gelesen. In ihrem gemeinsamen „Buch der Freude“ münden ihre Lebenserfahrung und die Weisheit ihrer Weltreligionen in die zentrale Erkenntnis: Nur tief empfundene Freude kann sowohl das Leben des Einzelnen als auch das globale Geschehen spürbar zum Positiven wandeln! Denn sobald Menschen der Freude erlauben, ihr Herz zu weiten, stärken sie ihre Fähigkeit, mit Krisen umzugehen. Stärken sie die Kraft der Zuversicht. Freude ist eine zentrale Quelle, aus der sich Zuversicht speist! Dass dies mehr ist als ein bloßes Wunschdenken ist, sei an zwei Auswirkungen von Freude verdeutlicht.
Freude richtet auf
Freuen wir uns, dann richtet sich unser Körper auf. Wir gehen beschwingten Schrittes und nehmen drei Stufen auf einmal. Unsere Augen beginnen zu strahlen und unser Gesicht hellt sich auf. Bereits dieser Körperausdruck zeigt, dass Freude ein Gegengewicht zu Dunkelheit und Erdenschwere bildet und Anspannung löst. Freude richtet auf. Für einen Augenblick stimmt einfach alles: innen und außen! Ich kann fraglos Ja sagen zum Augenblick. Ein Gefühl von Vitalität erfasst mich und stärkt das Vertrauen in mich und ins Leben. Denn ich spüre, dass ich nicht einfach nur ins Leben geworfen, sondern auch von ihm getragen bin. Die Woge der Freude gleicht einem Dankeschön an das Leben.
Wie Emotionen Wahrnehmung beeinflussen
Zahlreiche Studien zeigen: Positive und negative Emotionen wirken sich unterschiedlich aus auf unser Wahrnehmen, Denken und Handeln. Ein Blick auf die eigene Lebenserfahrung bestätigt dies. Dazu brauchen Sie sich nur zwei unterschiedliche Tage in Erinnerung zu rufen. Der erste beginnt vielleicht damit, dass Sie nach einer unruhigen Nacht mit dem berühmten linken Bein aufgestanden sind – und dies auch noch 15 Minuten zu spät. Ihre pubertierende Tochter besetzt gefühlt stundenlang das Bad, in der Eile kippt Ihnen die Kaffeetasse um und den Autoschlüssel können Sie auch nicht finden. Hektisch leeren Sie Ihre Handtasche aus, um den Schlüssel irgendwann im Mantel zu entdecken, in den Sie ihn gestern Abend vorsorglich gesteckt hatten. Mit einem leisen Fluch springen Sie ins Auto und … Hier überlasse ich die Schilderung des weiteren Tages Ihrer eigenen Fantasie.
Nun denken Sie an einen Tag, der auf einem positiven Gleis eingespurt gewesen ist: Nach einer unruhigen Nacht stehen Sie auf – und dies 15 Minuten zu spät. Sie denken: „Ach, immerhin habe ich eine Viertelstunde länger ausgeruht.“ Ihre Tochter braucht lange im Bad, und Sie schmunzeln in sich hinein: Ob sie sich für den Jungen herausputzt, in den sie sich verliebt hat? Sie nutzen die Wartezeit, um in Ruhe Ihren Kaffee zu trinken und können Ihren Autoschlüssel nicht finden. Als Sie ihn im Mantel entdecken, in den Sie ihn vorausschauend gesteckt hatten, murmeln Sie anerkennend: „Manchmal bin ich schlauer als gedacht!“ Sie setzen sich ins Auto und … – Auch hier sei der weitere Tagesverlauf Ihrer Fantasie überlassen: Ihre Kreativität und Leistungskraft am Arbeitsplatz, Ihre Kontakte und Gespräche, der Familienchat und der Feierabend …
Grundsätzlich gilt: Negative Emotionen engen unsere Wahrnehmung ein. Packt einen etwa die Angst, dann kommt es einem so vor, als hätte man nur eine einzige Option, nämlich: „Nur weg hier!“ Im Unterschied dazu öffnen positive Emotionen unser Herz und unseren Geist. Empfinden eine Person beispielsweise Freude, dann ist sie in der Lage, mehr Signale aufzunehmen und zu verarbeiten. Und das unterstützt wiederum ihre geistige Flexibilität. Sie wird kreativer und ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen, verbessert sich. Pointiert gesagt: Freude tut gut und macht klug!
Wenn Freude und Angst miteinander ringen
Angst und Sorge machen sich dadurch natürlich nicht vom Acker! Wer aber Beides in sich wahrnehmen sollte – Freude und Angst –, kann sich beglückwünschen. Denn dadurch gewinnt man einen inneren Freiraum und kann sich fragen:
„Wem will ich (mehr) Glauben schenken: meiner Freude, dass sich mir hier und jetzt das Leben in seiner Schönheit zeigt? Oder meiner Angst, die mir das Glück des Augenblicks raubt und mich besorgt in die Zukunft starren lässt?“
Der christliche Glaube lädt ein, dass wir jenen inneren Bewegungen Gehör schenken, die uns innerlich weit machen und unsere Freude stärken. Der Glaube ermutigt, den lichten Augenblick zu bejahen dank des Vertrauens, dass sich die ganze Welt einem schöpferischen göttlichen Geheimnis verdankt. Und dass es gut ist, in dieser Welt zu sein.
Praxistipp: Fähigkeit zur Freude kultivieren
Statt ständig darüber nachzudenken, was Sie an sich und Ihrem Umfeld „reparieren“ wollen, können Sie sich täglich einfach einen Moment Zeit gönnen, um das zu bewundern, was keiner Reparatur bedarf. Und so der Dankbarkeit und Freude Raum geben.
Zurück zur Eingangsfrage: Sollte bei den vielen drängenden Herausforderungen unserer Zeit die Sorge um das persönliche Glück nicht in den Hintergrund treten?! – Ich halte es für keinen ungebührlichen Luxus, angesichts der Krisen unserer Welt an die eigene Freude zu denken. Und ebenso wenig erscheint es mir sinnvoll, die Fähigkeit zur Freude zu begraben, wenn man selbst in einer Krise steckt. Denn Freude stärkt die Fähigkeit, mit den kleinen und großen Widrigkeiten umzugehen. Wer der Freude erlaubt, sein Herz zu weiten, kultiviert die Kraft der Zuversicht.



