Wenn Fremde auf dem Friedhof
einfach nur zuhören
Ein Gespräch kann zehn Minuten dauern - oder drei Stunden. Auf Hamburgs Ohlsdorfer Friedhof ist im Sommer ein neues Zuhör-Angebot gestartet. Fremde teilen dort Sorgen, Trauer und Glück.
Auf dem Ohlsdorfer Friedhof können Besucher mit Ehrenamtlichen über Ihre Trauer sprechen - aber auch über schöne Erlebnisse. Foto: © StockAdobe/standret
An Kapelle drei auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist es still. Helga Gebert und Gesche Ketels sitzen an einem kleinen runden Tisch vor der Eingangstür. Auf dem Tisch stehen Erdbeeren, Gläser und eine Flasche Wasser. Ein dritter Stuhl ist frei. Die beiden Frauen warten. Sie sind Teil eines neuen Projekts auf dem Hamburger Friedhof, der als größter Parkfriedhof der Welt gilt. Unter dem Motto "ZuhörZeit" stehen Ehrenamtliche an fünf bis sechs Tagen im Monat für Gespräche bereit. Seit Juni läuft eine Testphase.
Vorbild ist der Zuhör-Kiosk
Das Angebot ist anonym und überkonfessionell. Es richtet sich an Menschen, die erzählen möchten, was sie bewegt - ohne Bewertung und ohne Beratung. Hinter dem Projekt stehen die Initiativen "Nicht schnacken - machen!" und "Zuhör-Kiosk". Interessierte können selbst entscheiden, ob sie sich vor der Kapelle, in einer Sitzecke im Innenraum oder bei einem gemeinsamen Spaziergang austauschen möchten.
Die Idee ist nicht neu. In Hamburg gibt es bereits an der U-Bahn-Station Emilienstraße und in einem Einkaufszentrum in Bramfeld sogenannte Zuhör-Kioske. Das Konzept geht auf den Drehbuchautor Christoph Busch zurück. Er mietete 2017 einen leerstehenden Kiosk an der Emilienstraße, um dort zu schreiben und sich von den Menschen an der Station inspirieren zu lassen. Immer häufiger kamen Passanten mit ihm ins Gespräch. Sie erzählten von ihrem Leben, von Sorgen, Konflikten und Erinnerungen. Busch machte den Kiosk daraufhin zu einem Ort des Zuhörens.
Ehrenamtliche Gespräche in mehreren Städten
Weitere Zuhör-Kioske gibt es heute auch in Berlin, München und Basel. An der Emilienstraße engagieren sich rund 30 ehrenamtliche Zuhörerinnen und Zuhörer, die sich selbst "Ohren" nennen. In Bramfeld sind es rund 40. Zwei von ihnen sind Gebert und Ketels. "Es ist spannend, die Geschichten anderer Menschen zu hören", sagt Ketels. "Sonst lebt man in seiner Bubble." Die meisten Besucherinnen und Besucher kämen, weil sie trauerten, Stress hätten oder unter Liebeskummer litten.
Nicht nur Trauer: Auch schöne
Erlebnisse brauchen Zuhörer
Andere wollten aber auch schöne Erlebnisse teilen, sagt Katharina McLean, eine der Initiatorinnen des Projekts. Manche hätten gerade ein gutes Vorstellungsgespräch gehabt oder etwas anderes erlebt, das sie jemandem erzählen wollten. "Die schönsten Geschichten beginnen oft mit: Eigentlich habe ich gar keine Geschichte oder kein Problem, aber ..."
Die Ehrenamtlichen kommen aus unterschiedlichen Berufen. Ketels war früher Physiotherapeutin, heute ist sie im Ruhestand. Gebert arbeitete als Dozentin für Mathematikdidaktik. Eine therapeutische Ausbildung braucht es für das Projekt nicht. "Wir sind alle Laien. Wir beraten nicht, sondern wir hören zu", sagt Ketels.
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Neutral zuhören ohne Vorurteile
Gerade darin liege für viele Menschen der Unterschied zu Gesprächen im Freundes- oder Familienkreis. Viele hätten zwar ein soziales Umfeld. "Wenn man etwas der besten Freundin erzählt, hat diese aber oft eine vorgefasste Meinung und glaubt, schon alles über einen zu wissen." Ein Zuhörer sei neutral. "Die Person fühlt sich nicht gleich in eine Schublade gesteckt."
Für Gebert und Ketels ist es einer der ersten Einsätze an der Kapelle auf dem Ohlsdorfer Friedhof. An diesem Morgen bleibt es zunächst ruhig. Einmal nähert sich ein Radfahrer der Kapelle. Die Reifen rauschen über den Asphalt. Kurz blickt er zum Tisch hinüber, fährt aber weiter.
Vom ersten Zögern bis zum langen Gespräch
"Bis die Menschen zu uns kommen, vergeht manchmal einige Zeit", sagt Ketels. Auch bei den Zuhör-Kiosken schauten viele zunächst nur neugierig durchs Fenster. Ein junger Mann habe ihr einmal erzählt, er habe zwei Wochen lang überlegt, ob er selbst eine Lösung für sein Problem finden könne. "Erst dann kam er zu uns." Um die Wartezeit zu überbrücken, strickt Ketels häufig. Andere Ehrenamtliche bringen ihren Hund mit. "So kommt man leichter ins Gespräch." Einmal sei eine Mutter mit ihrem etwa achtjährigen Sohn stehen geblieben. "Sie sagte: Mein Sohn strickt auch. Und ich fragte ihn: Was strickst du denn Schönes?"Andere Besucherinnen und Besucher seien zögerlicher. "Sie gehen erst einmal hin und her", sagt Gebert. "Bis sie dann irgendwann den Mut aufbringen und fragen: Haben Sie Zeit zum Zuhören?" Ihre Antwort laute dann: "Natürlich habe ich Zeit, dafür bin ich ja da." Es brauche Mut, sich zu öffnen - besonders, wenn jemand Fehler gemacht habe oder sich für etwas schäme.
Ein Gespräch dauert meist zwischen zehn Minuten und einer Stunde. Manchmal auch deutlich länger. "Eine Person blieb einmal drei Stunden, dann war ich platt", sagt Gebert. "Sie hat furchtbar viel geweint. Das ist mir sehr nahegegangen." Wann ein Gespräch endet, ergebe sich meist von selbst, sagt Ketels - dann, wenn die Geschichte auserzählt sei. Manchmal sagten die Menschen am Ende: "Danke, so habe ich es noch gar nicht betrachtet."
Von Isabel Barragán



