Krisen und Chancen
16.08.2025

Trauerbegleitung im ICE

Eine Frau in einem ICE, die leise weint und nicht damit aufhört. Unserem Kolumnisten Alois Bierl ist es schwergefallen, sie deshalb anzusprechen. Er tut es dennoch – und hat das Gefühl, dass es richtig war.
    

Verlegen rutsche ich auf meinem Sitz im ICE hin und her, ziehe dann das Buch, in dem ich lese, etwas näher an mich heran. Im Waggon sind kaum Fahrgäste, zwei Reihen vor mir sitzt allein eine elegante Frau an einem Vierertisch, die ich immer sehe, wenn ich den Blick hebe. Hochmütig und trotzig schaut sie aus dem Fenster – so kommt es mir vor. Aber was soll's, darüber brauche ich mir keine Gedanken zu machen, ob mir die Passagierin deshalb unsympathisch ist. Wir haben nichts miteinander zu tun, und so kann es auch bleiben. Vielleicht hat sie ja ebenfalls irgendein Vorurteil über mich gefasst, wenn sie sofort meinem zufälligen Blick ausweicht – und das ist genauso unerheblich wie das meine.

Es ist nicht einfach, Tränen auszuhalten – nicht einmal fremde

Spätestens an der Endstation trennen sich unsere Wege für immer, wie bei tausenden Mitpassagieren zuvor. Aber jetzt sehe ich: Diese Frau weint – ganz still. In einem Moment schluchzt sie kurz auf, versucht aber sofort, sich wieder in den Griff zu bekommen, und es gelingt ihr auch. Und so geht das 15 Minuten lang und nimmt kein Ende.

Es kommt mir so vor, als wolle sie in Ruhe gelassen werden, aber schließlich kann ich es nicht mehr aushalten, stehe auf und gehe auf die Frau zu. „Sie fühlen sich wahrscheinlich irgendwie unwohl“, sage ich. „Brauchen Sie Hilfe?“ Die Frau sieht mich an, und jeder müsste jetzt bemerken, wie abgrundtief traurig sie ist: „Meine Mutter ist heute gestorben, und ich habe es gerade erfahren.“ Es sei abzusehen gewesen, ergänzt sie noch – und schweigt dann.

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Nun weiß ich Bescheid. Einfach zu sagen: „Das tut mir sehr leid“ und sich wieder auf den alten Platz zu setzen, fühlt sich passend und unpassend zugleich an. Dann würde ich wieder verlegen hin- und herrutschen, also frage ich die Frau lieber, ob ich ihr aus dem Speisewagen etwas zu trinken holen soll. Es könnte ihr ja über dem Schock dieser Nachricht der Kreislauf wegsacken. Aber Wasser oder Kaffee braucht sie nicht. „Ihre Mutter ist Ihnen sicher nahegestanden“, sage ich schließlich, um nicht nur unschlüssig am Vierertisch herumzustehen.

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Da bleiben und schweigen

„Ja“, erwidert sie, „aber entschuldigen Sie, darüber will ich jetzt nicht mit einem Fremden reden. Doch Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie hier gegenüber Platz nehmen.“ Dann schaut sie wieder aus dem Fenster – und mir kommt das gar nicht mehr hochmütig vor. Ich hole mein Buch und setze mich an den zugewiesenen Platz, lese zerstreut. Es fällt mir schwer, das Schweigen der Trauernden auszuhalten, aber wenn sich unsere Blicke ab und an treffen, dann gibt sie mir zu verstehen, dass ich sitzen bleiben soll.

Ich erinnere mich an meine Kindheit, in der es mir in unbehaglichen oder schwierigen Momenten Trost gegeben hat, wenn Menschen dabei waren, die mir gerade nicht so vertraut waren. Sie waren wie ein Schutz, schufen Abstand und Stille, die sich beim gemeinsamen Schimpfen oder Klagen mit den nächsten Angehörigen nie eingestellt hätten. Ganz alleine hätte ich in diesen Momenten allerdings auch nicht sein wollen. Vielleicht geht es der Frau gegenüber ähnlich, die jetzt einfach in Ruhe weinen will, aber nicht nur für sich sein möchte. Ihr Mobiltelefon hat sie vor sich auf den Tisch gelegt, es ist stummgeschaltet, und sie nimmt die Anrufe nicht an, die sie erreichen.

Zwei Stunden geht das so, bis wir miteinander an der Endstation aussteigen. „Danke, dass Sie mich ausgehalten haben“, sagt sie noch, und wir winken uns zum Abschied kurz zu. Dann trennen sich unsere Wege für immer – aber nicht wie bei tausenden anderen Passagieren zuvor.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.