Tod des Sohnes
Das Sterbebild am Berggipfel
Wie kann das Leben weitergehen, wenn das Schlimmste passiert und das eigene Kind stirbt? Lydia Hofherr hat getrauert und gezweifelt, Berge bestiegen und Bäume gepflanzt. Nun hat sie uns ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt.
Das Sterbebild von Simon Hofherr († 23) auf dem Gipfel des Geiersteins in den Bayerischen Voralpen Foto: © Burghardt
Es ist der 10. Januar 2023, als für Lydia Hofherr die Welt aus den Fugen gerät. Die Gastwirtin, Ehefrau und Mutter dreier erwachsener Söhne urlaubt gerade mit Freundinnen in Mexiko, als ein Anruf aus der oberbayerischen Heimat kommt: In der Nacht ist überraschend einer ihrer Söhne gestorben – zu Hause, im Schlaf. Simon Hofherr, ein gesunder, sportlicher junger Mann – einfach aus dem Leben geschieden. Die Suche nach der Todesursache führt zu einem Aneurysma, einer Blutgefäßerweiterung, im Gehirn. Ob ein Zusammenhang besteht mit einem schweren Arbeitsunfall, den der 23-Jährige wenige Monate zuvor erlitten hat, bleibt ungeklärt.
Damit der familiäre Hotel- und Gaststättenbetrieb weiterlaufen kann, muss die Mutter schon eine Woche nach dem Tod des Sohnes wieder „funktionieren“, an der Rezeption stehen, professionell sein. Doch in ihr ist nichts mehr wie zuvor. „Ich war ein wahnsinnig lustiger Mensch“, erinnert sich die leutselige Gastwirtin, „aber seitdem bin ich es nicht mehr. Wenn Sie trauern, sehen Sie keine Blume mehr blühen und hören Sie keinen Vogel mehr singen.“ Zur Trauer kommt Wut hinzu – „auf Gott, auf die Leute, auf die ganze Welt“ –, der Skandal einer schreienden Ungerechtigkeit. „Ich dachte, uns kann nichts Schlimmes passieren – wir sind gläubig, haben sogar einen Pfarrer und eine Klosterschwester in der Familie. Ich bin regelmäßig in die Kirche gegangen und auf Wallfahrt nach Altötting und Maria Birkenstein gefahren“, zählt Hofherr auf.
Bohrende Fragen der fassungslosen Mutter
Beim Versuch, das Geschehene zu verarbeiten, hilft der besagte Pfarrer, Karl Hofherr, ein Onkel ihres Mannes. Der Ruhestandsgeistliche kommt jede Woche zu Besuch, stellt sich den bohrenden Fragen der fassungslosen Mutter: „Warum passiert das uns?“ – „Wofür werden wir bestraft?“ – „Wie ungerecht kann der Herrgott eigentlich sein?“ Und bietet sich, mit der Erfahrung aus jahrzehntelanger Seelsorge, bereitwillig als geistlicher Prellbock an, auch wenn er dabei, wie Lydia Hofherr heute einräumt, „ganz schön aushalten“ muss.
„Ich war so eine Art Klagemauer“, erinnert sich der Geistliche. „Sie hat alles infrage gestellt. Das ganze Leben war nichts mehr. Alles war nichts. Das konnte ich ihr aber nicht krummnehmen. Das musste alles raus.“ Der Pfarrer, der ja selbst um seinen Großneffen trauert, versichert seiner Verwandten immer wieder, dass der Todesfall keine Strafe sei, erzählt von der alttestamentlichen Figur des Hiob. Er rät zum Bergwandern, das tue in der Trauer gut. Der Wut hält er gelassen entgegen: „Solange du mit Gott haderst und ihn anklagst, glaubst du noch an ihn.“
Händeringende Suche nach Sinn
Hader, Anklage – und der verzweifelte, irrationale Wunsch, das Geschehene doch noch ungeschehen zu machen: „Man möchte verhandeln, sein Leben geben für das Leben des Sohns“, beschreibt Lydia Hofherr diesen Strudel aus Gefühlen. Eine händeringende Suche nach Sinn, nach Zusammenhängen, nach einer Erzählung beginnt: Hat sich ihr Sohn seinen Todestag unbewusst vielleicht so „ausgesucht“, dass sie – im ersten Betriebsurlaub seit 30 Jahren – weit weg ist und nicht mitansehen muss, wie sie ihn hinaustragen? Und erscheinen ihr plötzliches Unwohlsein und ihr unerklärliches Frieren am Tag vor der Todesnacht nicht wie eine finstere mütterliche Vorahnung, die sich sogar in Tausenden Kilometern Entfernung äußerte?
Dann entdeckt Lydia Hofherr auf dem Computer des Verstorbenen eine
Liste. Darin hat der 23-jährige Natur- und Bergliebhaber eine Reihe von
Berggipfeln aufgeschrieben, die er noch besteigen wollte. Schnell reift
die Idee: „Wenn’s der Simon nicht mehr machen kann, dann mach’s halt
ich.“ Sie beschließt, in nur einem Jahr auf 50 Gipfel zu steigen und
überall sein Sterbebild aufzuhängen. Noch im Januar startet sie ihre
Mission, kämpft sich untrainiert bei knietiefem Schnee und unter Tränen
auf den ersten Berg.
Der Trauerschmerz verändert sich
Meist geht sie allein, manchmal sind Freundinnen mit dabei. Die Sterbebilder hinterlässt sie an geeigneter Stelle am Gipfel oder etwas unterhalb im Wald, jedenfalls „immer mit einem schönen Blick ins Tal“. Auf den ersten Touren weint sie viel, die im Arbeitsalltag unterdrückte Trauer bricht heraus. Doch allmählich bemerkt sie, dass die körperliche Anstrengung in der Natur etwas mit ihr macht: „Der Trauerschmerz verändert sich beim Raufsteigen.“ Ein Silberstreif am Horizont.
Pfarrer Hofherr beobachtet das Sterbebild-Projekt mit einem gewissen Unbehagen, fragt sich, ob es nicht zu dick aufgetragen ist, die persönlichen Erinnerungen öffentlich an so viele Gipfelkreuze zu heften. Doch dann versteht er, wie gut der Trauernden dieses Ritual tut – und erkennt eine schöne Geste darin, dass sie so den verstorbenen Sohn mit Jesus in Verbindung bringt.
Leute gehen einem aus dem Weg
Im Tal warten indes neue Herausforderungen. Denn nicht nur die Familie selbst, auch manche Nachbarn, Kollegen und Freunde sind mit dem Trauerfall überfordert. „Da gibt es Leute, die einem plötzlich aus dem Weg gehen. Sie meiden einen, melden sich nicht mehr. Es sind sogar Freundschaften zu Ende gegangen“, erzählt die Gastwirtin ratlos. Andere, berichtet sie, stellen unsensible Fragen und lassen durchblicken, dass es doch mal an der Zeit sei, zur Normalität zurückzukehren.
Und dann gibt es gut gemeinte Sätze, mit denen Lydia Hofherr nichts anfangen kann: „Was wirklich falsch ist im Umgang mit Trauernden, das ist, wenn es immer heißt: ,Meld’ dich einfach, wenn du was brauchst!‘ Nein, das funktioniert nicht. Ein Trauernder meldet sich nicht.“ Stattdessen freut sie sich, wenn jemand von sich aus spontan vorbeikommt, vielleicht einen Kuchen mitbringt – und auch bereit ist, gemeinsam zu schweigen oder an schlechten Tagen abgewiesen zu werden. Immerhin: Neben den menschlichen Enttäuschungen gibt es auch Lichtblicke. Und manch einer, von dem man es nicht erwartet hätte, steht auf einmal vor der Tür und spendet Trost.
Bäume und Begegnungen
Ein Jahr ist vergangen, und Lydia Hofherr hat nun eigentlich vor, noch einmal auf die Berge zu steigen, um alle Sterbebilder wieder abzuhängen. Doch so einfach ist das nicht. Denn eine neue Aufgabe bindet viele Kräfte: Auf einem Waldgrundstück im Familienbesitz, das der Sohn noch abgeholzt hat, pflanzt die Muttermit Helfern nach und nach an die tausend Bäume, damit die Fläche nicht brachliegt. Sie spürt: „Ich muss seine Projekte fertigbringen.“
Zudem bemerkt sie, dass die Sache mit den Sterbebildern in der Zwischenzeit eine gewisse Eigendynamik angenommen hat. Auf mehreren Bergen findet sie das Bild nicht mehr dort vor, wo sie es angebracht hat, sondern an anderer Stelle – offenbar war es heruntergefallen und von Unbekannten wieder neu befestigt worden. Ein Waldstück, in dem sie ebenfalls ein Trauerbild aufgehängt hatte, wurde sogar gerodet – doch der betreffende Baumstamm wurde als einziger aus Respektstehen gelassen. Und immer wieder kommt es zu Begegnungen und Gesprächen am Berg, bei denen die Sterbebilder eine Rolle spielen. Das ursprünglich private Projekt zieht Kreise, bindet auf die eine oder andere Weise immer mehr Menschen mit ein.
Aus den Bildern wird eine Geschichte
Schließlich wird auch der Autor dieses Beitrags auf das Schicksal von Simon Hofherr aufmerksam und rätselt über die Hintergründe des Sterbebilds, das er in den Jahren 2023 und 2024 auf drei Bergen antrifft. Im Mai 2025, nach abermaliger Sichtung des Bilds – diesmal am Geierstein über Lenggries –, beschließt er, einen Aufruf in der Pfingstausgabe des Magazins [inne]halten zu veröffentlichen, um mehr zu erfahren. Ein Leser dieser Ausgabe spricht daraufhin Pfarrer Karl Hofherr auf die Publikation an, der sofort „seinen“ Simon erkennt und das Magazin an Lydia Hofherr weitergibt. Als diese sich Wochen später schriftlich in der Redaktion meldet, schließt sich der Kreis: „Ich habe lange überlegt, ob ich antworten soll oder nicht.“
Doch sie tut es, weil trotz aller Zweifel die Überzeugung überwiegt,
dass alles, was passiert, aus einem bestimmten Grund passiert. Und dass
es wohl so sein soll, dass das von ihr begonnene Projekt nach vielen
Bergtouren und nach zweieinhalb Jahren über einen Redakteur und sein
Magazin, einen Leser und den verwandten Pfarrer wieder zu ihr
zurückkommt, um nun zu einer größeren Geschichte zu werden.
[inne]halten - das Magazin 10/2026
Uralt und wunderschön
Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Wut verwandelt sich in Hoffnung
Und heute? Lydia Hofherr nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich hab immer noch eine Scheißwut auf den Herrgott. Aber meine Wut verwandelt sich allmählich in Hoffnung.“ Die Trauer ist immer noch da. Und sie tut jeden Tag weh. Aber sie ist jetzt durchwoben von zarten Linien, die in Richtung Zukunft verlaufen, auch wieder Freude zulassen. Ein selbst gepflanzter Wald wächst heran, Blumen blühen wieder.
Und ins Gefühlschaos mischen sich ruhige, rationale Gedanken: „Was hilft mir mehr in meiner Situation: wenn ich glaube oder wenn ich nicht glaube?“ Unausgesprochen gibt Lydia Hofherr zu verstehen, dass sie die erste Option für die stimmigere, tröstlichere hält. „Die Hoffnung, Simon wiederzusehen, treibt mich jeden Tag an, weiterzumachen.“
Was guttut, ist erlaubt
Mit der Kirche hat sie nicht gebrochen, den jungen Ortspfarrer lobt sie für seine einfühlsame, engagierte Seelsorge. Und auch wenn ihr der unergründliche Herrgott ein Rätsel bleiben wird, so bekennt sie doch, dass ihre Beziehung zu ihm intensiver geworden ist. In der Familie, erzählt sie, schauen heute alle noch mehr aufeinander als früher, man lebt bewusster und sieht auch in der Arbeit klarer, was wichtig und was unwichtig ist.
Was Lydia Hofherr den Leserinnen und Lesern mitgeben will? Denen, die selbst trauern, sagt sie: „Es ist okay, wenn man eine Wut hat auf Gott. Was guttut in der Trauer, ist erlaubt. Und vor allem: Es kann weitergehen!“ Alle anderen ermutigt sie, Trauernde in ihrem Schmerz anzusehen, in den Arm zu nehmen, zu begleiten, für sie da zu sein.
Ein ungeplanter Epilog
Nach langem Gespräch im Hause Hofherr folgt noch ein Besuch auf dem Friedhof gleich nebenan. Es ist drei Uhr am Freitagnachmittag, zur Sterbestunde des Herrn läutet die Glocke, bedrohliche Gewitterwolken ziehen über den Himmel. „Postwirtssohn und Metzgermeister“ steht auf Simons Grabstein, und: „Wiedersehen ist unsere Hoffnung“. Aber diese Geschichte soll nicht auf einem Friedhof enden. Besser wäre ein Berg.
Und siehe da: Ein kurzes Schönwetterfenster erlaubt spontan den Aufstieg auf das nahe gelegene Bergmassiv. Schwermütige Gedanken über Leben und Tod, über Sinn und Schicksal werden konterkariert vom heiteren Gefühl einer fast schwebenden Leichtigkeit beim Blick vom Gipfel ins Tal. Ein Bollwerk schwarzer Wolkenhaufen schiebt sich schon aus dem Voralpenland heran, da lädt noch kurz eine kleine Kapelle auf dem Berg zur Einkehr. Während bereits Donnergrollen zu hören ist und die letzten Sonnenstrahlen das Innere des Andachtsraums mit warmem Licht fluten, fällt der Blick auf die Fensterbank neben der Eingangstür. Sechs Sterbebilder sind dort aufgestellt. Eine 18-Jährige ist unter den Verstorbenen, und ein 97-Jähriger. Auf dem hintersten Bild aber lächelt ein junger Mann mit Trachtenhut. Es ist Simon Hofherr.
Joachim Burghardt



