Beziehung
12.07.2025

Die Magie des Vorlesens: Wie geteilte Geschichten unser Leben verändern

Was passiert, wenn man einen ganzen Tag draußen vorliest, auf Reisen in Büchern versinkt oder abends die Familie um sich versammelt? Angela Krumpen erzählt, wie das Vorlesen Verbindungen schafft und ihr Leben heller und tiefer macht – oft auf unerwartete Weise.
    

Vorlesen verändert mich, andere, das Leben. Einmal habe ich einen ganzen Tag vorgelesen. Draußen. Bei einem Kultursommer am Niederrhein. Getöpferte Becher, Ölbilder, Waffelduft. Und drei Stühle auf dem Kopfsteinpflaster, die den ganzen Tag keine fünf Minuten unbesetzt blieben. Ich war überrascht, und abends war ich heiser.

Als mich die Veranstalter baten, mich am Kultursommer zu beteiligen, hatte ich erst so gar keine Idee. Töpfern kann ich nicht. Waffeln backen wollte ich nicht. Mein Metier sind Worte. Die kann man lesen. Oder eben vorlesen

Das gute Leben braucht gute Momente

Seit ich im innehalten-Onlinemagazin die Kolumne über das „gute Leben“ schreibe, denke ich viel darüber nach, welche Bedingungen es dafür braucht. Besonders, weil gerade so viele Menschen darüber sprechen, wie schlimm alles ist – was das Leben gewiss nicht besser macht. Darüber wollte ich schreiben. Eigentlich.

Uneigentlich aber lese ich Abend für Abend vor. Neben mir gluckst es dann, werden die kleinen Augen groß, der Atem angehalten oder erleichtert aufgeseufzt. Wir sind eine Pflegefamilie und seit einiger Zeit wohnt ein kleines Mädchen bei uns, die das Lesen entdeckt. Und das Vorlesen.

Als das Kind im Bett ist, denke ich: Das gute Leben verträgt sich natürlich nicht mit dem Jammern über das Schlechte. Aber während wir jammern, uns die Vergangenheit zurückwünschen oder über die Gegenwart schimpfen, übersehen wir die schönen Momente so leicht. Meine abendlichen Vorlesestunden sind voller solcher Augenblicke.

Auf Reisen vorlesen ist magisch

Über die Jahre habe ich diesen Zauber sehr oft erlebt. Es ist z.B. etwas Magisches, auf Reisen vorzulesen. Die Geschichten werden zu Begleitern, die die Erlebnisse vertiefen und einzigartige Erinnerungen schaffen. Als ich meinen Mann kennenlernte, fand ich für jede Reise ein besonderes Vorlesebuch. In Paris war es ein Marais-Krimi, in Irland Heinrich Bölls irisches Tagebuch. Und auf den staubigen Straßen Indiens las ich „Die rote Couch“ von Yalom. Diese Bücher wurden zu einem Teil unserer Reisen, zu einem Resonanzraum für unsere Erlebnisse. Sie verbanden uns nicht nur tiefer mit den Orten, die wir besuchten, sondern auch miteinander. 

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Vorlesen für die ganze Familie

Natürlich haben wir unseren Kleinkindern Bilderbücher vorgelesen, aber schon bald lauschten auch die Kleinen unseren Vorlesestunden für Erwachsene. Es folgten Jahre, in denen sich alle ein wenig strecken mussten: Die Erwachsenen, weil ich aus Kinderbüchern las, die Kleinen, weil die Geschichten manchmal noch zu schwer und die Großen, weil die Geschichten manchmal schon zu leicht waren. Mal lachten eher die Kleinen, mal eher die Großen.

Das Wichtigste war, dass wir gemeinsam ganze Welten und Abenteuer erlebten. Wir wollten alle wissen, wie es weiterging, lasen manchmal beim Abwasch und abends noch drei Kapitel. Ganz zu schweigen von den Gesprächen, die diese Geschichten auslösten. Oder von den Dingen, die die Kinder belasteten und die wir nie erfahren hätten, hätten die Heldinnen und Helden nicht ähnlichen Kummer gehabt.


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Vorlesen macht das Leben heller und tiefer

Es sind diese gemeinsamen Momente, in denen wir eine Geschichte teilen, die mein Leben wirklich reicher machen. Das Lachen, die Spannung und das gemeinsame Erleben machen das Vorlesen zu etwas Einmaligem. Und manchmal passiert dann etwas Unerwartetes.

So wie damals, als Menschen im Kultursommer auf den Stühlen vor mir Platz nahmen und sich eine Kolumne vorlesen ließen. Mutter und Tochter, Pfarrer und Messdiener, Betreuer und Bewohner einer WG für Menschen mit Behinderungen, Freundinnen, Kinder und Ehepaare. Der Strom riss nicht ab. Fremde Menschen, Auge in Auge mit nichts als einer Geschichte zwischen uns.

Immer noch geht mir die ältere Dame nach, die gebannt zuhörte. Dann weinte sie: „Seit 70 Jahren hat mir niemand mehr vorgelesen. Ich danke Ihnen.“


Angela Krumpen
Artikel von Angela Krumpen
Journalistin, Moderatorin und Autorin
Überrascht (und ein bisschen stolz) war sie, als sie mal als „Aktivistin für ein gutes Leben“ angekündigt wurde. Passt aber, denn das Motto ihrer Arbeit ist: „Ein gutes Leben für alle“. Mehr unter: www.angela-krumpen.de