Trauerbewältigung digital
Wie Computerspiele bei der Trauer helfen können
Computerspiele als Trostspender? Games Studies-Experte Arno Görgen zeigt im Interview, warum digitale Welten mehr können als nur ablenken. Von virtuellen Gedenkstätten bis zu Spielen wie „Arise“ oder „Gris“, die Trauerprozesse einfühlsam begleiten.
Im Game "Gris" durchläuft die Spielfigur die fünf Phasen der Trauer. Foto: © Arno Görgen
Wer trauert, sucht oft Halt bei Partnern, Freunden oder in der Therapie. Doch es gibt auch ungewöhnlichere Wege, um Verlust zu verarbeiten – zum Beispiel durch Computerspiele. Arno Görgen von der Hochschule der Künste Bern ist Experte für „Game Studies“ und erklärt, wie digitale Welten bei der Trauerbewältigung unterstützen können.
Inwiefern können Computerspiele helfen, Trauer zu bewältigen?
Man muss grundsätzlich erstmal unterscheiden: man kann natürlich in einer Trauersituation Spiele nutzen, um sich einfach abzulenken. Es ist nachgewiesen, dass z.B. ein Spiel wie Tetris in der Traumasituation gespielt, die Verankerung eines Traumas sehr stark abschwächt und es z.B. hilft, posttraumatische Probleme zu verhindern. Das ist ein Weg, Spiele zu nutzen.
Dann gibt es das Multimassive Player Online Game, also ein Spiel, wo tausende Spieler sich versammeln und gemeinsam spielen. Wo es gemeinsame Mahnwachen gibt, gemeinsame Friedhöfe und Gedenkstätten, wo eben gemeinsam verstorbener Spieler und Spielerin gedacht wird und auf diese Weise Trauerarbeit geleistet wird.
Und dann haben wir ein drittes Feld, wo man quasi kunsttherapeutisch von Trauerarbeit sprechen kann, weil Spiele sich dann wirklich dezidiert mit Trauersituationen auseinandersetzen. Wo dann jemand im Spiel verstirbt und dann im Spiel auch diese Trauersituation aufgearbeitet wird.
Arno Görgen forscht an der Berner Fachhochschule zu Game Studies und Medical Humanities. Foto: © Arno Görgen
Können Sie uns konkrete Beispiele für therapeutische Spiele nennen?
Also ich habe kürzlich z.B. „Arise“ gespielt. Das ist ein ganz wundervoll herrlich designtes Spiel, bei dem man einen verstorbenen Normannen oder Wikinger spielt. Und gleich zu Beginn sieht man, wie er entsprechend dieser Kultur auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird, also der Leichnam. Und das Spiel entwickelt sich dann so weiter, dass man in verschiedenen Episoden die Lebensstationen dieses Wikingers nachspielen kann. Und diese Erinnerung umfassen von der Geburt, von der Familie, von schönen Momenten bis aber auch zum Erleben von Trauer und vom Verlust z.B. des eigenen Kindes, Situationen, die eben so ein Leben mit sich bringt. Man nähert sich da auf eine unglaublich empathische und gefühlvolle Weise der Trauer an und das Spiel zeigt eben auch, wie man solche Trauersituationen überwinden kann.
Ein weiteres Spiel wäre „Gris“, ein spanisches Spiel, wo man eine Frau spielt, die Hürden überwinden muss, sich durch eine fantastische Welt bewegen muss und im Laufe des Spiels die fünf Phasen der Trauer überwinden muss. Und diese fünf Phasen sind in verschiedenen Farben dargestellt: das sind dann das Nicht-wahrhaben-wollen, der Zorn, die Wut über das, was passiert ist, das Verhandeln - also könnte es nicht doch irgendwie anders sein - Depressionen und am Ende dann eben die Akzeptanz. Die fünf Phasen der Trauer sind in der Trauerpsychologie sehr bekannt und viele Spiele greifen eben das auf, unter anderem eben auch Gris und das tut es auf eine sehr gefühlvolle Art und Weise. Und die Musik ist wundervoll.
Was macht Spiele besonders gut für die Trauerbewältigung?
Ein Merkmal der meisten Spiele, die sich mit Trauer befassen, ist, dass sie einem versuchen, eine gewisse Wärme an die Hand zu geben, eine gewisse Wohlfühlumgebung, die die Spielerinnen und Spieler aufnimmt und nicht abstößt. Und versucht, wirklich empathisch auf sie zuzugehen und so auch eine Ebene zu schaffen, auf der miteinander kommuniziert wird. In der man also annehmen will, was auf dem Bildschirm passiert.
Typisch für Spiele, die sich mit Trauer auseinandersetzen, ist auch neben diesem Anheimeligen, dass das oft Spiele sind, die relativ einfach zu spielen sind. Also auch wenn man nicht viel Spielerfahrung hat, ist der Einstieg meistens nicht sehr schwer.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
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Für wen sind solche Spiele geeignet?
Ein guter Ansatz ist schon mal, wenn man eine Spielekonsole oder einen Computer im Haus hat. Oder auch ein Handy, da gibt es auch gute Spiele. Es sind auch gerade Haushalte, in denen die Kinder spielen, wo man auch darüber einen Zugang finden kann und dann eben auch sagen kann: "Hey, spielen wir das doch mal zusammen." Also dieses gemeinsame Spielen ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich mache das auch sehr gerne mit meinen Töchtern. Wir erleben dann gemeinsam Trauersituationen im Spiel und können dann natürlich auch da drüber sprechen.



