Beziehung
26.11.2025

Einsamkeit – eine wachsende Gefahr für Körper und Seele

Einsamkeit betrifft heute Menschen jeden Alters – oft unbemerkt und mit schweren gesundheitlichen Folgen. Während soziale Nähe und Spiritualität heilsam wirken können, zeigt dieser Beitrag Wege aus der Isolation.
    

Foto: © Aidas-stock.adobe.com

Wenn es draußen früher dunkel und langsam kälter wird, spielt sich das Leben eher drinnen ab. Für viele Menschen ist das die schwierigste Zeit im Jahr: Weil sie noch weniger Kontakte haben und abends allein vor dem Fernseher sitzen. Einsamkeit ist weitverbreitet, unter allen Altersgruppen.

Alleinsein als Kraftquelle –
Einsamkeit als Warnsignal

Einsamkeit ist aber nicht dasselbe wie Allein-Sein, sagt Anjeli Goldrian von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum München und Freising: „Alleinsein ist ein selbstgewählter Zustand, der dazu führt, dass man sich fokussiert, Kraft tankt, in die Stille geht. Oft fühlt man sich dann freier, hat das Gefühl wieder selbstbestimmt handeln zu können.“ Stellt man den Bezug zum christlichen Glauben her, fällt auf, dass fast jede spirituelle Praxis, ob es das Gebet ist oder die Mediation, in der Regel allein ausgeübt wird. Diese Praktiken führen dazu, wieder selbstwirksam und zentriert zu sein.

Anders die Einsamkeit: Menschen haben dann das Gefühl nirgends angebunden, allein gelassen und isoliert zu sein. Dieses Gefühl ist ein Warnsignal, so wie das Gefühl des Hungers. Beide drücken ein menschliches Grundbedürfnis aus. Psychologin Anjeli Goldrian warnt: hier werden existentielle Grundbedürfnisse berührt. Etwa das Gefühl gehalten zu werden, geliebt zu sein, von den Menschen der eigenen Umgebung und auch von Gott.
    

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Wenn Einsamkeit krank macht:
Erkenntnisse der WHO

Einsamkeit ist immer negativ und hat mit Leiden zu tun. Mit schwerwiegenden Folgen: eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat herausgefunden, dass weltweit jährlich 871.000 Menschen an den Folgen von Einsamkeit sterben. Damit ist sie keine Bagatelle, chronische Einsamkeit stellt ein Risiko für die Gesundheit dar: das Immunsystem bröckelt, die Gefahr für Suchterkrankungen und Depressionen steigt. In Folge sinkt die Lebenserwartung.

Diese hohe Zahl an Opfern könnte erstaunen, weil doch in Zeiten von Social Media alle Menschen irgendwie miteinander verbunden sind. Solche virtuellen Kontakte ersetzen aber eben nicht die Begegnungen mit echten Menschen, sagt die Psychologin. Erschwerend kommt dazu, dass heutzutage viele Bürger berufsbedingt immer wieder umziehen und oft allein leben, gerade in den Großstädten.

Beziehungen als Ort der Selbstvergewisserung

Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Denn der Mensch braucht das Gegenüber, um sich seiner selbst zu vergewissern, sich zu spüren. Aber auch um Anteil zu nehmen, vom Gegenüber zu lernen. Fehlen diese Begegnungen, können soziale Fertigkeiten abnehmen und verkümmern. Anjeli Goldrian hält es deswegen für die seelische und physische Gesundheit sehr wertvoll, wenn Familien sich zum gemeinsamen Abendessen versammeln oder am Wochenende etwas miteinander unternehmen.


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Einsamkeit oft schwer erkennbar

In den Jahren als Beraterin und Psychologin hat sie festgestellt, dass Einsamkeit fast nie als Grund genannt wird, wenn Ratsuchende sich bei der Ehe- Familien- und Lebensberatung anmelden. Oft würden die Klienten selbst nicht merken, dass sie einsam sind, oder sie würden sich dafür schämen, weil sie den Grund bei sich selbst suchten. Die Psychologin nimmt das gesellschaftliche Phänomen der Einsamkeit auch deswegen sehr ernst: „Wenn man das anspricht, bestätigen die Klienten, dass sie zum Beispiel seit einem gewissen Zeitpunkt oder Ereignis nicht mehr gern unter Menschen gehen!“ Die Ratsuchenden würden dann merken, dass ihr Problem als real existierend anerkannt werde, und sie dafür nicht schräg angesehen oder belächelt würden.

Bei vielen Menschen tritt Einsamkeit während einer bestimmten Lebensphase auf: sehr oft am Lebensende, etwa ab 80 Jahren, wenn der Partner und viele Freunde verstorben und die Kinder weggezogen sind. Typisch ist auch das Alter um die 50, wenn die sogenannte Midlife-Crisis eintritt. Oder mit Mitte/Ende 20, wenn junge Leute die Ausbildung beendet, aber noch keine eigene Familie gegründet haben.

Wege aus der Isolation: Kleine Schritte
zurück ins Miteinander

Bei Beratungsgesprächen legt Anjeli Goldrian großen Wert darauf, Gefühle der Einsamkeit erstmal wahrzunehmen und zu benennen. In kleinen Schritten führt die Psychologin Klienten dazu, wieder kleine Kontakte aufzubauen: etwa, indem man selbst einkaufen geht, statt sich Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen. Oder erste Verabredungen, um zum Beispiel Hobbies mit anderen statt allein zu pflegen. Neben dem „Nach-draußen-gehen“ gehe es bei der Bekämpfung der Einsamkeit aber auch darum, in sich selbst ein „gesundes Selbstmitgefühl“ zu entwickeln, statt sich selbst abzuwerten und die Schuld für die leidvoll erlebte Zurückgezogenheit bei sich zu suchen.

Spirituelle Wege aus der Einsamkeit

Eine Option, die sicher nicht auf jeden Klienten zugeschnitten ist, sind Haustiere. Wenn die Grundbedingungen passen würden, seien hier schon gute Ergebnisse in Singlehaushalten erzielt worden, so die Psychologin. Oder zum Beispiel auch in Altenheimen, wenn eine „Heimkatze“ zugelassen worden sei.

Ebenfalls immer abhängig von Bereitschaft und Einstellung des Klienten sind Praktiken des spirituellen Lebens: also Meditation, die Teilnahme an Gottesdiensten und Gebete. Sie können helfen, sich aus der Einsamkeit herauszuarbeiten, im Vertrauen darauf, dass da jemand ist, der einen hält.

Wenn Sie sich einsam fühlen, bekommen Sie Beratung und Hilfe in allen deutschen Bistümern. Im Erzbistum München und Freising finden Sie bei der Ehe- Familien- und Lebensberatung Ansprechpartner.

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Willi Witte
Artikel von Willi Witte
Redakteur und Channel-Manager
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