Krisen und Chancen
30.10.2024


Die Bibel in der Therapie nutzen

Die Psychiater Paraskevi Mavrogiorgou und Georg Juckel setzen in ihrer Arbeit auch auf biblische Geschichten. Ihr Ziel: den Menschen hinter der Krankheit zu sehen und individuelle Wege aus der Krise zu finden.

Foto: © Masque – adobe.stock.com

„In erster Linie sind es Menschen, die wir vor uns haben und in zweiter Linie Patienten“, das sagt Paraskevi Mavrogiorgou im Interview mit innehalten.de. Sie und ihr Mann Georg Juckel sind Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie und können beide auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken. Mavrogiorgou kritisiert, dass in der Diagnosestellung oft der Fokus zu stark auf den diagnostischen Kriterien liegt. Dabei würde der Mensch hinter den Symptomen aus dem Blick geraten. Obwohl die Symptome bei jedem gleich erscheinen, seien sie trotzdem bei jedem anders. Dieses „anders“, also die individuelle Komponente, wurde für die Arbeit von Mavrogiorgou zunehmend wichtiger. Ihr geht es darum, den Menschen als Ganzes zu sehen - „unabhängig von seiner Krankheit“: Welche Überzeugungen hat er? Wie lebt er seine Religion? Welche gesellschaftlichen und politischen Fragen bewegen ihn? Auch Georg Juckel hat eine wichtige Beobachtung gemacht: In der Psychiatrie sei es wesentlich einfacher, über Sexualität, Suizid oder auch Schamgeschichten zu sprechen, also über Themen wie Sinn, Glück und Tod.


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Über die Bibel ins Gespräch kommen

Nach ihren Erfahrungen haben 50 % der Patienten einen religiösen Hintergrund. „Wenn Religion und Glaubensausübung für einen Menschen wichtig sind, warum sollte ich diese nicht in die Therapie einbeziehen?“, fragte sich Mavrogiorgou. Auch Juckel sieht in einem religiösen Ansatz eine Möglichkeit, über existenzielle Themen ins Gespräch zu kommen. So nutzen die griechisch-orthodoxe Christin und Juckel, der sich selbst als „Suchenden“ bezeichnet, bewusst die Bibel in der therapeutischen Arbeit – vorausgesetzt, der Patient ist offen dafür. Dabei gehe es nicht darum, eine Sonntagsschule oder Konfirmandenunterricht aufzusetzen, betont Juckel: „Es gibt auch keine Vorführungen in der Klinikkapelle.“ Stattdessen nutzen sie die Bibel, um psychische Konstellationen in Bilder zu übersetzen.

Selbstreflexion mit Hilfe von Hiob

Denn es gibt erstaunliche Ähnlichkeiten, zwischen den Problemen, mit denen biblische Gestalten zu kämpfen hatten, und den Patienten der beiden Therapeuten. So zeigt beispielsweise die biblische Figur Hiob alle Symptome einer Depression, erklärt das Ehepaar. Seine Geschichte bietet einen guten Ansatzpunkt, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ähnliche Erfahrungen machen. Hiob stellt Fragen wie „Warum muss ich leiden? Warum lässt Gott mich leiden?“. Diese „Warum“-Fragen stellten sich auch viele depressive Menschen, berichtet Mavrogiorgou.

 Psychiater Paraskevi Mavrogiorgou und Georg Juckel Psychiater Paraskevi Mavrogiorgou und Georg Juckel Foto: © privat

Auch Hiobs Ratlosigkeit und seine körperlichen Beschwerden seien für sie oft nachvollziehbar. Daher könnten diese Passagen in der Therapie einen Dialog eröffnen. Der Umgang Hiobs mit seinem Leid könne möglicherweise dabei helfen, Rückschlüsse auf die eigene Situation zu ziehen. Da in der Bibel „grundlegende menschliche Konstellationen und Zustandsbeschreibungen“ zu finden seien, helfe das Menschen, die eher distanziert sind, sich darüber auszudrücken, so die Erfahrung von Juckel.

Mit der Bibel Krisen bewältigen

Biblische Geschichten sind Entwicklungsgeschichten, so Juckel. Er nennt im Interview Josef, Elijah, Hiob oder auch Jesus als Beispiel. Sie alle machen „gute und schlechte Erfahrungen, werden ausgegrenzt, erleben Elend oder sind isoliert“. Die Figuren suchen nach Auswegen und es werden Lösungswege aufgezeigt. In ihren Gesprächen mit Patienten ist Mavrogiorgou immer wieder erstaunt, welche Schlussfolgerungen plötzlich gezogen werden – oft solche, die sie selbst gar nicht erwartet hätte, die aber trotzdem Sinn ergeben. „Das kann ich schwer in Worte fassen“, sagt sie und sieht darin ein möglicherweise „göttliches Momentum“: Jeder Mensch zieht aus der gleichen Geschichte etwas anderes raus. Der eine erkennt, dass es wenig bringt, sich mit der Warum-Frage zu quälen, ein anderer sieht darin eine Prüfung Gottes und vertraut ihm, während ein Dritter im Sinne der Selbstwirksamkeit entscheidet: „Egal, was Gott sagt, ich werde das selbst bewältigen.“ Für die Psychiaterin liegt der entscheidende Unterschied zu Prosatexten darin, dass jeder die Geschichte auf seine eigene Weise interpretiert.

Therapeuten als „Reisebegleiter”

Nüchtern betrachtet sei die Bibel eine über Jahrhunderte gewachsene Textsammlung, an der viel gearbeitet wurde. „Es ist ein menschliches Werk“, betont Juckel. Daher möchte er es auch nicht überschätzen. Sie sei kein Beratungsbuch, sondern ist „ein Reichtum an Auseinandersetzung”. In diesem Reichtum würden sie mit ihren Patienten arbeiten. Dabei verstehen die beiden Therapeuten ihre Rolle als die eines Reisebegleiters. Wir sind Lotsen, Coaches oder Trainer, sagen sie. Durch ihre Erfahrung im Umgang mit Patienten und das eigene Erleben, selbst nicht krank zu sein, hoffen sie, mögliche Wege aufzeigen zu können. Für sie ist die Bibel ein Hilfsmittel in ihrer Arbeit, um Menschen dazu anzuregen, sich fortzuentwickeln.

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Mavrogiorgou-Juckel, Paraskevi; Juckel, Georg Wie die Seele wieder Frieden findet
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Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.