Wenn Mama ins Gefängnis muss: Wie Mütter in Haft um ihre Kinder kämpfen
Nur wenige Insassen in deutschen Gefängnissen sind Frauen. Mütter sind da eine Minderheit, die oft übersehen wird. Das Bedürfnis nach Kontakt zu ihren Kindern ist meist groß – und schwer zu erfüllen.
Foto: © AdobeStock - Davide Zanin
„Du hörst das Kind weinen durch die Mauern durch“, erzählt eine Mutter über ihre Zeit im Gefängnis. Das eigene Kind ins Bett bringen, ihm vorlesen, oder auch nur „Gute Nacht“ sagen – das ist für Mütter in Haft nicht möglich. Der Sohn der Betroffenen hat während ihrer Haft beim Vater gewohnt, mehr als 200 Kilometer entfernt; Besuche waren schwierig und selten.
Dass Mütter und ihre Kinder sich trotz Haftstrafe sehen können, dass sie Kontakt halten und nach der Haft wieder zusammenleben können, dafür setzt sich der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in München ein. Derzeit sind etwas mehr als zweitausend Frauen in deutschen Gefängnissen inhaftiert – damit machen sie nur fünf Prozent der Insassen aus. Dennoch: Die meisten dieser Frauen sind Mütter.
Gemeinsame Zeit für Mutter und Kind
Wer in die Frauenanstalt in München oder Aichach kommt, der wird zu Beginn der Haftstrafe über alle externen Angebote informiert: Suchthilfe, Schuldnerhilfe und eben auch die Angebote des SkF. Auf Antrag wird in einem Erstgespräch geklärt, an welchen Themen die Frauen arbeiten möchten und welche Hilfe sie benötigen. „Wenn man dann Zeit hat im Gefängnis, dann fangen viele Frauen an, nachzudenken und da wird Mutterschaft oft zu einem zentralen Thema“, erzählt die Leiterin des Fachbereichs Straffälligenhilfe des SkF München, Iris Grönecke-Kümmerer. „Da kommen Schuldgefühle hoch, auch in den Träumen, und vor allem, wenn man allein in der Zelle ist.“
Wichtig für Mütter und ihre Kinder sind die Besuchszeiten, um sich wiederzusehen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Meistens werden die jedoch nur einmal im Monat erlaubt. Weitere Kontaktmöglichkeiten gibt es nicht. Zwar könnten Briefe verschickt werden, der Kontakt zu kleineren Kindern sei damit jedoch nicht möglich, erklärt Grönecke-Kümmerer. Aber auch ein Besuch müsse erstmal organisiert werden: Weite Anfahrten könnten zum Problem werden, oft gebe es niemanden, der die Kinder begleiten kann.
Das Netzwerk für Kinder von Inhaftierten versucht, solche Besuche möglich zu machen: Sie organisieren, begleiten und fangen die Kinder und Angehörige danach auf. In der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe arbeiten sie mit dem SkF zusammen. Für Mitarbeiterin Stephanie Schmidt sind die Besuche ein zentrales Anliegen: „Kinder brauchen diese Orientierung. Sie wissen dann wieder, die Mama sieht noch genauso aus wie vorher, sie nimmt mich noch genauso in den Arm.“ Dabei achten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf, den Besuch so kind- und altersgerecht wie möglich zu gestalten; ein grauer Raum mit Tisch und Stühlen reicht da nicht aus. „Auf keinen Fall sind das Besuche mit Trennscheibe. Man muss sich anfassen können, man muss schmusen können. Im Zweifel nehmen wir auch alles Nötige mit, um die Umgebung ein bisschen schöner zu machen.“
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Mama ist weg – mit Kindern über die Haft sprechen
„Meine Mama hat etwas falsch gemacht und sie ist jetzt im Gefängnis und muss da etwas wiedergutmachen“, das, meint Stephanie Schmidt, solle Kindern ab einem gewissen Alter erklärt werden. Denn wenn die Mutter einfach weg sei, müsse ein Kind das verstehen – Lügen wie ein vorgeschobener Urlaub oder eine Geschäftsreise seien keine Lösung. „Kinder haben sehr feine Antennen dafür, dass etwas nicht stimmt. Und dann neigen Kinder dazu, sich etwas zusammenzureimen und im schlimmsten Fall es auf sich zu beziehen“, erzählt Schmidt. Das Wichtigste dabei sei immer, dass ein Kind weiß: Das hat nichts mit mir zu tun.
Kinder im Gefängnis: Mutter-Kind-Vollzug
Eine Möglichkeit, damit Kinder nicht von ihren Müttern getrennt werden müssen, ist der gemeinsame Mutter-Kind-Vollzug. In eigenen Einrichtungen leben Kleinkinder hier mit den inhaftierten Frauen zusammen. Bis zum dritten Lebensjahr ist das möglich, häufig wird dieses Modell bei Frauen genutzt, die während ihrer Haft ein Baby zur Welt bringen – für Säuglinge ist es umso wichtiger, bei ihrer Mutter bleiben zu können.
Während die Frauen arbeiten, kümmern sich Erzieherinnen um die Kinder: „Danach verbringen sie Zeit mit ihren Kindern, so wie es auch andere Mütter tun würden. Es gibt eine Küche, sie bereiten Mahlzeiten für ihre Kinder zu. Es gibt auch einen Außenbereich, sodass sie rausgehen können“, beschreibt Grönecke-Kümmerer das Leben in solchen Einrichtungen. Eine gemeinsame Mutter-Kind-Haft ist in Deutschland aber keinesfalls Normalität. Insgesamt sechs Einrichtungen gibt es, sie bieten Platz für 85 Frauen und 110 Kinder. Auch in der Justizvollzugsanstalt in München gibt es eine solche Einrichtung, allerdings wird sie momentan nicht belegt.
Der Sozialdienst katholischer Frauen in München e.V. setzt sich in seiner Fachstelle für Straffälligenhilfe besonders für Frauen in Haft ein. In diesem Jahr feiert der Verein sein 120-jähriges Jubiläum. Für seine Arbeit ist der SkF auch auf Spenden angewiesen. Mehr Infos zum Verein finden Sie unter: www.skf-muenchen.de.
Emotionales Wiedersehen
Und wie fühlt es sich an, wenn Mutter und Kind sich erst nach langer Zeit wieder in die Arme schließen können? Solche Wiedervereinigungen während oder nach der Haft seien die emotionalsten Momente ihrer Arbeit; da sind sich Iris Grönecke-Kümmerer und Stephanie Schmidt einig. Besonders während der Corona-Pandemie seien Besuche häufig nicht genehmigt worden. Grönecke-Kümmerer erzählt von einem Fall, wo Mutter und Tochter während der Haftstrafe nur über Videoanrufe Kontakt halten konnten. Zwei Jahre lang durfte die Frau ihr Kind nicht in den Arm nehmen, mit ihr toben oder spielen. „Da war es natürlich besonders emotional, als die zwei sich wieder in die Arme schließen konnten.“
Stephanie Schmidt erinnert sich an einen Besuch mit einem fünf Jahre alten Jungen bei dessen Vater. Ein Satz des Jungen kurz vor dem Besuch sei ihr im Kopf geblieben. Auf die Frage, ob er aufgeregt sei, antwortet er ihr: „Ich sehe zwar immer Fotos von meinem Papa, aber ich habe ganz vergessen, wie er riecht und wie seine Stimme klingt.“ Solch einen Moment könne es ebenso zwischen einer Mutter und ihrem Kind geben, so Schmidt. Genau das sei es, was die Kinder bei den inhaftierten Eltern vermissen: die Geborgenheit.
Für die Zeit zwischen den Besuchen würde sich Grönecke-Kümmerer für die Frauen ein Telefon im Haftzimmer wünschen. In anderen Bundesländern sei das schon gang und gäbe: Dort können einzelne eingespeicherte Nummern angerufen werden - damit auch Mütter in Haft ihren Kindern jeden Abend „Gute Nacht“ sagen können.



