Krisen und Chancen
09.09.2025

Leben mit Bürgergeld: Ein Monat am Limit – und was wir daraus lernen können

Wie fühlt es sich an, von 563 Euro im Monat zu leben? Mitglieder einer Pfarrgemeinde wagen den Selbstversuch. Ihre Erfahrungen zeigen, was Verzicht bedeutet – und warum der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhängt.
    

Wer Bürgergeld empfängt, muss seine Ausgaben gut im Blick behalten. Diese Erfahrung haben die Teilnehmenden des Selbstversuchs gemacht. Wer Bürgergeld empfängt, muss seine Ausgaben gut im Blick behalten. Diese Erfahrung haben die Teilnehmenden des Selbstversuchs gemacht. Foto: © I- stock.adobe.com

Sebastian Englert sitzt mit alten Schulfreunden in einem Café. Er bestellt einen großen Cappuccino. Bei der zweiten Runde setzt er aus. Irritierende Stille. Es fällt auf, dass er nicht mehr konsumiert, aber keiner sagt etwas. Drei Stunden vergehen – die anderen genießen neben Kaffee auch Kuchen. Sebastian trinkt weiter an seinem Cappuccino. Vier Euro hat er gekostet, viel Geld für eine Tasse Kaffee.

Die Situation beschreibt der Pastoralassistent aus Gröbenzell, als er über das Bürgergeld-Experiment berichtet. Einen Monat haben er und zehn andere Gemeindemitglieder versucht, mit dem Betrag des Bürgergelds auszukommen. Für ihn als Einzelperson 563 Euro. An diesem Nachmittag im Café wurden für ihn die Konsequenzen „spürbar und merklich“.

In den Wochen hat Sebastian die Erfahrung gemacht, dass er zu vielen Dingen nicht mehr hingegangen ist, weil er befürchtet hat, dort zu viel Geld loszuwerden. So geht es auch der Teilnehmerin Eva-Maria Heerde-Hinojosa. Ihre Freunde hätten sie sicher eingeladen, aber sie wäre sich dabei „minderwertig“ vorgekommen. Sie spricht von einem inneren Rückzug: Das eigene Empfinden steht einem im Weg, Unterstützung anzunehmen.

Verzicht im Alltag

Zu Beginn des Experimentes haben sich die Teilnehmenden informiert, was von dem Beitrag alles gezahlt werden muss. Laut der Bundesagentur für Arbeit werden Kosten für Unterkunft und Heizung übernommen, sofern diese angemessen sind. Einmalig kann auch die Erstausstattung für eine Wohnung beantragt werden. Für Strom, Telefon/Internet, Kleidung, Hygieneartikel, Freizeitangebote und nicht verschreibungspflichtige Medikamente muss jeder selbst aufkommen. Pflichtversicherungen werden übernommen, private Versicherungen müssen selbst bezahlt werden. Die Kosten für die tägliche Ernährung machen da nur einen kleinen Teil aus, fasst der Gemeindereferent zusammen.

Für Sonderausgaben reicht das Geld nicht, da sind sich die beiden einig. Eva-Maria Heerde-Hinojosa hat in der Halbzeit des Experiments gemerkt, dass sie etwas für die Seele braucht. Die Blumen, die sie sich sonst immer gekauft hat, und ihre Freunde spontan zu beschenken, habe ihr gefehlt. Englert ist kreativ geworden und hat für seine Schwester kurzerhand ihr Geburtstagsgeschenk selbst gebastelt, ein Malen-nach-Zahlen-Bild. Psychologe Hendrik Berth sagt: „Das, was viele als belastend erleben, ist eigentlich etwas Gutes.“ Das Bürgergeld verpflichte dazu, sich wieder Arbeit zu suchen. Das sei die Hauptaufgabe.
    

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Scham und Bürgergeld

Bürgergeld zu empfangen, geht auch mit der Umgestaltung des eigenen Lebens einher, sagt Berth. War der Restaurantbesuch mit der Familie, Mitgliedsbeiträge für einen Verein oder Kino früher selbstverständlich, stünden sie nun auf dem Prüfstand, weil sie zu kostenintensiv sind.

Oft spiele auch Scham eine große Rolle, so der Psychologe im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP). Grund dafür sei die Unterstellung „man liegt den anderen auf der Tasche“, aber auch das Eingeständnis, von den Steuergeldern der Solidargemeinschaft finanziert zu werden. Außerdem habe in unserer Gesellschaft Arbeit einen sehr hohen Stellenwert. Es gehe nicht nur um Gelderwerb, sondern auch um die Definition der eigenen Person. Eine der ersten Fragen ist oft die nach dem Beruf.

Arbeitslosigkeit macht krank

Forschung zeigt: Längere Arbeitslosigkeit führt oft zu sozialer Isolation – nicht nur im Job, sondern auch im Freundeskreis. „Die Folgen von Arbeitslosigkeit sind auf psychischer Seite alle negativ“, so Hendrik Berth, der Professor an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden ist. Menschen ohne Arbeit leiden häufiger an Depressionen, Angststörungen oder körperlichen Beschwerden.

Es sei wichtig, „die Power aufrechtzuerhalten“. In der Psychologie spricht man von Selbstwirksamkeit. Es geht darum zu erfahren, „dass ich mich mit meinem eigenen Tun aus dem Dreck ziehen kann“. So könnte man sich eigene Ziele setzen, wie z. B. jeden Tag eine Bewerbung zu schreiben.

Je länger Bürgergeld bezogen wird, desto schwerer fällt Motivation: „Wer ständig Job-Absagen erhält, bewirbt sich vielleicht irgendwann nicht mehr.“ Autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation könnten helfen, Resilienz aufzubauen. Dadurch lasse sich mit schwierigen Situationen besser umgehen.


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Ist der Mensch nur so viel wert wie seine Leistung?

Eva-Maria Heerde-Hinojosa ist dankbar für die Erfahrung. Sie wollte ihre Sensibilität mit dem Experiment vertiefen. Bis heute macht sie öfter einen Kassensturz. Auch sei ihr bewusst geworden, nicht alles selbst besitzen zu müssen. Ein Raclette-Set für einen Abend mit Freunden hat sie sich kurzerhand geliehen. Seit mehreren Jahren engagiert sich Heerde-Hinojosa in der Flüchtlingsarbeit. Sie treibt die Frage um, was man tun kann, damit Menschen nicht dauerhaft in der Situation - abhängig vom Bürgergeld - leben müssen.

Aus christlicher Sicht hängt der Wert eines Menschen nicht davon ab, ob er arbeitet oder Geld verdient. Jeder Mensch ist wertvoll, weil er von Gott gewollt und geliebt ist (Gen 1,27). Arbeit kann wichtig und sinnvoll sein, aber sie macht einen nicht erst zu „richtigen“ Menschen. Wenn jemand Unterstützung wie das Bürgergeld braucht, ist das kein Makel, sondern Teil des Miteinanders: In der Bibel heißt: „Einer trage des anderen Last.“

Sebastian Englert hat für seine Arbeit als Pastoralassistent durch das Experiment Denkanstöße bekommen. Ihm ist bewusst geworden, dass er kaum mit Bürgergeld-Empfängern Kontakt hat. Für ihn nicht mehr überraschend: Die Menschen würden am sozialen Leben oft nicht teilnehmen. Die Orte und Aktivitäten, an denen sie sich treffen könnten, sind oft mit Kosten verbunden. Er möchte das ändern. Schon jetzt sind Angebote in der Pfarrei spendenbasiert, dennoch könnten Menschen aus Scham fernbleiben, weil sie zu wenig oder gar nichts beisteuern können. Auch wenn er noch keine konkrete Lösung hat: Er möchte versuchen, mehr mit Bürgergeldempfängern ins Gespräch zu kommen und Angebote schaffen, sie anzusprechen und zu integrieren. Das ist sein Fazit aus dem Selbstversuch.

Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.