Krisen und Chancen
11.03.2026


Fachkräftemangel

Wie ein indischer Azubi den Pflegealltag in Deutschland erlebt 

Deutschland wirbt dringend um Pflegekräfte aus dem Ausland – auch aus Indien. Doch für viele beginnt der neue Job mit einem Kulturschock: Dialekte statt Lehrbuchdeutsch, andere Aufgaben im Beruf und ein Alltag fern der Familie. Die Geschichte eines jungen Mannes, der trotzdem geblieben ist.
    

Auszubildender Eric Benny (l.) und Helmut Husmann, Leiter des Recruiting bei der Caritas Gesundheit in Berlin Auszubildender Eric Benny (l.) und Helmut Husmann, Leiter des Recruiting bei der Caritas Gesundheit in Berlin Foto: © Nina Schmedding/KNA

Eric Benny muss lachen, wenn er an seine ersten Tage im Berliner Krankenhaus denkt. Neun Monate hatte der junge Mann zuvor in Indien auf einer Sprachschule der Salesianer Don Boscos täglich mehrere Stunden Deutsch gelernt. Er hatte ein Sprachzertifikat und konnte sich eigentlich schon ganz gut verständigen. Im Krankenhaus dann der Schock: „Ich hatte in Indien Hochdeutsch gelernt. Stattdessen hörte ich aber von meinen Kollegen viele ganz fremde Wörter - zum Beispiel ständig 'kiekste'." Ziemlich verzweifelt sei er zunächst gewesen, erzählt der 22-Jährige - bis er nach und nach anfing, den Berliner Dialekt zu verstehen.

Fachkräfte aus dem Ausland 
sollen den Pflegenotstand lindern

Eric ist einer von rund 300.000 ausländischen Pflegekräften, die in Deutschland arbeiten. Sie kommen aus Albanien, Marokko, Vietnam, Kamerun, Uganda - oder wie Eric aus Indien. Er ist seit zwei Jahren hier und damit der Zukunft etwas voraus: Denn die Bundesregierung will mehr indische Pflegekräfte nach Deutschland holen. Dafür unterzeichneten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der indische Premierminister Narendra Modi zu Jahresbeginn eine Absichtserklärung. Es ist ein Baustein, um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzuwirken.  


Integration im Alltag: 
Unterstützung beim Start in Deutschland

Helmut Husmann leitet das "Recruiting" von ausländischen Azubis bei der Caritas Gesundheit gGmbH in Berlin. „Wir holen unsere Leute mit dem Bus vom Flughafen ab und bringen sie in ihre Wohnung", berichtet der 38-Jährige. Hilfe bei Papierkram mit Bank und Krankenkassen, ein Ausflug zum Brandenburger Tor oder gemeinsames Kochen: „Wenn wir die Menschen herholen, müssen wir sie auch integrieren", sagt der Familienvater. Auch Heimatgefühle und gegenseitiger Austausch seien wichtig: So wohnen etwa alle indischen Auszubildenden zusammen in einer WG. 

Auch Eric ist dort zu Hause, teilt sich mit sechs anderen eine Küche und ein Bad. Er ist ein gut gelaunter junger Mann, erzählt offen von seinen Anfangsschwierigkeiten. „Gerade am Tag meiner Ankunft in Berlin war es sehr kalt - und es lag Schnee. Bei mir zu Hause im Süden Indiens dagegen ist es das ganze Jahr über zwischen 28 und 45 Grad heiß." Außerdem sei er ein Dorfkind – „solche Straßen wie hier mit Laufweg und Fahrradweg hatte ich noch nie gesehen". Fremd sei ihm alles gewesen - und er habe nach dem ersten Monat überlegt, ob er die Ausbildung nicht abbrechen solle. Seine Mutter, mit der er täglich telefoniere, habe ihn dann überzeugt durchzuhalten. 

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Sprache im Pflegealltag: 
Kommunikation mit Patienten lernen

Bevor er nach Deutschland kam, sei seine größte Angst gewesen, dass es mit der Kommunikation nicht klappt und er die Patienten nicht versteht, erzählt Eric. Eine Sorge, die Horst John verstehen kann: Er ist pensionierter Schulleiter und unterrichtet an der Berliner Caritas-Klinik Sankt Anna ehrenamtlich ausländische Pflegeazubis in Deutsch. „Grammatik ist dabei weniger wichtig. Wichtig ist, den Wortschatz situationsbezogen zu üben", sagt der frühere Lehrer. Sätze wie „Haben Sie schon Wasser gelassen?" zum Beispiel, oder auch Fachvokabular wie „Speiseröhre" oder „Verschlussstöpsel". 

Wichtig sei, dass die Hemmschwelle falle, zu sprechen - auch wenn sie es „mit so 'nem ollen Berliner" zu tun haben, findet John. „Ich habe meinen Schülern auch gesagt, dass sie sich notfalls mit Handzeichen verständigen sollen. Wenn der Patient sagt, dass er den Rücken gewaschen haben will, kann er notfalls ja auch zeigen, was er möchte", sagt der 73-Jährige. 

John hat bei seinem Sprachunterricht zudem festgestellt, dass sich manchmal große kulturelle oder religiöse Unterschiede zeigen. „Eine muslimische Auszubildende hat im Unterricht einmal einen Heulanfall bekommen, weil sie hier im Krankenhaus zum ersten Mal einen nackten Mann gesehen hatte. Wir anderen mussten schmunzeln, aber für die Frau war das schon ein Problem."

Unterschiedliche Pflegeberufe: 
Ausbildung in Indien und Deutschland 

Eine weitere Hürde ist, dass eine Pflegekraft in Deutschland andere Aufgaben hat als eine Pflegekraft in Indien. „In Indien ist das ein Studium. Das heißt, man ist nachher eher so eine Art medizinischer Assistent, darf zum Beispiel Medikamente verabreichen", erklärt der Experte für internationale Fachkräftegewinnung Husmann. In Deutschland erledigen Pflegekräfte dagegen die Grundpflege - man wäscht etwa den Patienten, hilft ihm beim Anziehen oder bringt ihn zur Toilette. Eine Aufgabe, die in Indien in der Regel von der Familie des Patienten übernommen wird. 

Entsprechend haben manche Azubis, die nach Deutschland kommen, eine falsche Vorstellung von dem Beruf hierzulande - und sind enttäuscht. Auch Eric hatte sich den Pflegejob in Deutschland anders vorgestellt, gibt er zu. 

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Warum indische Pflegekräfte 
nach Deutschland kommen 

Warum lassen sich Menschen aus Indien überhaupt in Deutschland ausbilden oder kommen hierher, um in der Pflege zu arbeiten? „In Indien gibt es zu wenig Krankenhäuser. Zudem gelten die staatlichen Kliniken zum Teil als korrupt. Und bei den privaten Krankenhäusern muss man für eine Ausbildung als Pfleger manchmal 7.000 Euro bezahlen", sagt Husmann. Zudem verdienten fertige Pflegerinnen und Pfleger in Deutschland deutlich mehr als in Indien. 

Zwischen Vorurteilen und Heimweh: 
Der Alltag eines Azubis aus Indien

Und das deutsche Umfeld? Wie reagieren die Patienten auf ihn, den Pfleger aus Indien? Eric lacht und sagt: „Ich muss oft aufklären. Es gibt hier viele falsche Meinungen über Indien." Etwa "Butter Chicken" - in vielen indischen Restaurants hierzulande auf der Speisekarte - habe er noch nie im Leben gegessen. „Das gibt es gar nicht bei uns. Und ich bin auch kein Buddhist, wie viele Menschen hier zu glauben scheinen. Ich bin Katholik." 

Ob er nach seiner Ausbildung länger in Deutschland bleibt, weiß Eric noch nicht. Erst einmal ja - schließlich unterstützt er auch seine Eltern. Etwa 300 Euro monatlich schickt er von seinem Azubi-Gehalt - rund 1.400 Euro brutto im zweiten Lehrjahr - nach Hause. 

Was Eric hierzulande sehr vermisst: sich mit Menschen zu treffen, nicht nur zu chatten. „Wir haben in Indien auch alle Handys. Aber die echten Treffen scheinen uns wichtiger zu sein als den Menschen hier. Ich brauche das jedenfalls - die Stimme von jemandem hören und ihn auch umarmen zu können." 

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KNA
Artikel von KNA
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